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Hörtipp: Das Verbitterungs­milieu

Foto: Steffen Voß - CC BY 2.0
Foto: Steffen Voß - CC BY 2.0

„Hass ist ge­sell­schafts­fä­hig ge­wor­den“, sag­te der Soziologe Heinz Bude ges­tern dem Deutschlandfunk. Es ge­be mitt­ler­wei­le ein Milieu von Menschen, de­nen es ob­jek­tiv so­gar recht gut gin­ge, die si­ch aber trotz­dem über­gan­gen fühl­ten. Deren Neid ver­wan­de­le si­ch in Hass auf Schwächere.

Als Beispiel für die­ses „Verbitterungsmilieu“ nann­te Heinz Bude ei­nen 52-jährigen Ingenieur:

„Denken Sie bei­spiels­wei­se an ei­nen 52-jährigen Ingenieur aus ei­ner Forschungs- und Entwicklungsabteilung ei­nes Automobilzulieferers, der qua­si von ei­nem neu­en 35-Jährigen ge­sagt kriegt, was er zu tun und zu las­sen hat, und mög­li­cher­wei­se in ei­ne an­de­re Gruppe hin­ein ge­stellt wird. Das heißt, da geht es gar nicht dar­um, dass das Leute sind, die qua­si auf dem so­zia­len Absturz si­ch be­fin­den, son­dern das Gefühl ha­ben, mir pas­sie­ren schlim­me Dinge, von de­nen in der Öffentlichkeit kei­ner re­det. Das sind auch Leute, die […] ei­nen „Hals krie­gen“, wenn sie hö­ren, in Deutschland ge­he es so gut, es wür­den so und so vie­le neue Arbeitsplätze ge­schaf­fen und wir hät­ten ein Produktionsmodell, was in Europa ein­zig­ar­tig sei. Alle die sa­gen, das stimmt doch al­les nicht, das ist ein gro­ßer Lügendiskurs, das ist ei­ne Wirklichkeitsverweigerung sei­tens der Medien, sei­tens der Politik, und dann ma­chen die auch no­ch die Arme auf für Leute, die in un­ser Land kom­men wol­len und bei de­nen über­haupt nicht ge­fragt wird, ha­ben die ei­ne Berechtigung da­zu, wol­len die ei­gent­li­ch uns nur aus­neh­men, al­so fast so ei­ne Art von exis­ten­zi­el­lem Neid, der sagt, über mei­ne Situation re­det kein Mensch, aber es wer­den die Arme auf­ge­macht für Leute, von de­nen wir über­haupt gar nicht wis­sen, was die ei­gent­li­ch in un­se­rem Lande vor­ha­ben.“

Auf 10 Prozent der Bevölkerung be­zif­fert der Soziologe die­se Gruppe. Dieses Gefühl, zu kurz ge­kom­men zu sein äu­ße­re si­ch dann im Hass auf das System – Da wä­ren wir dann wie­der bei den „Antipolitischen„.

Neben die­ser Gruppe sieht Heinz Bude ein „Dienstleistungsproletariat“:

„Das sind die Leute, die Ihnen die Pakete nach Hause brin­gen. Die ha­ben das Gefühl, dass in ih­rer Leistungsfähigkeit ein­fach durch das, was sie an Geld be­kom­men, was sie an so­zia­ler Anerkennung be­kom­men, ein gro­ßes Defizit exis­tiert.“

Wenn die­se zwei Gruppen si­ch ver­bün­de­ten, wür­de es ge­fähr­li­ch – de­ren Anteil lie­ge bei 25 Prozent. Dazu feh­le es in Deutschland no­ch an ei­ner ent­spre­chen­den Führer-Figur, die die­se Gruppe ver­ei­nen kön­ne. Und so­lan­ge die Mehrheit der Bevölkerung op­ti­mis­ti­sch blei­be, wür­den si­ch die­se Gruppen auch nicht her­aus trau­en.

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