Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Jugend oder Medien schützen? : Aus Internet wird Kindernet

Kätzchen auf einem Laptop
Zu jung fürs Internet | Foto: dougwoods - CC BY 2.0

Steffen Voß

„Welches Problem soll eigentlich ein neuer Staatsvertrag über den Jugendschutz im Internet lösen“, habe ich mich gefragt. Thomas Losse-Müller, Chef der Kieler Staatskanzlei, war beim BarCamp in Kiel und stellte sich der Diskussion.

Das Land plant offenbar so etwas wie eine eigene digitale Agenda. Zwei Themen, die Thomas Losse-Müller vorschlug waren der nächste Anlauf zum Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) und Torsten Albigs kürzlicher Aufschlag zu einer Diskussion über Meinungsvielfalt in Zeiten eines Quasi-Monopol von Google bei der Web-Suche.

Jugendschutz im Internet

Nur eine Minimallösung sei beim JMStV vorgesehen, erklärte Thomas Losse-Müller: Eltern könnten Filter-Software installieren. Und die Inhalte-Anbieter im Internet könnten dann ihre Inhalte digital mit einer Alterkennzeichnung versehen. Das sei für alle Seiten freiwillig. Freiwillig bedeutet für die Webseiten-Betreiber: Sie müssen nicht mitmachen, aber wenn sie es nicht tun, sind sie automatisch „Ab 18“.

In der Diskussion wurde das Internet immer wieder mit dem Fernsehen verglichen: Im Fernsehen gebe es Erotik erst am Abend – im Internet stünden harte Pornos rund um die Uhr zum Abruf. Auf Twitter schrieb Thomas Losse-Müller:

Ich hoffe doch, dass das Internet sich noch vom Fernsehen unterscheidet: Im Fernsehen senden Konzerne die Inhalte von anderen Konzernen um dazwischen Reklame von Konzernen einzublenden, damit wir alle mehr kaufen. Über das Internet können Menschen direkt in ein Gespräch zu einander treten: Ich betreibe hier mein kleines Blog und freue mich über kluge Kommentare von Euch.

Fernsehen wird gesendet von wenigen, die es sich leisten können an viele. Einen Rückkanal gibt es nicht. Das Internet ist Hin- und Rückkanal. Alle, die im Internet sind, können zumindest potentiell alle erreichen.

Im Fernsehen gibt es eine begrenzte Zahl von Frequenzen für Kanäle. Im Internet gibt es beliebig viele Kanäle. Wenn ein Kind die Fernbedienung in die Hand bekommt, hat es in 2 Minuten durch alle Sender gezappt und wäre dann tatsächlich auf einem Porno-Kanal gelandet, wenn das nicht reguliert wäre.

Das Internet hat noch niemand durchgezapppt. Ja, im Internet kann man echt fiese Sachen finden. Aber wer tut das denn? Oder liegt es an meinem versierten Umgang mit der Technik, dass ich nicht aus Versehen auf Pornoseiten oder Köpfungs-Video-Seiten lande? Gibt es das Problem eigentlich, das der JMSTV lösen soll? Haben wir signifikant viele Kinder, die traumatisiert sind durch das, was sie zufällig im Internet sehen? Warum gibt es dieses Problem offenbar nur in Deutschland?

Oder anders: Wieso trinken Kinder nicht ständig aus den Alkoholflaschen, die die Erwachsenen im Haus haben? Warum stürzen sie nicht ständig mit den Küchenmessern auf einander ein? Warum rennen Kinder nicht ständig vor Autos? Weil Erwachsene aufpassen und nach und nach den Kindern beibringen, was akzeptiertes Verhalten ist und was nicht. Und gemeinsam mit den Schulen bekommen die Menschen das doch offenbar sogar jetzt schon ganz gut hin.

Für Eltern, die ihre vierjährigen Kinder unbegleitet im Internet surfen lassen, sollte nicht ein JMStV zuständig sein, sondern das Jugendamt. Das Internet ist eben nicht der Fernseher. Diese Eltern wären vermutlich auch nicht die, die freiwillig Kinderschutzfilter installieren würden.

Nun kann man natürlich sagen: „Lass die doch ihre freiwillige Lösung machen.“ Denn auf diese Art funktioniert das System schon jetzt: Die Filtersoftware gibt es. Und die Webseiten-Anbieter können ihre Seiten auch schon einstufen. Es macht nur niemand. Und wenn es jemand in Zukunft macht, dann sind es die gleichen Konzerne, die schon das Fernsehen dominieren. Das Kindernet besteht nur aus Seiten wie RTL2.de, barbie.com, coke.de und t-online.de, die sich eine Rechtsabteilung für eine sichere Einschätzung leisten können. Das Blog mit den Drachenbau-Anleitungen eher nicht.

