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Jugend oder Medien schützen?: Aus Internet wird Kindernet

Kätzchen auf einem Laptop
Zu jung fürs Internet | Foto: dougwoods - CC BY 2.0

„Welches Problem soll eigentlich ein neuer Staatsvertrag über den Jugendschutz im Internet lösen“, habe ich mich gefragt. Thomas Losse-Müller, Chef der Kieler Staatskanzlei, war beim BarCamp in Kiel und stellte sich der Diskussion.

Das Land plant offenbar so etwas wie eine eigene digitale Agenda. Zwei Themen, die Thomas Losse-Müller vorschlug waren der nächste Anlauf zum Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) und Torsten Albigs kürzlicher Aufschlag zu einer Diskussion über Meinungsvielfalt in Zeiten eines Quasi-Monopol von Google bei der Web-Suche.

Jugendschutz im Internet

Nur eine Minimallösung sei beim JMStV vorgesehen, erklärte Thomas Losse-Müller: Eltern könnten Filter-Software installieren. Und die Inhalte-Anbieter im Internet könnten dann ihre Inhalte digital mit einer Alterkennzeichnung versehen. Das sei für alle Seiten freiwillig. Freiwillig bedeutet für die Webseiten-Betreiber: Sie müssen nicht mitmachen, aber wenn sie es nicht tun, sind sie automatisch „Ab 18“.

In der Diskussion wurde das Internet immer wieder mit dem Fernsehen verglichen: Im Fernsehen gebe es Erotik erst am Abend – im Internet stünden harte Pornos rund um die Uhr zum Abruf. Auf Twitter schrieb Thomas Losse-Müller:

Ich hoffe doch, dass das Internet sich noch vom Fernsehen unterscheidet: Im Fernsehen senden Konzerne die Inhalte von anderen Konzernen um dazwischen Reklame von Konzernen einzublenden, damit wir alle mehr kaufen. Über das Internet können Menschen direkt in ein Gespräch zu einander treten: Ich betreibe hier mein kleines Blog und freue mich über kluge Kommentare von Euch.

Fernsehen wird gesendet von wenigen, die es sich leisten können an viele. Einen Rückkanal gibt es nicht. Das Internet ist Hin- und Rückkanal. Alle, die im Internet sind, können zumindest potentiell alle erreichen.

Im Fernsehen gibt es eine begrenzte Zahl von Frequenzen für Kanäle. Im Internet gibt es beliebig viele Kanäle. Wenn ein Kind die Fernbedienung in die Hand bekommt, hat es in 2 Minuten durch alle Sender gezappt und wäre dann tatsächlich auf einem Porno-Kanal gelandet, wenn das nicht reguliert wäre.

Das Internet hat noch niemand durchgezapppt. Ja, im Internet kann man echt fiese Sachen finden. Aber wer tut das denn? Oder liegt es an meinem versierten Umgang mit der Technik, dass ich nicht aus Versehen auf Pornoseiten oder Köpfungs-Video-Seiten lande? Gibt es das Problem eigentlich, das der JMSTV lösen soll? Haben wir signifikant viele Kinder, die traumatisiert sind durch das, was sie zufällig im Internet sehen? Warum gibt es dieses Problem offenbar nur in Deutschland?

Oder anders: Wieso trinken Kinder nicht ständig aus den Alkoholflaschen, die die Erwachsenen im Haus haben? Warum stürzen sie nicht ständig mit den Küchenmessern auf einander ein? Warum rennen Kinder nicht ständig vor Autos? Weil Erwachsene aufpassen und nach und nach den Kindern beibringen, was akzeptiertes Verhalten ist und was nicht. Und gemeinsam mit den Schulen bekommen die Menschen das doch offenbar sogar jetzt schon ganz gut hin.

Für Eltern, die ihre vierjährigen Kinder unbegleitet im Internet surfen lassen, sollte nicht ein JMStV zuständig sein, sondern das Jugendamt. Das Internet ist eben nicht der Fernseher. Diese Eltern wären vermutlich auch nicht die, die freiwillig Kinderschutzfilter installieren würden.

