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re:publica15 Rückschau II: Die Totale Transparenz

By: Steven Pisano - CC BY 2.0

Sensoren und Vernetzung überall – Ist eine Smarte Welt eine Überwachungsdystopie? Neben dem einen Schwerpunkt „Vertrauen“ für mich auf der re:publica in diesem Jahr der Schwerpunkt „Transparenz“ heraus geschält. Und es scheinen zwei Seiten der gleichen Medaille zu sein.

Im Rückblick hatte dieser Gedanke angefangen in der Session „Hack your City“ bei mir Wurzeln zu schlagen. Die Vortragenden haben Projekte vorgestellt, die „Bürgerwissenschaft“ mit städtischer Bürgerbeteiligung zusammenbringen: Bürger sammeln dabei auf verschiedenste Arten Daten über ihre Stadt, die wiederum zur Grundlage für politische Entscheidungen werden können.

Mit der „SenseBox“ zum Beispiel können schon Schülerinnen und Schüler ihre Umwelt erforschen. In Warschau wird damit gemessen, wie stark die Gebäude entlang einer neu eingerichteten U-Bahn-Linie durch den Bahnverkehr vibrieren.

So richtig klar geworden ist mir die Frage dann bei Carlo Rattis Vortrag „Senseable Cities„. Der MIT-Professor stellte unter anderem das „Copenhagen Wheel“ vor: Ein Hinterrad, das jedes Fahrrad zu einem Elektrofahrrad aufwertet. Neben einem Hilfsmotor ist das Rad vorgestopft mit Umwelt- und Leistungssensoren. Die wiederum arbeiten mit dem Smartphone zusammen und darüber ist das Rad mit anderen Nutzern vernetzt.

Carlo Ratti sprach davon, dass wir uns wünschten, dass die Architektur auf uns reagieren möge. Ich bin mir nicht ganz sicher, in welchem Vortrag es gesagt wurde, aber natürlich ist jedes Gebäude, das auf Menschen reagiert mit Kameras und Mikrofonen ausgestattet. Selbstfahrende Autos sind voll von Sensoren. Smarte Energienetze wissen jederzeit, wie warm wir es zu Hause haben.

In seinem re:publica Vortrag erinnerte Cory Doctorow daran, dass die Aufklärung damit begann, dass die Alchemisten nicht mehr im Geheimen forschten, sondern ihre Erkenntnisse teilten. Das Wissen wuchs, weil die Forschenden sich auf die Schultern ihrer Vorgänger stellen konnten. Heute können wir sehen, dass alle zu diesem Wissen beitragen können – alleine dadurch, dass sich eine Sensebox mit Feinstaub-Sensor an den Balkon montieren oder sich mit einem smarten Verkehrsmittel bewegen.

All diese Entwicklungen bieten großartige Chancen. Ein smartes Energienetz kann zum Beispiel bei Leistungsspitzen tausende von Heizungen leicht herunter regeln. Das ist es für jeden einzelnen unmerklich, insgesamt aber fängt es die Spitze ab. Sensoren werden unglaublich billig und man kann sie überall einbauen. Allerdings sind all die Daten, die sie sammeln, auch immer Daten über uns Menschen.

Ist Big Data die neue Aufklärung?

Frank Schmiechen von gruenderszene.de schrieb neulich:

„Wir haben Angst. Angst vor dem Verlust der Privatsphäre und unserer Freiheit. Dabei sind Daten der Schlüssel zu einer besseren Zukunft der Menschheit.“

Ist diese Demokratisierung wissenschaftlicher Methoden die Fortsetzung der Aufklärung mit den Mitteln der digitalen Technik? Manche sagen, dass es ganz gut wäre, nicht alles und jeden zu überwachen. Stehen die in der Tradition der Kirchenleute, die mit dem leben konnten, was der Mensch vor der Aufklärung über sich und die Welt wusste? Gibt es ein „zu viel“ beim Thema Wissen?