Google und Meinungsvielfalt

Und damit sind wir beim Thema „Google und Meinungsvielfalt“ – Thomas Losse-Müller hat den Vorschlag von Torsten Albig noch einmal zusammengefasst: Im Kern ging der Vorschlag davon aus, dass Google durch seinen hohen Marktanteil bei der klassischen Websuche von über 90% in Deutschland in einer ähnlichen Position ist, wie die Kabelfernsehen-Anbieter. Die seien verpflichtet ARD, ZDF & Co. privilegiert zu platzieren. Google sollte seine Suchergebnisseiten so verändern, dass auf dem ersten Platz jeweils ein Treffer eines öffentlich-rechtlichen Angebots landet. Bei denen stellten wir als Gesellschaft noch am ehesten sicher, dass es dort eine gewisse Qualität und Meinungsvielfalt gibt. Aus der Medienwelt habe es zu dem Vorschlag viel Applaus gegeben – aus dem Netz nur Häme.

Ich bin weit davon entfernt Google zu verteidigen. Das kann so ein Konzern schon selbst. Aber jede Suchmaschine sorgt dafür, dass Menschen ihre Vorurteile bestätigt bekommen. Suchmaschinen zeigen ihren Nutzern nun einmal das an, was die Nutzer gesucht haben. Wenn ich im Buchladen nach einem Buch von Thilo Sarrazin frage, muss mir der Verkäufer auch nicht erst ein gutes Buch anbieten. Es ist eine Frage der Bildung, ob Menschen schlechte Informationen erkennen oder nicht.

Nutzer, die sich für Chemtrails interessieren, finden auch Lügenpresse interessant

Warum werden Menschen anfällig für schlechte Informationen, einfache Erklärungen und Verschwörungen? Ich verkürze das jetzt mal: Weil sie sich abgehängt und ausgestoßen fühlen. Weil sie nach einem Sinn suchen. Weil sie nach gängiger Definition die Überflüssigen sind. So kommen manche auf die Idee, sich eine Definition zu suchen, die sie wichtig macht oder die erklärt, wer Schuld an ihrer Lage sei soll.

Der Vorschlag für privilegierte Plätze für ARD und ZDF in Google-Suchergebnisseiten wird schlicht kein Problem lösen. Es wird das Leben dieser Menschen nicht besser machen. Es wird sie nicht davon abhalten, sich über alternative Weltsichten zu informieren. Es wird vor allem nicht den Marktanteil von Google verkleinern.

Die Befürchtung: Das ist nur der Anfang

Nun tut diese vollkommen freiwillige Lösung beim Jugendschutz nur wenig weh und auch ein zusätzlicher Ad-Sense-artiger Eintrag für öffentlich-rechtliche Inhalte kann man zur Not ignorieren. Da aber schon klar ist, dass diese Gesetze keinen Effekt haben, ist zu befürchten, dass sie nur der Einstieg sind in immer weitergehende Regulierungen.

Im Vereinigten Königreich gibt es bereits „Pornofilter„, die von den Providern betrieben werden müssen. Deren Sperrlisten blockieren jede fünfte der 100.000 beliebtesten Internetseiten. Am Ende steht tatsächlich ein Internet, dass nichts mehr zu tun hat mit einem freien, offenen, globalen Internet und aussieht, wie RTL2 am Nachmittag – ohne dass damit irgendwelche gesellschaftlichen Probleme gelöst wären. Ut aliquid fiat.

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  1. Debatte: Wie überlebt das freie Internet?

Kommentare

Kurbelursel
Kurbelursel:

Hm. Mir scheint, manchmal macht der Hang zum Kommerz so blind, dass Lösungen für Probleme am falschen Hebel angesetzt werden.

Warum blockieren Werbeblocker alles? Sie könnten statt Whitelists doch genau so gut Blacklists pflegen und pflegen lassen. Aber dann könnte man sich dort nicht einkaufen.

Bislang wurde diese Freiwillige Selbstkontrolle als ein guter Weg gefeiert. Nach meiner Beobachtung hat sie einen Haken: Google beachtet die FSK-Label nicht und gibt die Suchergebnisse trotzdem aus. Möglicherweise muss man erst aktiv einen Filter einschalten.

Bei alternative Suchmaschinen wie Startpage und ixquick ist der Jugendschutzfilter erst mal automatisch an und kann leicht ausgestellt werden.

23.8.2015 um 12:50
Nico
Nico:

was für hanebüchen schwachsinnige Ideen. Lösungen der 70er Jahre greifen 2015 leider null, sondern richten auch noch Schaden an.

23.8.2015 um 17:49
Nils Courvoisier
Nils Courvoisier:

Jugendschutz
Ich weiß nicht, wo ich beim Jugendschutz stehen soll. aber ich kann nachvollziehen, dass Fernsehen und Internet verglichen werden. Mit den richtigen Empfangsgeräten ist es unmöglich, hunderte Sender in 2 Minuten durchzuzappen. Fernsehen sehe ich umfassender als unsere 25 Sender über DVBT, hier gehören auch die offenen Kanäle dazu und eben nicht nur der Kommerz – so wie dieser Blog. Auch im Fernsehen kann quasi jeder mitmachen. Streamingangebote gehören für mich dazu. Thomas such nach einer minimalen Konsenslösung, wir nach Freiheit auch für kleine Angebote. Was, wenn grundsätzlich alles blockiert ist im Jugendfilter, es sei denn, eine Webseite führt einen TAG aktiv ein, der den Filter deaktiviert? Sind wir mal ehrlich, es sind doch nur Kinder im einstelligen Alter betroffen, danach sind Filter wohl unwirksam. Daneben könnte eine Gruppierung (z.B. diejenige, die das FSK-Siegel vergibt) auf Antrag gezwungen werden, den Tag zu entfernen, wenn es nicht jugendfreie Angebote hat.