Nun kann man natürlich sagen: „Lass die doch ihre freiwillige Lösung machen.“ Denn auf diese Art funktioniert das System schon jetzt: Die Filtersoftware gibt es. Und die Webseiten-Anbieter können ihre Seiten auch schon einstufen. Es macht nur niemand. Und wenn es jemand in Zukunft macht, dann sind es die gleichen Konzerne, die schon das Fernsehen dominieren. Das Kindernet besteht nur aus Seiten wie RTL2.de, barbie.com, coke.de und t-online.de, die sich eine Rechtsabteilung für eine sichere Einschätzung leisten können. Das Blog mit den Drachenbau-Anleitungen eher nicht.

Google und Meinungsvielfalt

Und damit sind wir beim Thema „Google und Meinungsvielfalt“ – Thomas Losse-Müller hat den Vorschlag von Torsten Albig noch einmal zusammengefasst: Im Kern ging der Vorschlag davon aus, dass Google durch seinen hohen Marktanteil bei der klassischen Websuche von über 90% in Deutschland in einer ähnlichen Position ist, wie die Kabelfernsehen-Anbieter. Die seien verpflichtet ARD, ZDF & Co. privilegiert zu platzieren. Google sollte seine Suchergebnisseiten so verändern, dass auf dem ersten Platz jeweils ein Treffer eines öffentlich-rechtlichen Angebots landet. Bei denen stellten wir als Gesellschaft noch am ehesten sicher, dass es dort eine gewisse Qualität und Meinungsvielfalt gibt. Aus der Medienwelt habe es zu dem Vorschlag viel Applaus gegeben – aus dem Netz nur Häme.

Ich bin weit davon entfernt Google zu verteidigen. Das kann so ein Konzern schon selbst. Aber jede Suchmaschine sorgt dafür, dass Menschen ihre Vorurteile bestätigt bekommen. Suchmaschinen zeigen ihren Nutzern nun einmal das an, was die Nutzer gesucht haben. Wenn ich im Buchladen nach einem Buch von Thilo Sarrazin frage, muss mir der Verkäufer auch nicht erst ein gutes Buch anbieten. Es ist eine Frage der Bildung, ob Menschen schlechte Informationen erkennen oder nicht.

Nutzer, die sich für Chemtrails interessieren, finden auch Lügenpresse interessant

Warum werden Menschen anfällig für schlechte Informationen, einfache Erklärungen und Verschwörungen? Ich verkürze das jetzt mal: Weil sie sich abgehängt und ausgestoßen fühlen. Weil sie nach einem Sinn suchen. Weil sie nach gängiger Definition die Überflüssigen sind. So kommen manche auf die Idee, sich eine Definition zu suchen, die sie wichtig macht oder die erklärt, wer Schuld an ihrer Lage sei soll.

Der Vorschlag für privilegierte Plätze für ARD und ZDF in Google-Suchergebnisseiten wird schlicht kein Problem lösen. Es wird das Leben dieser Menschen nicht besser machen. Es wird sie nicht davon abhalten, sich über alternative Weltsichten zu informieren. Es wird vor allem nicht den Marktanteil von Google verkleinern.

Die Befürchtung: Das ist nur der Anfang

Nun tut diese vollkommen freiwillige Lösung beim Jugendschutz nur wenig weh und auch ein zusätzlicher Ad-Sense-artiger Eintrag für öffentlich-rechtliche Inhalte kann man zur Not ignorieren. Da aber schon klar ist, dass diese Gesetze keinen Effekt haben, ist zu befürchten, dass sie nur der Einstieg sind in immer weitergehende Regulierungen.

Im Vereinigten Königreich gibt es bereits „Pornofilter„, die von den Providern betrieben werden müssen. Deren Sperrlisten blockieren jede fünfte der 100.000 beliebtesten Internetseiten. Am Ende steht tatsächlich ein Internet, dass nichts mehr zu tun hat mit einem freien, offenen, globalen Internet und aussieht, wie RTL2 am Nachmittag – ohne dass damit irgendwelche gesellschaftlichen Probleme gelöst wären. Ut aliquid fiat.

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  1. Debatte: Wie überlebt das freie Internet?

Kommentare

Kurbelursel

Hm. Mir scheint, manch­mal macht der Hang zum Kommerz so blind, dass Lösungen für Probleme am fal­schen Hebel an­ge­setzt wer­den.

