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Pegida & Co.: Die allgemeine Angst vor Veränderung

Galata Brücke
Dresden oder Istanbul? | Foto: G.OZCAN - CC BY-SA 2.0

Jede Woche de­mons­trie­ren mehr Menschen in Dresden – als „Patriotische Europäer ge­gen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA). Dabei spre­chen die Fakten ei­gent­li­ch da­ge­gen, dass Sachsen von ei­nem ra­di­ka­len Islamismus un­ter­wan­dert wird. Nur 0,4% der Sachsen sind über­haupt Moslem. Ca. 100 sol­len Salafisten – al­so ra­di­ka­le Moslems sein. Aber es geht nicht um Fakten. Fremdenhass re­sul­tiert aus Fremdenangst. Und Fremdenangst kann man nur vor Menschen ha­ben, mit de­nen man we­nig zu tun hat.

Wenn man si­ch die ARD-Interviews mit PEGIDA-Teilnehmern an­hört, ist da viel kru­der Scheiß da­bei. Man kann aber auch im­mer wie­der her­aus­hö­ren, dass das klei­ne Leute sind, die Angst um ih­re ei­ge­ne Zukunft ha­ben, die von klei­nen Renten le­ben müs­sen, oder die tat­säch­li­ch vor­han­de­nen Ungerechtigkeiten in der Welt se­hen und ih­nen ma­chen die Massaker des Islamischen Staats Angst. Vieles klingt nach ei­gen­hän­dig zu­sam­men ge­klöp­pel­ten Theorien aus Zeitungsartikeln, Fernsehen und den ein­schlä­gi­gen Internetforen, die bei der Deutung hel­fen. Bei publikative.org gibt es ei­ne span­nen­de Analyse zu PEGIDA, die si­ch mit der ver­än­der­ten Mediennutzung be­schäf­tigt.

Der weiße Mann ist nicht mehr das Maß aller Dinge

Bei Vielem, was die Teilnehmer sa­gen, geht dar­um, dass die Gesellschaft si­ch ver­än­dert. Im Fernsehen hei­ßen die wich­ti­gen Leute nicht mehr Schmidt, Müller, Kunze, son­dern hin und wie­der auch Özdemir oder Fahimi. Und dann sind das im­mer mehr auch Frauen. Und es reicht auch nicht mehr, wenn die USA und Russland et­was ver­ein­ba­ren oder der Westen ei­nen Krieg führt. Die Chinesen und die Araber kau­fen die Firmen oder der Russe spon­sert den Fußballverein.

Wenn selbst Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) im­mer wie­der sagt, dass die „Welt aus den Fugen“ ge­ra­ten sei, wenn er von der Ukraine, vom Islamischen Staat oder der Ebola-Epidemie in Westafrika spricht – wie soll si­ch das für Bürgerinnen und Bürger an­füh­len? Dabei war die Welt mal so ein­fach, als sie si­ch am wei­ßen Mann ori­en­tie­ren mus­s­te und Otto Normalo si­ch zu­min­dest si­cher sein konn­te, dass die Frau in der Küche steht und der Ali nur den Müll ab­holt.

Konservatismus (auch Konservativismus; von lat. con­ser­va­re „er­hal­ten, be­wah­ren“ oder auch „et­was in sei­nem Zusammenhang er­hal­ten“) ist der Sammelbegriff für po­li­ti­sche und geis­ti­ge so­zia­le Bewegungen, die die Bewahrung der be­stehen­den oder die Wiederherstellung von frü­he­ren ge­sell­schaft­li­chen Ordnungen zum Ziel ha­ben.“ – Wikipedia

Da steckt ganz all­ge­mein ei­ne Angst vor Veränderung hin­ter. Menschen mö­gen kei­ne Veränderung, die sie si­ch nicht selbst aus­ge­sucht ha­ben. Deshalb pro­tes­tie­ren sie. Und vie­le sind so­gar no­ch so weit po­li­ti­sch auf der Höhe, dass sie wis­sen, vie­le die­ser Veränderungen ei­gent­li­ch okay so sind. Deswegen ha­ben sie nur den kleins­ten ge­mein­sa­men Nenner, ge­gen den al­le sind: Den ra­di­ka­len, ge­walt­tä­ti­gen Moslem. Und der wird dann ver­mischt mit dem sy­ri­schen Flüchtlingsmädchen und dem türkisch-stämmigen Obsthändler – weil kaum ei­ner je­mals ei­nen wasch­ech­ten Salafisten ge­trof­fen hat.

Ich hal­te es nicht für schlau, wenn Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) die Demonstranten pau­schal als „Neonazis in Nadelstreifen“ be­zeich­net und Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sie „Schande für Deutschland“ nennt. Es gab die­se Art Fremdenfeindlichkeit schon ein­mal Mitte/Ende der 1960er, als si­ch Deutschland stark ver­än­der­te. Die NPD wur­de ge­grün­det und zog in ei­ni­ge Landesparlamente ein – schei­ter­te dann bei der Bundestagswahl 1969 mit 4,3% re­la­tiv knapp an der 5%-Hürde. Und no­ch ein­mal gab es nach dem Mauerfall ei­ne Welle von Fremdenfeindlichkeit – mit den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und der DVU und den „Republikanern“ in ver­schie­de­nen Parlamenten.

Wenn man aber nicht will, dass die Masse der Menschen in die Arme der AfD lau­fen, und si­ch so die Bewegung or­ga­ni­sa­to­ri­sch ver­fes­tigt, dann muss man die Ängste ver­su­chen zu ver­ste­hen. Aber nicht die Ängste vor den Sündenböcken – den Fremden – son­dern die Ängste vor den Veränderungen in der Welt. Man muss wei­ter Flüchtlingen ei­ne si­che­re, neue Heimat bie­ten, aber man muss zum Beispiel et­was da­für tun, dass die Menschen zu­min­dest Teile ih­rer Angst ver­lie­ren und sie kei­ne Angst da­vor ha­ben müs­sen, selbst ir­gend­wann so arm zu sein, dass sie si­ch bei ei­ner „Tafel“ ver­sor­gen müs­sen.

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