Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

So flach wie breit – Von MP3 und den White Stripes

Steffen Voß

Es ist schon irgendwie Paradox: Selbst mit der billigsten Kleinbildkamera bekommt man bessere Fotos hin als mit einer guten Digitalkamera. Doch man verzichtet auf die Qualität zugunsten der Quantität, der schnellen Verfügbarkeit und einiger andere Möglichkeiten, die man mit digitalen Fotos hat, die aber 99% der Benutzer nicht nutzen.

Ähnlich sieht es mit den Tonträger aus. Wurde die Ankunft der CD noch gefeiert als richtiger Schritt weg von der alten, empfindlichen, analogen Schallplatte hin zum digitalen Medium, das man weniger vorsichtig behandeln, das man nicht umdrehen musste und auf das viel mehr Musik passte. So beklagten schon damals einige audiophile Spezialisten, dass das Klangvolumen aufgrund der Reduktion des Frequenzumfangs ärmer wäre. Mal abgesehen davon, dass viele Menschen den Unterschied nicht hörten, nahm man diesen Nachteil in Kauf für die offensichtlichen Vorteile des Silberlings.Was zur Zeit heute in Deutschlands Kinderzimmern passiert, gleicht einer Kulturrevolution: Da werden MP3s gehortet ohne Sinn und verstand. Das Datenformat, das bekannt dafür ist, die geringe Dateigrösse durch das Weglassen von Audiodaten, die das menschliche Ohr angeblich nicht wahrnehmen kann, zu erkaufen, ist noch flexibler, noch schneller im Zugriff und vor allem umsonst zu bekommen.

Waren es in den Anfangszeit noch einzelne Tracks, die man untereinander tauschte oder später langwierig aus den ersten Tauschbörsen zog, waren es später nur noch komplette Alben, während man inzwischen um die Gesamtwerke selbst von Künstlern wie Pink Floyd nicht mehr herum kommt. Einmal alles, Bitte. Hören kann so viel schon lange keiner mehr. „Haben“ ist die Devise. Ist ja auch umsonst. Ich habe mir mal – weil’s billig war 9 CDs aus dem Oeuvre von Genesis bei Ebay ersteigert und bin einfach auf grund der puren Masse dazu gekommen höchsten 1-2 davon überhaupt eingehender zu hören. Was macht aber jemand, der auf einen Schlag 14 CDs von Herbert Grönemeyer auf der Platte hat? Man hört sich nur noch die Hits an.

Parallel zur Verflachung der Audioqualität sinkt die Qualität und vor allem die Quantität der durch die Medien erreichbaren Musik. Auf allen Radiosendern läuft der gleiche Brei, bezahlt von der Musikindustrie; auf den Musiksendern laufen kaum noch Videos – gute schon gar nicht. Man will hier weg vom Clipsender und hin zum Pop-Kultursendern mit Shows, Serien und Filmen. In grossen CD-Abteilungen des Handels wird ebenfalls der Regalplatz an die grossen Labels verkauft, die dort nur die Musik plazieren, die sie auch ins Radio und ins Fernsehen bringen.

Gleichzeitig aber gibt es ein gigantisches, musikalisches Spektrum – grösser als je zuvor – das aber einfach in den Medien nicht stattfindet. Bands wie The Strokes, Kings of Leon usw. kann man mit Glück auch mal im Radio oder Fernsehen finden. Im Prinzip aber kann man sie nur aus der Fachpresse oder dem Internet kennen. Und die genannten sind noch von der bekannteren Abteilung – hier wird ja schon fast „Hype!“ geschrieen.

Allein die gesamte deutsche Halbprominenz von Blumfeld bis Blumentopf ist nur durch Mundpropaganda bekannt. Von den vielen Bands, die gar nicht bekannt sind und sich den Arsch abspielen gar nicht zu sprechen.

Und die Musikindustrie hat ein weiteres Problem: Während die Produkte anderer Hersteller immer kürzere Lebenszeiten haben, wird Musik mit der Zeit nicht schlechter. Im Gegenteil es hat sich seit Aufkommen der Schallplatte ein ungeheures Repertoire an grossartigen Aufnahmen gebildet, aus dem die Käufer schöpfen können. Das sind aber nicht die Massenumsätze, die sich die Musikindustrie wünscht. Und leider sind die Namen der Musiker zwar Qualitätsmarken, tote Musiker kann man aber zum Beispiel nicht mehr auf Promotour schicken – sie werden auch nie wieder Neues produzieren. Ihre Marke steht für ihr Oeuvre und trotz posthumer Bootleg- und Liveveröffentlichungen ist hier jede Quelle einmal erschöpft.

Internet, MP3, Gleichschaltung von Radio und TV, sinkende Absatzzahlen bei CDs, Klingeltöne. All das sind interessante Entwicklungen in der Musikbranche, die die Industrie vor das grösste Problem seit ihrer Entstehung stellt. Die Branche hat sich zu jeder Zeit verändert, zur Zeit tut die Industrie aber mit ihren „Raubkopierer in den Knast“-Kampanien allerdings so, als wäre das das einzige Problem. Da sollte man nochmal drüber nachdenken.

Hören Sie mal!
Niedergang der Hörkultur
MP3 (Wikipedia)

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