Meinungsvielfalt
Die Meinungsvielfalt habe ich bei Thomas anders verstanden. Aus meiner Sicht sollten ARD/ZDF aus der Diskussion rausgehalten werden, ihm ging es um die Vielfalt bei den Senderplätzen dahinter! Es ging um die Chancengleichheit von VOX und PRO7 neben n-tv. VOX hat Wettbewerbsnachteile, weil es einen höheren Sendeplatz als PRO7 hat und der Zuschauer beim Zappen oft nicht so weit zappt sondern vorher hängen bleibt. Hier wünscht er sich gleichere Chancen, ebenso auch bei Google. Im Grunde gibt es bei Google mehr Meinungsvielfalt, da (testweise) auch kleine Angebote in Top-Ergebnissen gezeigt werden (um dann CTR etc. zu bewerten und die Ergebnisse neu zu ranken). Ich glaube, er sieht Google so statisch wie die vergebenen Fernsehkanäle, was es aber nicht ist. Und letztlich möchte er Suchergebnisse weniger statisch als sie ihm erscheinen und dies irgendwie garantiert wissen. Meines Erachtens ging es nicht um ÖR Topplatzierungen bei SuMas.

Chemtrails
Irgendwo las ich, dass der Umgang mit Flüchtlingen das entscheidende Thema dieses Jahrhunderts sei oder werde. anderswo liest man, dass aufkeimender Nationalismus ein tragendes Thema werde oder die Umwelt etc., Lügenpresse und Bildung gehören dazu. Deine Anmerkungen dazu finde ich richtig. Aber am Ende führt das alles am Kernthema vorbei und beschreibt nur Symptome. Das Kernthema ist Ungleichheit. Die Schere zwischen arm und reich. Aus Geld wird Geld (mit allen Folgen wie Bildung, Einfluss etc.). Wird dieses Thema national, europäisch und global angegangen, lösen sich viele andere Themen auf oder wandern zurück in ihre Nische. Lösungen oder Ansätze oder erste Schritte hierzu im bestehenden System sind BGE, FTT oder auch gleiche Steuern auf Arbeits- und Kapitaleinkommen.

23.8.2015 um 18:08
Steffen Voß
Steffen Voß:

@Nils: Ehrlich? Ich habe den Vorschlag mit Google nicht ganz verstanden. Bei mir sind die Sender nach dem Senderdurchlauf vollkommen wirr verteilt. Ich kann es nicht beschwören, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass dann nicht ARD und ZDF schon auf 1 und 2 sind.

Ja, es ging nicht namentlich um ARD und ZDF in den Google-Treffern, sondern darum, dass es Angebote sind die deren Ansprüchen genügen.

23.8.2015 um 21:07
Nils Courvoisier
Nils Courvoisier:

Beim analogen Fernsehen war es wohl noch so, ebenso aktuell noch beim Radio (NDR2, NDR1 kommen hier als erstes), digital mag es sich geändert haben bzw. Fernsehen können nach diversen programmierten Vorgaben die Sender sortieren. Aber zumindest war sein Beispiel meines Erachtens so gedacht, dass die weiteren Wettbewerber gleiche Chancen bekommen, es ging wohl nicht um die ÖR-Qualität auf Platz 1+2. Das wäre auch Unsinn, wie Du dargelegt hast. ÖR-Qualität für Analpornos mit Shemales 😉

24.8.2015 um 00:51
Jan
Jan:

Zum Pornofilter in UK: Der Filtermechanismus wurde doch auch bereits ausgeweitet, um andere Inhalte zu sperren. Beispielsweise Webseiten die Terrorismus befeuern könnten. Da ist nun genau das eingetreten, was bereits beim Kinderpornofilter in DE befürchtet wurde: Es wird alles zensiert was irgendwie unbeliebt ist.

Und so wurde auch die Anmeldung zum Chaos Communication Congress gesperrt (http://www.ccc.de/de/updates/2014/ccc-censored-in-uk). Die Sperre lässt sich zwar leicht umgehen, aber man erkennt daran leicht wozu sperren führen: Zu noch mehr sperren.

Anstatt den Kindern von heute Inhalte vorzuenthalten (dran kommt man ja immer irgendwie) solle man sie im Medienumgang richtig erziehen.
Und wenn man das klassische, lineare TV mit dem Internet vergleicht zeigt das doch nur die eigene, fehlende Internetkompetenz auf. Mal abgesehen davon, dass diese komischen „Zeitbeschränkungen“ für das Fernsehprogramm auch nicht mehr Zeitgemäß sind. Wenn ich als 14-Jähriger Bub einen Ab-18 Film sehen will, dann lade ich den einfach aus dem Netz. Fernsehen gucken die Kids von heute doch eh nicht mehr, oder?

25.8.2015 um 11:29

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