Warum blo­ckie­ren Werbeblocker al­les? Sie könn­ten statt Whitelists doch ge­n­au so gut Blacklists pfle­gen und pfle­gen las­sen. Aber dann könn­te man si­ch dort nicht ein­kau­fen.

Bislang wur­de die­se Freiwillige Selbstkontrolle als ein gu­ter Weg ge­fei­ert. Nach mei­ner Beobachtung hat sie ei­nen Haken: Google be­ach­tet die FSK-Label nicht und gibt die Suchergebnisse trotz­dem aus. Möglicherweise muss man er­st ak­tiv ei­nen Filter ein­schal­ten.

Bei al­ter­na­ti­ve Suchmaschinen wie Startpage und ix­quick ist der Jugendschutzfilter er­st mal au­to­ma­ti­sch an und kann leicht aus­ge­stellt wer­den.

Nico

was für ha­ne­bü­chen schwach­sin­ni­ge Ideen. Lösungen der 70er Jahre grei­fen 2015 lei­der null, son­dern rich­ten auch no­ch Schaden an.

Nils Courvoisier

Jugendschutz
Ich weiß nicht, wo ich beim Jugendschutz ste­hen soll. aber ich kann nach­voll­zie­hen, dass Fernsehen und Internet ver­gli­chen wer­den. Mit den rich­ti­gen Empfangsgeräten ist es un­mög­li­ch, hun­der­te Sender in 2 Minuten durch­zu­zap­pen. Fernsehen se­he ich um­fas­sen­der als un­se­re 25 Sender über DVBT, hier ge­hö­ren auch die of­fe­nen Kanäle da­zu und eben nicht nur der Kommerz – so wie die­ser Blog. Auch im Fernsehen kann qua­si je­der mit­ma­chen. Streamingangebote ge­hö­ren für mi­ch da­zu. Thomas su­ch nach ei­ner mi­ni­ma­len Konsenslösung, wir nach Freiheit auch für klei­ne Angebote. Was, wenn grund­sätz­li­ch al­les blo­ckiert ist im Jugendfilter, es sei denn, ei­ne Webseite führt ei­nen TAG ak­tiv ein, der den Filter de­ak­ti­viert? Sind wir mal ehr­li­ch, es sind doch nur Kinder im ein­stel­li­gen Alter be­trof­fen, da­na­ch sind Filter wohl un­wirk­sam. Daneben könn­te ei­ne Gruppierung (z.B. die­je­ni­ge, die das FSK-Siegel ver­gibt) auf Antrag ge­zwun­gen wer­den, den Tag zu ent­fer­nen, wenn es nicht ju­gend­freie Angebote hat.

Meinungsvielfalt
Die Meinungsvielfalt ha­be ich bei Thomas an­ders ver­stan­den. Aus mei­ner Sicht soll­ten ARD/ZDF aus der Diskussion raus­ge­hal­ten wer­den, ihm ging es um die Vielfalt bei den Senderplätzen da­hin­ter! Es ging um die Chancengleichheit von VOX und PRO7 ne­ben n-tv. VOX hat Wettbewerbsnachteile, weil es ei­nen hö­he­ren Sendeplatz als PRO7 hat und der Zuschauer beim Zappen oft nicht so weit zappt son­dern vor­her hän­gen bleibt. Hier wünscht er si­ch glei­che­re Chancen, eben­so auch bei Google. Im Grunde gibt es bei Google mehr Meinungsvielfalt, da (test­wei­se) auch klei­ne Angebote in Top-Ergebnissen ge­zeigt wer­den (um dann CTR etc. zu be­wer­ten und die Ergebnisse neu zu ran­ken). Ich glau­be, er sieht Google so sta­ti­sch wie die ver­ge­be­nen Fernsehkanäle, was es aber nicht ist. Und letzt­li­ch möch­te er Suchergebnisse we­ni­ger sta­ti­sch als sie ihm er­schei­nen und dies ir­gend­wie ga­ran­tiert wis­sen. Meines Erachtens ging es nicht um ÖR Topplatzierungen bei SuMas.

