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Kinostammtisch: Film-Rückblick 2015

By: Glen Scarborough - CC BY-SA 2.0
By: Glen Scarborough - CC BY-SA 2.0

Auch in die­sem Jahr war der Kino­st­amm­tisch wie­der ein­mal im Monat im Kino. Wie­der durf­te reih­um ei­ner ei­nen Film aus­su­chen, den die Ande­ren dann oh­ne Wider­spruch mit­sehen muss­ten. Da der Tag im­mer fest­steht und die Aus­wahl be­schränkt ist, kom­men da­bei manch­mal recht eigen­wil­lige Filme her­aus.

Januar – The Homesman

Das Kinojahr be­gann dies­mal mit ei­nem Film, der nicht ge­ra­de gu­te Laune Popcorn-Kino ist: Der Ort ist der ame­ri­ka­ni­sche Westen im 19 Jahrhundert. Die Landschaft ist karg und das Leben hart und oft kurz. Die Menschen be­ten für Stärke und trotz­dem zer­bre­chen in der klei­nen Gemeinde Loup drei Frauen dar­an – sie ver­lie­ren den Verstand. Die al­lein le­ben­de Mary Bee Cuddy (Hilary Swank) über­nimmt die Aufgabe, die drei zu ei­nem Methodistenpastor in den zi­vi­li­sier­te­ren Teil des Landes zu brin­gen. Sie ret­tet George Briggs (Tommy Lee Jones) das Leben – der hilft ihr da­für auf der wo­chen­lan­gen Tour durch die ge­fähr­li­che Einsamkeit.

Mir hat der Film gut ge­fal­len, ob­wohl wir nicht so recht wuss­ten, was wir mit dem Film an­fan­gen soll­ten. Um was ging es ei­gent­li­ch? Es geht um Frauen. Das ist wohl of­fen­sicht­li­ch. Weder ih­re Familien no­ch der Glaube ge­ben ih­nen die Stärke, die sie bräuch­ten. Es wird recht häu­fig ge­be­tet. Aber das ist nur et­was für die, de­nen es gut geht. Für die an­de­ren wirkt das mehr wie kul­tu­rel­le Gewohnheit oh­ne ech­ten Sinn. So ähn­li­ch schei­nen die Beziehungen zu den Männer zu sein, die durch und durch nicht die har­ten Western-Typen sind, die man er­war­ten könn­te. Die Männer, die Briggs hän­gen wol­len, tun das nicht ein­mal selbst, son­dern über­las­se das sei­nem Pferd, auf das sie ihn ge­fes­selt mit der Schlinge um den Hals set­zen. Die ein­zi­ge star­ke Person ist Mary Bee Cuddy. Interessant ist auch der Gegensatz zwi­schen dem kar­gen Land im Westen und dem idyl­li­schen Leben im Osten. Dort al­ler­dings ist nicht ein­mal das Geld aus dem Westen et­was Wert.

Ein kom­plet­tes Bild des Film er­gibt si­ch dar­aus für mi­ch nicht. Aber es gibt viel zu se­hen und hin­ter­her zum Nachdenken. Deswegen:

12 von 15 Punkten

Februar – Wild Tales

„Wild Tales“ ist in der Tat ei­ne Sammlung wil­der Geschichten. Der ar­gen­ti­ni­sche Episodenfilm ver­sam­melt sechs Kurzfilme, die al­le durch den deut­schen Untertitel „Jeder dreht mal durch“ zu­sam­men­ge­hal­ten wer­den. Die bes­ten die­ser Geschichten tau­gen als ur­ba­ne Legenden, die we­ni­ger sind zu­min­dest tur­bu­lent.

Ganz ne­ben­bei ge­währt der Film ei­nen Einblick in die ar­gen­ti­ni­sche Gesellschaft: Ein über­bor­den­der und kor­rup­ter Staat, der vor al­lem den Reichen Vorteile ver­schafft und die Kleinen hän­gen lässt. Das ist es meist, was die Leute zum Durchdrehen bringt.

