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Mit dem Fahrrad in die Türkei

„Gibt es in der Sparkassen-Arena ei­gent­li­chen ei­nen Geldautomaten?” frag­te ich mi­ch, als ein jun­ger Mann mi­ch in der Holstenstraße an­sprach. Ob ich ei­nen Moment Zeit hät­te, woll­te er wis­sen und mir war klar, dass es ihm nicht um mei­ne Zeit son­dern um mein Geld ging. Ich hat­te Zeit – ich soll­te er­st in ei­ner drei­vier­tel Stunde am Bahnhof sein um Franziska ab­zu­ho­len. Und nein sa­gen kann ich im­mer no­ch. Erst ein­mal hö­ren, was er denn will.„Ich hab ge­ra­de mei­nen Abschluss in Archäologie ge­macht und da ist es nicht ganz leicht nen Job zu fin­den. Ich will aber auch nicht nur rum­hän­gen, des­we­gen ha­be ich mi­ch für ei­ne Ausgrabung in der Türkei ge­mel­det. Zu Anfang hat­te ich no­ch viel Zeit und da ich kein Geld hat­te, woll­te ich mit dem Fahrrad hin­fah­ren.” be­gann er zu er­klä­ren. Interessant. Wofür er nun wohl Geld ha­ben will? Die Ausgrabung wird ja wohl fi­nan­ziert sein und ei­ne Geschichte so zu be­gin­nen und dann doch für Tiere, zwie­lich­ti­ge po­li­ti­sche Ziele oder ei­ne Sekte zu sam­meln wä­re eher un­ge­schickt.

„Dann hab ich mi­ch dann um al­le ge­küm­mert: Im ehe­ma­li­gen Jugoslawien brauch­te ich auch no­ch ver­schie­de­ne Visa. Und Bosnien hat mir dann 4 DIN-A4 Seiten Begründung ge­schrie­ben und auf der letz­ten Seite stand dann, dass ich nicht durch­fah­ren dürf­te.” Ziemlich über­zeu­gend leg­te er den Umfang des Schreibens dar und wie ent­täuscht er da­durch war. Immer no­ch konn­te ich nicht er­ken­nen, wo­für er jetzt Geld von mir ha­ben woll­te – Will er die Grenzer be­stechen? Bosnien kau­fen?

„Nun ha­be ich doch no­ch ein Visum be­kom­men. Inzwischen ist aber so viel Zeit ver­stri­chen, dass ich es mit dem Fahrrad nicht mehr kom­plett schaf­fe.” (AHA! DAHER weht der Wind!) „Nun ha­be ich mir über­legt, dass ich bis Triest mit der Bahn fah­re und ab da dann ra­del.” (Ja ja ja. Frag schon nach Geld.) „Ich hab da aber na­tür­li­ch kei­ne Kohle für, aber wenn Du mir ei­ni­ge Euro ge­ben wür­dest und mir Deine E-Mail-Adresse gib­st, schrei­be ich Dir im­mer von Unterwegs, was ge­ra­de pas­siert.” Dabei hielt er mit ei­nen Flaschenkühler of­fen­bar für das Geld und ein Clipboard mit be­stimmt schon 20 E-Mail-Adressen in ver­schie­de­nen Handschriften hin.

Begeistert von der de­tail­lier­ten Geschichte spen­dier­te ich ihm ei­nen Euro und schrieb ihm mei­ne Adresse auf. „Viel Erfolg no­ch” wünsch­te ich ihm und ging mit ei­ner in­ter­es­san­ten Geschichte im Herzen wei­ter Richtung Bahnhof.

Das Wiedersehen

Sechs Monate hör­te ich nichts mehr von dem jun­gen Mann. Das war mir aber auch egal. Ich dach­te ge­le­gent­li­ch an die Geschichte und sei­ne über­zeu­gen­de Art sie zu er­zäh­len. Der Euro war gut an­ge­legt. Dann lief ich ein­mal wie­der durch die Innenstadt und fast an der glei­chen Stelle sprach mi­ch wie­der ein jun­ger Mann an. Vorsichtig tip­pe er mi­ch an und frag­te auf Englisch: „Do you speak English or Danish?” Ich er­kann­te ihn so­fort wie­der: Der glei­che, leicht ab­ge­wetz­te Look und der dün­ne, blon­de Pferdeschwanz: „Hey! Bist Du nicht der Typ, der mit dem Fahrrad in die Türkei fah­ren woll­te?” Offensichtlich er­schro­cken fiel er trotz­dem nicht aus der Rolle: „ähm ähm.. I don‘t un­der­stand any German!” Ich ging la­chend wei­ter und über­leg­te, was wohl dies­mal sei­ne Geschichte ge­we­sen sein mag.

Zu Fuß nach Dänemark
Noch ein paar Monate spä­ter: Einige Redakteure war­ten vor dem Office400 auf den Anfang des Redaktion-Treffens – ei­ner be­ginnt ganz be­geis­tert zu er­zäh­len: „Ey, was mir ge­ra­de pas­siert ist! Da spricht mi­ch son Typa uf Englisch in der Fußgängerzone an und er­zählt er kä­me aus Dänemark. Er wür­de in der Jugendherberge über­nach­ten, wä­re aber auf der Hörnbrücke von 3 Typen über­fal­len wor­den. Nun ha­be er kein Geld mehr und kei­nen Ausweis. Die dä­ni­sche Botschaft ma­che aber er­st Donnerstag wie­der auf. Und er müss­te ir­gend­wie bis da­hin so aus­kom­men. Ich hab ihm dann 4 Euro ge­ge­ben.”

Mir fiel so­fort wie­der der Fahrrad-Heini und sei­nen Versuch mi­ch auf Englisch an­zu­spre­chen: „War das son et­was run­ter­ge­kom­me­ner Typ mit blon­dem Pferdeschwanz?” Bis auf den Pferdeschwanz könn­te es wohl der Typ ge­we­sen sein und ich er­zähl­te mei­ne Geschichte von ihm. DIE wie­der­um kann­te ein an­de­rer Redakteur aus ei­ge­ner Erfahrung. Auch ihn hat­te der Typ an­ge­spro­chen. Aber er­st kürz­li­ch. Offenbar hat­te er al­so das Geld für die Fahr im­mer no­ch nicht zu­sam­men.

Die Kunst des Geschichtenerzählen
ICH fin­de das ja su­per: Die Kunst des Geschichtenerzählens ist in un­se­rer von Fernsehen und Internet be­stimm­ten Welt ein we­nig in Vergessenheit ge­ra­ten und die Nähe zu Betrügereien wie dem „Enkeltrick” lässt sie all­zu leicht zwie­lich­tig er­schei­nen.

Solltest Du dies le­sen: Deine Geschichten sind toll! Schreib ein Buch über Deine Reise in die Türkei und Deine Abenteuer als Däne in Kiel. Ich kauf Dir bei­de so­gar in der Holstenstraße ab!

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