Gunter Dueck hat in seinem Vortrag zur „Schwarmdummheit“ davon gesprochen, dass unser übliches Ziel das Maximum ist. Ihm ging es vor allem darum, das Menschen das Maximum aus ihrer Arbeitszeit machen müssen. Wichtiger sei aber das Optimum. Wie machen wir das beste aus unserer Arbeitszeit? Gibt es so ein Optimum auch beim Weltwissen und streben wir nach dem Maximum, weil es vor allem gut für das Geschäft ist aber gar nicht gut für das Leben?

Diesen Datenmengen können wir mit menschlichen Möglichkeiten gar nicht mehr Herr werden. Unter dem Begriff „Big Data“ wird deswegen derzeit über eine Methode diskutiert, die gar nicht mehr danach fragt, warum etwas ist. Mit diesen Analysen erfahren wir nur, dass etwas ist. „Kunden, die dieses Buch gekauft haben, haben auch diese Schuhe gekauft.“

Wir irren aber, wenn wir meinen, dass die Antworten in den Daten liegen. Die Antworten werden durch die vorweggenommen, die die Fragen stellen. Wer einen Algorithmus programmiert, der Menschen mehr Dinge verkaufen soll, geht mit einem bestimmten Vorurteil an die Arbeit. Big Data ist vor allem ein Geschäftsmodell und kein erkenntnistheoretisches Instrument.

„Es zeichnet einen gebildeten Geist aus, sich mit jenem Grad an Genauigkeit zufrieden zugeben, den die Natur der Dinge zulässt, und nicht dort Exaktheit zu suchen, wo nur Annäherung möglich ist.“ – Aristoteles

Big Business steckt seine Claims ab

Auf der re:publica gab es an einem Stand ein T-Shirt „Data is the new Oil“ und immer wieder wird betont, dass Daten der Rohstoff der Zukunft seien. Wenn das aber der Fall ist, warum lassen wir uns dann mit den Plastikperlen und Spiegelchen von Facebook & Co. abspeisen? Ich weiß leider nicht mehr, wo ich das gelesen habe – es klingt ein wenig nach Evgeny Morozov: Wir benehmen uns wie die amerikanischen Ureinwohner als die Europäer anfingen, ihnen das Land wegzunehmen. Sie hatten offenbar kein Verständnis von Eigentum an dem Allgemeingut Raum. Sie haben sich gefreut, dass sie wertvoll wirkenden Glitzerkram dafür bekamen, dass sie etwas hergaben, von dem sie gar nicht wussten, welchen Wert es besitzt.

Das war es, was mich neulich gestört hat, als Lars Klingbeil den Artikel „Datenschutz: Paranoia und Ideologie sind schädlich – besonders für Tech-Startups!“ seiner CDU-Kollegen Thomas Jarzombek und Jens Spahn auf Twitter empfahl. Die Autoren hatte in der Tat zum Beispiel nicht vorgeschlagen, die kompletten, sondern nur die anonymisierten Daten aus der LKW-Maut als Verkehrsdaten zu verkaufen. Warum aber haben diejenigen nichts davon, die für diese Daten gesorgt haben? Zugespitzt: Sollte der Staat diese Daten den Speditionen nicht zumindest abkaufen müssen, wenn er sie weiterverkaufen will?

Eine Debatte über den Charakter einer Smarten Welt

So könnte es sich angefühlt haben, als Anfang der 70er die ersten Jusos in der SPD Atomkraft-kritische Anträge stellten. Gesellschaftlicher Konsens war, dass Atomkraft eine großartige Zukunftstechnologie ist, bei der aus einer Hand voll Dreck unendlich Energie gewonnen werden kann. Und so stellten sie die Technologie auch nicht gleich komplett in Frage, sondern baten zunächst um eine Neubau-Pause. Es sollte zunächst geklärt werden, wie man eigentlich mit den Folgen – dem Atommüll – umgehen wolle.

Eine Big-Data-Pause ist schwer vorstellbar. Die Debatte brauchen wir trotzdem.