11 von 15 Punkten

Berlinale

Im Februar ha­ben wir au­ßer­dem ei­ne Exkursion zur Berlinale un­ter­nom­men. Über die ha­be ich be­reits se­pa­rat be­rich­tet: „Meine er­s­te Berlinale“

März – Pioneer

Mal wie­der ein rich­tig gu­ter Thriller – wie er si­ch ge­hört: Zwei Brüder, Taucher, sol­len in der Norwegischen Tiefsee nach Öl boh­ren. Einer der bei­de kommt da­bei ums Leben. Der an­de­re ver­sucht her­aus­zu­fin­den, ob der ame­ri­ka­ni­sche Ölbohrkonzern oder der nor­we­gi­sche Staat et­was mit dem Tod zu tun ha­ben – oder viel­leicht so­gar bei­de? Eine span­nen­de Jagd be­ginnt. Und es ist al­les da­bei: Die be­klem­men­de Unterseewelt, die je­den Moment den Tod be­deu­ten könn­te, un­durch­sich­ti­ge Amerikaner und skru­pel­lo­se Regierungsbeamte. Der Film wirkt no­ch mehr wie ein gu­ter, al­ter Thriller, weil er im Jahr 1975 spielt und des­we­gen op­ti­sch an ei­ni­ge Filmklassiker er­in­nert. Und weil das so ist, wird das US-Remake schon ge­plant.

14 von 15 Punkten

April

– aus­ge­fal­len –

Mai

– aus­ge­fal­len –

Juni

Barnim

Juli – Victoria

Was für wahn­sin­nig span­nen­der Film: Bei „as­pek­te“ er­klär­te Regisseur Sebastian Schipper, wie span­nend es wä­re, wenn man mal un­sicht­bar li­ve bei ei­nem Banküberfall da­bei wä­re. Im Film wird dann in der Regel et­was dar­aus, bei dem das Publikum sagt: „Oh ja, ein Banküberfall“. In „Viktoria“ ge­lingt es Sebastian Schipper die­se Spannung spür­bar zu ma­chen: In ei­nem Take – al­so mit ei­ner Kamera und oh­ne Schnitt hat er die zwei­ein­halb Stunden ge­filmt. Dadurch wird das Spiel so un­mit­tel­bar und dicht wie ein Theaterstück. Die Schauspieler durch­le­ben die Geschichte in Echtzeit und ich bin als Zuschauer da­bei: Eine Stunde vor dem Überfall und ei­ne Stunde da­na­ch.

Morgens um 4 in Berlin: Auf dem Weg aus dem Club trifft die jun­ge Spanierin Viktoria die „ech­ten Berliner Jungs“: Sonne, Boxer, Fuß und Blinker. Sie zie­hen um die Häuser, klau­en Bier, lun­gern auf ei­nem Hochhausdach her­um. Viktoria und Sonne freun­den si­ch an. Dann be­kommt Boxer, der schon ein­mal im Knast ge­ses­sen hat, ei­nen zwie­lich­ti­gen Auftrag, sei­ne Freunde müs­sen ihm hel­fen und Viktoria schließt si­ch ih­nen an. Es stellt si­ch her­aus: Sie müs­sen ei­ne Bank über­fal­len!

„Viktoria“ be­ein­druckt durch durch ei­ne dich­te Atmosphäre und als Zuschauer bin ich viel dich­ter an der Handlung als son­st üb­li­ch. Dabei ist der Film kei­ne Scripted Reality Pseudo-Doku son­dern wohl kon­stru­iert. Das fängt mit den Spitznamen der Jungs an. Dann Franz Liszts „Mephisto Walzer“ kurz be­vor die Gruppe in ei­ne Tiefgarage hin­ab fah­ren und dort vom teuf­li­schen Ober-Gangster den Auftrag für den Bankraub auf­ge­drängt be­kom­men.

Ich wün­sche mir mehr Filme mit die­sem Anspruch!

