Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Computerspiele : eSport im Allgemeinen und im TV

Steffen Voß

eSport, elektronischer Sport also, findet immer dann statt, wenn mindestens 2 Menschen gegeneinander ein Computerspiel spielen. Das kann man dann im Internet machen oder man geht zu Grossveranstaltungen mit mehreren 100 Spielern. Doch nicht nur Chorsingen macht Freu(n)de und Sport im Verein am meisten Spass – auch die eSportler tun sich in Mannschaften zusammen. Die Teams nennt man dann „Clans“ – Entsprechend martialisch auch der Name für die Matches: „ClanWar“

Diese Nomen Klatura stammt noch aus den finsteren Zeiten der Szene, als vor allem in Spielen wie „Doom“ und „Quake“ gegeneinander angetreten wurde. Die meisten Clans heissen entsprechend auch nicht „SV Hintertupfingen“ oder „SpVgg Mannstadt-Werdelsbach“, sondern „German Attack Force“ und „Sniper Elite Squad“ – die meisten Namen sind echt peinlich. Das erklärt sich aber oft durch das junge Alter der Gründer. Mit 14 schmeisst man einfach die gefährlichsten 3 englischen Wörter zusammen, die man kennt und fertig ist der Clanname. Dass man bei der „German Attack Force“ dann nicht „Marvin Spitzinski“ oder so heissen kann, erklärt die Verwendung der sogenannten Nicknames (Spitznamen), die sich jeder Spieler selbst aussucht. Beliebte Nicknames müssen schon beim Lesen Eindruck beim Gegner hinterlassen. Marvin könnte sich zum Beispiel gut „Psycho“ nennen oder „Dr. Death“. Bei Spielern von Strategiespielen, sind leider auf die Namen der Generäle aus dem zweiten Weltkrieg sehr beliebt: Platz 1. Rommel, Platz von Manstein.

Sobald die Spieler ein gewisses Alter erreicht haben, wird diese Konvention ironisch gebrochen. Man siehe nur den Name, den mein Clan hat „Gott bin ich blöd-Clan“ und den ich mir dort geben: „ArschMitOhren“ – Man nimmt die ganze Sache nicht so ernst, glaubt nicht an eine professionelle eSport-Karriere (proGamer) und zeigt das auch nach aussen. Für die German Attack Force wäre es bestimmt auch ziemlich schlimm, wenn die von einem Haufen besiegt werden, der sich so offen zur eigenen Blödheit bekennt. 😉

Mittlerweile hat die Szene viele tausend Mitglieder in Deutschland und mit NBC-Giga sogar einen eigenen Halbtagsfernsehsender, so dass sich viele Aktivitäten aus dem Internet ins sogenannte Real Life verlegen: Die ESL (electronic sports league) – eine der grössten europäischen Ligen für Online-Gamer – veranstaltet in ganz Deutschland regelmässig öffentlich zugängliche Finale mit durchaus wachsender Beliebtheit beim Publikum. Dazu gibt es TShirt-Internethändler, die speziell für diese Zielgruppe eigene Klamotten anbietet, die vor allem mit den Insignien der Onlinewelt spielt. Wenn Dr. Death dann Psycho auf dem Weg zur Schule trifft, können diese sich gegenseitig schon zum Beispiel an dem Aufdruck „STFU“ auf der Brust als Gamer erkennen. STFU ist eine gängige Abkürzung, die vor allem in Chats und Foren benutzt wird und „Shut the Fuck up“ (Halt die Schnauze) bedeutet. Von diesen Abkürzungen gibt es jede Menge und man sollte ein paar davon kennen, wenn man sich vernünftig im Internet unterhalten will.

Diese Entwicklungen wurden von den „normalen“ Medien eigentlich überhaupt nur dann reflektiert, wenn man die Onlinespiele als Sündenbock für Schülermassaker benutzen konnte. Mein persönliches Schlüsselerlebnis mit dieser Art Berichterstattung hatte ich im Zusammenhang mit einem Artikel in der FAZ, welcher am Tag nach dem Massaker in Erfurt erschien. Die Überschrift: „Software fürs Massaker“. (Dieser Artikel ist leider der einzige zum Thema, der bei der FAZ nicht mehr online abrufbar ist) In Bildzeitungsgrösse gehörten zu dem Text voll inhaltlicher Fehler ein paar Screenshot aus dem Spiel Counterstrike, wie sie in dem Spiel niemals ergeben würden. Zum Beispiel stand der Spieler einer Gruppe von 5 oder 6 Gegnern gegenüber. Nun scheint es so, als ob man hier mit der Waffe nur wahllos in die Menge halten muss, um möglichst viel Blut zu sehen. Fakt war aber, dass diese Szene gestellt war: Die 5 oder 6 Figuren waren aus dem eigenen Team und so ein Bild kann man nur bekommen, indem man mit dem Team zusammen vom Startpunkt losläuft und sich dann zu den hinter einem laufenden Spielern umdreht. Ein Sturm der Entrüstung ging durch die Szene und die FAZ-Homepage war durch das hohe Aufkommen im Forum den ganzen Tag praktisch nicht zu erreichen. In einem direkten Gespräch, auf das sich FAZ-Herausgeber Frank Schirmacher mit ausgewählten Onlinespielern einliess, wurden keine Fehler zugegeben. Die Redaktion einer Computerzeitschrift, bei denen die FAZ-Redakteure ihre Fotos bekommen hatten, erklärten später sogar noch, dass sie immer wieder angeregt wurden, gegen die Regeln des Spiels auf die Zivilisten zu schiessen. Die Frage, die sich mir nun stellt ist: Wenn schon die FAZ mit der Recherche für ein so einfaches Thema völlig überfordert ist – welchen Gehalt können dann die Artikel zu komplexeren Themen haben?

Mittlerweile gibt es aber auch etwas neutralere Beispiele für Berichterstattung über die Szene:

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