Kommentare

Tim Schlotfeldt

Moin Steffen, da be­han­del­st du ein in­ter­es­san­tes Thema. Durch mei­ne Arbeit in der Wirtschaftsförderung bin ich der­zeit vom Begriff „Smart“ leicht ge­nervt – ein­fach, weil das ei­nes der Lieblingsworte der Europäischen Kommission ist und si­ch durch das EU-Förderprogramm Horizon 2020 zieht. Mit der Folge, dass in al­len eu­ro­päi­schen Ecken re­gio­na­le Förderprogramme mit „smar­ten“ Zielen ent­ste­hen.

Ich bin mir nicht so si­cher, dass wir mit Big Data und dem Internet of Things (oder jetzt Cyber-rhysical Systems) so dra­ma­ti­sche Fortschritte ma­chen kön­nen, wie mit­un­ter ge­hofft wird. Das Beispiel „smar­te Energienetze“ zeigt das recht gut: schon heu­te sind die Energieversorger in der Lage, prä­zi­se Vorhersagen über den an­ste­hen­den Stromverbrauch zu ma­chen. Auch das Argument Notwendigkeit zeit­ge­bun­der Tarife ist nicht mehr so ganz stich­hal­tig, da die Photovoltaikanlagen eben auch bei den üb­li­chen Lastspitzen ih­ren Strom ins Netz ein­spei­sen. Aktuell fällt mir nur ein wirk­li­ch sinn­vol­ler Grund für in­tel­li­gen­te Stromzähler ein, und das im Hinblick auf Elektromobilität. Unsere Netze sind nicht da­für aus­ge­legt, über die „letz­te Meile“ viel Energie zu trans­por­tie­ren. Wenn ein­mal die Familien ei­nes Straßenzuges kom­plett auf Elektroautos um­ge­stellt ha­ben, wird es nicht mög­li­ch sein, dass al­le Punkt 19 Uhr ih­re Fahrzeuge la­den. Hier wird ei­ne zeit­li­che Ausdehnung er­for­der­li­ch, die mit in­tel­li­gen­ten Stromzählern er­reicht wer­den kann.

Bei Wortmeldungen zum Thema Big Data ist es hilf­reich zu hin­ter­fra­gen, was ei­nen Akteur zu ei­ner Aussage treibt. Bei IBM & Co. sind es wirt­schaft­li­che Aspekte, die Unternehmen setz­ten dar­auf, dass sie in­ter­es­san­te Dienstleistungen ver­kau­fen kön­nen. Andere Unternehmen sind auf den Handel mit Daten spe­zia­li­siert.

Es gibt vie­le sinn­vol­le Anwendungen für Big Data, aber die se­he ich sel­ten im öf­fent­li­chen Raum. Und, um es ganz pro­vo­kant zu for­mu­lie­ren: Ich bin mir sehr si­cher, dass wir kei­ne bes­se­re, d.h. ge­rech­te­re und so­zia­le­re Gesellschaft durch Big Data er­hal­ten wer­den.

Steffen Voß

Der letz­te Satz ist der wich­tigs­te. Das ist ein Aspekt, zu dem ich auch no­ch et­was schrei­ben woll­te.

Bei vie­len Anwendungen ist das Ziel uns no­ch bes­ser funk­tio­nie­ren zu las­sen. Von der Fitness-Fessel, die un­se­re Körper ver­wert­ba­rer ma­chen soll bis hin zu Airbnb und Uber, wo wir auch no­ch die letz­ten Lücken in un­se­rem Privatleben wirt­schaft­li­ch nut­zen sol­len.

Was ist aber das auf­klä­re­ri­sche, das eman­zi­pa­to­ri­sche Ziel? Oder geht es wirk­li­ch nur um die Ausbeutung des neu­en Rohstoffs Daten?

Tim Schlotfeldt

Im Grunde ist Europa ei­ne sehr wohl­ha­ben­de Region. Vielleicht bin ich da phan­ta­sie­los, aber ich kann mir beim bes­ten Willen nicht vor­stel­len, wie Big Data Griechenland, Spanien, Portugal oder Irland wei­ter­hel­fen kann. So als Beispiel.

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