15 von 15 Punkten

Zwischendurch – Escobar – Paradise Lost

Kein Kinostammtisch aber trotz­dem ei­ne Empfehlung: Man könn­te glau­ben, der Film wä­re so ein klas­si­sches Biografie-Verfilmung. Ist er aber nicht. Der Film er­zählt die Geschichte des ko­lum­bia­ni­schen Drogenbarons Pablo Escobar un­ge­fähr so, als wür­de man die Geschichte des „Paten“ aus der Rolle von Diane Keaton er­zäh­len: Im Mittelpunkt steht der jun­ge Kanadier Nick (Josh Hutcherson), der si­ch in Escobars Nichte Maria (Claudia Traisac) ver­liebt und so in die Familie von Pablo Escobar (Benicio del Torro) auf­ge­nom­men wird. Nach und nach be­kommt er mit, was hin­ter den Kulissen pas­siert. Als Escobar ganz Kolumbien in ei­nen blu­ti­gen Drogenkrieg stürzt, kommt auch Nick in Bedrängnis. Auch aus Nicks Perspektive wird Escobars ge­sell­schaft­li­cher Einfluss deut­li­ch. Nicht ganz klar wird die Tragweite sei­ner Verbrechen für das Land. All das er­fährt man nur aus den Radios oder Fernsehern. Man er­fährt auch nichts über Escobars Werdegang. Vielleicht ist der Film am ehes­ten ei­ne Charakterstudie ei­nes Drogengangsters auf dem Höhepunkt sei­ner Macht.

11 von 15 Punkten

August – Taxi Teheran

Eine Wiederholung: „Taxi Teheran“ hat­ten ei­ni­gen vom Kinostammtisch schon auf der Berlinale ge­se­hen. Inzwischen ist der Film syn­chro­ni­siert und er hat ei­nen Verleih ge­fun­den. Durch die deut­sche Sprache ver­steht man zwar ein we­nig mehr, aber es geht doch et­was ver­lo­ren. Trotzdem ein tol­ler Film.

14 von 15 Punkten

September – Manuscripts don’t burn

„Ich fin­de, wenn je­mand im Iran es schafft, ei­nen Film zu ma­chen, dann soll­ten wir uns den an­schau­en,“ war mei­ne Einladung zum Kinostammtisch im August. Und schon wie­der ein ira­ni­scher Film. Allerdings nicht so sub­til und wit­zig wie „Taxi Teheran“. „Manuscripts don’t burn“ ist ein Thriller, wie er nor­ma­ler­wei­se er­st nach dem Ende ei­ne Regimes ge­macht wird. Filmmacher Mohammad Rasoulof aber ist im Iran, filmt im Iran und zeigt den Iran, wie er die Meinungsfreiheit bru­tal un­ter­drückt.

Auf der ei­nen Seite ste­hen drei al­tern­de Intellektuelle, auf der an­de­ren Seite die stump­fen Handlanger des Regimes. Die Schriftsteller soll­ten be­reits vor Jahren in ei­nem fin­gier­ten Busunglück um­ge­bracht wer­den. Sie über­leb­ten aber und ver­su­chen nun in ei­nem letz­ten Akt der Verzweiflung die­ses Wissen zu ver­öf­fent­li­chen. Ein Zensurbeamter und sei­ne zwei Handlanger ver­su­chen das zu ver­hin­dern.

In düs­te­ren Bildern zeigt Mohammad Rasoulof, wie schlimm die Unterdrückung von Meinungsfreiheit ist. Die Schriftsteller kön­nen nicht ein­fach un­kri­ti­sche Liebesromane schrei­ben. Sie se­hen die Probleme in der Gesellschaft und sie müs­sen das öf­fent­li­ch sa­gen. Sie sind ein­fach so. In der Schlussszene läuft ei­ner der bei­den Handlanger des Regimes durch ei­ne be­leb­te Straße. Und man fragt si­ch, ob nicht auch die ganz nor­ma­len Menschen auf der Straße Probleme se­hen, die sie zu Hause oder „am Stammtisch“ be­spre­chen wür­den – mit ih­ren Mitteln ver­öf­fent­li­chen. Aber auch sie müs­sen das Regime fürch­ten. Deswegen: Wenn es je­mand im Iran schafft, ei­nen Film zu ma­chen, dann soll­te man ihn si­ch an­schau­en.