Chemtrails
Irgendwo las ich, dass der Umgang mit Flüchtlingen das ent­schei­den­de Thema die­ses Jahrhunderts sei oder wer­de. an­ders­wo liest man, dass auf­kei­men­der Nationalismus ein tra­gen­des Thema wer­de oder die Umwelt etc., Lügenpresse und Bildung ge­hö­ren da­zu. Deine Anmerkungen da­zu fin­de ich rich­tig. Aber am Ende führt das al­les am Kernthema vor­bei und be­schreibt nur Symptome. Das Kernthema ist Ungleichheit. Die Schere zwi­schen arm und reich. Aus Geld wird Geld (mit al­len Folgen wie Bildung, Einfluss etc.). Wird die­ses Thema na­tio­nal, eu­ro­päi­sch und glo­bal an­ge­gan­gen, lö­sen si­ch vie­le an­de­re Themen auf oder wan­dern zu­rück in ih­re Nische. Lösungen oder Ansätze oder er­s­te Schritte hier­zu im be­stehen­den System sind BGE, FTT oder auch glei­che Steuern auf Arbeits- und Kapitaleinkommen.

Steffen Voß

@Nils: Ehrlich? Ich ha­be den Vorschlag mit Google nicht ganz ver­stan­den. Bei mir sind die Sender nach dem Senderdurchlauf voll­kom­men wirr ver­teilt. Ich kann es nicht be­schwö­ren, aber ich bin mir ziem­li­ch si­cher, dass dann nicht ARD und ZDF schon auf 1 und 2 sind. 

Ja, es ging nicht na­ment­li­ch um ARD und ZDF in den Google-Treffern, son­dern dar­um, dass es Angebote sind die de­ren Ansprüchen ge­nü­gen.

Nils Courvoisier

Beim ana­lo­gen Fernsehen war es wohl no­ch so, eben­so ak­tu­ell no­ch beim Radio (NDR2, NDR1 kom­men hier als ers­tes), di­gi­tal mag es si­ch ge­än­dert ha­ben bzw. Fernsehen kön­nen nach di­ver­sen pro­gram­mier­ten Vorgaben die Sender sor­tie­ren. Aber zu­min­dest war sein Beispiel mei­nes Erachtens so ge­dacht, dass die wei­te­ren Wettbewerber glei­che Chancen be­kom­men, es ging wohl nicht um die ÖR-Qualität auf Platz 1+2. Das wä­re auch Unsinn, wie Du dar­ge­legt hast. ÖR-Qualität für Analpornos mit Shemales 😉

Jan

Zum Pornofilter in UK: Der Filtermechanismus wur­de doch auch be­reits aus­ge­wei­tet, um an­de­re Inhalte zu sper­ren. Beispielsweise Webseiten die Terrorismus be­feu­ern könn­ten. Da ist nun ge­n­au das ein­ge­tre­ten, was be­reits beim Kinderpornofilter in DE be­fürch­tet wur­de: Es wird al­les zen­siert was ir­gend­wie un­be­liebt ist.

Und so wur­de auch die Anmeldung zum Chaos Communication Congress ge­sperrt (http://www.ccc.de/de/updates/2014/ccc-censored-in-uk). Die Sperre lässt si­ch zwar leicht um­ge­hen, aber man er­kennt dar­an leicht wo­zu sper­ren füh­ren: Zu no­ch mehr sper­ren.

Anstatt den Kindern von heu­te Inhalte vor­zu­ent­hal­ten (dran kommt man ja im­mer ir­gend­wie) sol­le man sie im Medienumgang rich­tig er­zie­hen.
Und wenn man das klas­si­sche, li­nea­re TV mit dem Internet ver­gleicht zeigt das doch nur die ei­ge­ne, feh­len­de Internetkompetenz auf. Mal ab­ge­se­hen da­von, dass die­se ko­mi­schen „Zeitbeschränkungen“ für das Fernsehprogramm auch nicht mehr Zeitgemäß sind. Wenn ich als 14-Jähriger Bub ei­nen Ab-18 Film se­hen will, dann la­de ich den ein­fach aus dem Netz. Fernsehen gu­cken die Kids von heu­te doch eh nicht mehr, oder?

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