kaffeeringe.de

Diskussion: Was ist Cyberwar?

98% aller Hacker benutzen keine Handschuhe beim Hacken | Bestimmte Rechte vorbehalten von Mr. Cacahuate
98% aller Hacker benutzen keine Handschuhe beim Hacken | Bestimmte Rechte vorbehalten von Mr. Cacahuate

Bisher ha­be ich mi­ch mit dem Thema no­ch nicht rich­tig be­fas­sen müs­sen. „Cyberwar“ hat bei mir nur va­ge Assoziationen aus­ge­löst. Irgendwas mit staat­li­chen Hackern und viel­leicht als Beispiel die zer­stör­ten Zentrifugen im Iran. Wikipedia hilft in die­sem Fall nur be­dingt. Also be­ge­be ich mi­ch auf die Suche nach dem Cyberwar. Ein Exkursionsbericht.

Auf der Sicherheitskonferenz in München in ha­ben in die­sem Jahr über­ein­stim­mend Verteidigungministerin von der Leyen, Außenminister Steinmeier und Bundespräsident Gauck ei­ne Änderung der deut­schen Außenpolitik ge­for­dert. Und weil sie nicht deut­li­ch ge­sagt ha­ben, was sie wol­len, sind bei der SPD in Schleswig-Holstein die Alarmglocken an­ge­gan­gen: Das Thema Friedenspolitik woll­te man nicht den Sicherheitspolitik über­las­sen. Der Landesvorstand hat ei­nen Positionierungsvorschlag er­ar­bei­tet und lässt den jetzt dis­ku­tie­ren, bis der am Ende SPD-Position wer­den soll. Was wie­der­um ei­nen Einfluss auf die Regierungspolitik hat – so die Hoffnung.

In die­sem Text gibt es auch ei­nen Absatz über den „Rüstungswettlauf im Cyberspace„:

„Dabei hat si­ch die al­te Militärlogik neue tech­no­lo­gi­sche Sphären be­mäch­tigt. Der Rüstungswettlauf im Cyberspace läuft auf vol­len Touren. Drohnen sol­len Kriege am Computer ge­winn­bar ma­chen, oh­ne das das Leben der ei­ge­nen Soldaten ge­fähr­det wird. Und was bis­her mas­si­ve mi­li­tä­ri­sche Angriffe er­for­der­te, könn­te künf­tig im Internet be­werk­stel­ligt wer­den: Gelänge es et­wa die Stromversorgung, die Wasserversorgung und an­de­re stra­te­gi­sche Infrastrukturen in hoch­ent­wi­ckel­ten Industrieländern zu ha­cken und aus­zu­schal­ten, wür­de die­ser so an­ge­grif­fe­ne Staat in kür­zes­ter Zeit im Chaos ver­sin­ken.“

Das las si­ch nicht kom­plett fal­sch, aber Drohnen und ka­put­te Zentrifugen sind nicht die glei­che Kategorie. Irgendwie ist das schräg. Und ich hät­te da ger­ne ei­nen Absatz ste­hen, der si­ch nicht schräg an­fühlt. Zumal das Thema tat­säch­li­ch wich­tig sein könn­te.

Ich ha­be mi­ch al­so auf die Recherche für  ei­ne bes­se­re Formulierung ge­macht und das Thema ges­tern mit auf den WebMontag ge­nom­men, wo wir – zu­ge­ge­ben in klei­ner Runde – par­al­lel zum Deutschlandspiel ei­ne gu­te Diskussion über Cyberwar hat­ten.

Zunächst ha­be ich die Themen ge­trennt:

  1. Drohnen an si­ch, sind nichts an­de­res als Distanzwaffen. Egal ob Interkontinentalraketen oder Pfeil und Bogen – Waffentechnik hat im­mer ver­sucht, die ei­ge­nen Leute zu schüt­zen und die an­de­ren die schä­di­gen.
  2. Die Anwendung von Drohnen, wie es die USA zur­zeit be­trei­ben, kann man kri­ti­sie­ren: Sie tö­tet mit Drohnen oh­ne recht­li­che Grundlage Menschen. Aber das ist nicht der Kern von Cyberwar.
  3. Und dann bleibt in dem Absatz der Teil, den ich als Cyberwar be­zeich­nen wür­de – ex­pli­zit steht das Wort dort al­ler­dings nicht.