12 von 15 Punkten

Oktober – Der Sommer mit Mama

Ich hat­te lei­der kei­ne Zeit. Der Trailer sieht aber ganz ver­gnüg­li­ch aus.

Zwischendurch – Der Staat gegen Fritz Bauer

Die SPD-Kiel hat­te zum Film-Matinee ein­ge­la­den, denn Fritz Bauer war nicht nur als Generalstaatsanwalt ein über­zeug­ter Nazijäger in der jun­gen Bundesrepublik. Er war auch Jude, schwul und Sozialdemokrat – und da­mit den Nazis seit der Weimarer Republik ein Dorn im Auge. Der Film er­zählt die Episode in Fritz Bauers Leben, in der er dem Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann auf die Spur kommt. Der Staat tut hier, no­ch Anfang der 1960er al­les, um Fritz Bauers Arbeit zu be­hin­dern. So wird nicht nur ein Fritz Bauer por­trä­tiert. Es ent­steht auch ein be­drü­cken­der Eindruck des stren­gen, ge­sell­schaft­li­chen Korsetts, das die Menschen be­engt hat – An al­le wich­ti­gen Positionen im Staat sa­ßen no­ch die al­ten Nazis und ih­re neu­en Handlanger. Alles in Allem ein so­li­der Film über ei­nen be­ein­dru­cken­den Menschen.

11 von 15 Punkten

November – A Perfect Day

Erst fragt man si­ch, um was es ei­gent­li­ch geht – dann merkt man: Genau dar­um geht es. Die NGO „Aid Across Borders“ ist un­ter­wegs in Jugoslawien in den letz­ten Tagen des Balkan Kriegs, um den Menschen zu hel­fen. Doch so ein­fach ist das nicht. Der schlich­te Versuch, ei­ne Leiche aus ei­nem Brunnen zu fi­schen, wird zu ab­sur­den Odyssee durch das zer­stör­te und ver­min­te Land. Tragisch und wit­zig zu­gleich ist die­se Verfilmung des Romans „Dejarse Llover“ von Paula Farias.

9 von 15 Punkten

Dezember

Wir ha­ben den dies­jäh­ri­gen Film von Woody Allen an Woody Allens 80. Geburtstag ge­se­hen. Das war Zufall – kein Schicksal, wür­de Abe Lucas sa­gen. Er ist der Hauptcharakter in „Irrational Man“ und ein Philosophieprofessor, der ein we­nig her­un­ter­ge­kom­men ist, seit ein Freund im Irak auf ei­ne Mine trat und starb. Bis da­hin war er ein op­ti­mis­ti­scher Weltverbesserer. Erst die Gelegenheit zum per­fek­ten Mord weckt wie­der sei­ne Lebensgeister. „Die Philosophen ha­ben die Welt nur ver­schie­den in­ter­pre­tiert, es kommt dar­auf an, sie zu ver­än­dern,“ so hat es Karl Marx ein­mal ge­sagt. Abe Lucas will ei­nen kor­rup­ten Richter um­brin­gen, um ei­ner Unbekannten das Sorgerecht zu ret­ten – die Welt ein biss­chen bes­ser ma­chen. Wie mo­ra­li­sch das ist, wir ra­tio­nal man so et­was durch­pla­nen kann und ob da­bei tat­säch­li­ch Gutes her­aus­kommt – dar­um geht es in dem Film. Und es wirkt wie ein Kommentar zur Kriegspolitik der USA – Götz hat mi­ch aber dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Woody Allen si­ch schon in Match Point mit dem per­fek­ten Mord be­schäf­tigt hat – es könn­te al­so auch ganz ein­fach sein.. „Irrational Man“ ist ein bun­ter, bis­wei­len span­nen­der Woody Allen Film mit den ge­wohn­ten, flot­ten Dialogen samt wit­zi­ger Spitzfindigkeiten. Herzlichen Glückwunsch, Woody!

10 von 15 Punkten

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