Unter „Methoden des Cyberkriegs“ zäh­len die Leute bei Wikipedia ei­ni­ges auf: „Spionage, Defacement, Social Engineering, Einschleusen von kom­pro­mit­tier­ter Hardware, Denial-of-Service-Attacken und Materielle Angriffe (Zerstören, Sabotage, Ausschalten) von Hardware (z. B. Kabel-, Antennen- und Satellitenverbindungen).“ Da fällt schon beim ers­ten Lesen auf, dass da ei­ni­ge Dinge da­bei sind, die merk­wür­dig er­schei­nen: Defacements sol­len Cyberwar sein? Spionage? Sind wir dann im Cyberwar mit den USA?

Dr. Myriam Dunn Cavelty  von der Forschungsstelle für Sicherheitspolitik der ETH Zürich sagt des­we­gen auch, dass es Cyberwar nicht gibt:

„Niemand be­strei­tet, dass wir als Gesellschaften au­ßer­or­dent­li­ch ver­netzt und ab­hän­gig und des­halb, theo­re­ti­sch, „ver­wund­bar“ sind. Aber das Verunstalten von Webseiten ist kein Cyberwar. DDoS-Attacken, auch wenn Banken be­trof­fen sind, sind kein Cyberwar. Das Ausspionieren von Regierungsgeheimnissen oder der Klau von Wirtschaftsgeheimnissen mit­hil­fe von Computern ist kein Cyberwar. Elektronische Kriegsführung ist nicht Cyberwar. Das Verbreiten von halb wah­rer oder nicht wah­rer Information im Krieg ist kein Cyberwar. Nicht ein­mal die Sabotage ei­ner Industrieanlage mit­hil­fe von aus­ge­klü­gel­ter Malware ist Cyberwar.“

Der Politikwissenschaftler Dr. Ralf Bendrath sag­te da­ge­gen:

„Am wei­tes­ten ent­fernt von den bis­he­ri­gen Vorstellungen von Krieg und Frieden sind die Ansätze des ‚Netwar‘. Nach die­sem Modell, in dem nicht mehr der Körper des Gegners das Ziel phy­si­scher Angriffe ist, son­dern sein Willen durch ei­ne Informationsdominanz di­rekt ver­än­dert wer­den soll, wür­de in der Konsequenz je­de Form von ideo­lo­gi­scher oder po­li­ti­scher Auseinandersetzung als Krieg ge­wer­tet wer­den.“

Also: Alles ist Cyberwar. Wenn man aber ei­nen Begriff so­weit dehnt, dass er al­les und nichts be­deu­tet, ist er wert­los. Also fang ich ei­ne Stufe tie­fer an: Was ist Krieg?

Was ist Krieg?

„Krieg be­zeich­net ei­nen or­ga­ni­sier­ten, mit Waffen ge­walt­sam aus­ge­tra­ge­nen Konflikt zwi­schen Staaten bzw. zwi­schen so­zia­len Gruppen der Bevölkerung ei­nes Staates (Bürger-K.).“

Diese Definition der Bundeszentrale für po­li­ti­sche Bildung hat mir  ei­ne Frage be­ant­wor­tet und wirft zwei neue auf:

  1. Klar ist, dass Kriege zwi­schen Staaten statt­fin­den und Staaten sind mir hin­rei­chend ge­nug de­fi­niert.
  2. Was aber sind Waffen? Also: Was sind Cyberwaffen?
  3. Was ist Gewalt?

Was sind Waffen?

Ein Blick ins Waffengesetz zeigt: Waffen sind trag­ba­re Gegenstände, „die ih­rem Wesen nach da­zu be­stimmt sind, die Angriffs- oder Abwehrfähigkeit von Menschen zu be­sei­ti­gen oder her­ab­zu­set­zen ..“ oder Gegenstände, die da­zu be­nutzt wer­den. Allerdings macht das Gesetz auch klar, dass es nur Waffen be­trifft, die kei­ne Kriegswaffen sind.

Die Leute bei Wikipedia sa­gen: „Per Definition sind Kriegswaffen al­le Waffen, die in ei­nem Krieg zum Einsatz kom­men kön­nen.“ – Ein schö­nes Beispiel für ei­ne Tautologie, die mi­ch aber nicht wei­ter bringt.

Was ist Gewalt?

Aus mei­nem Studium er­in­ner­te ich  mi­ch an die Unterscheidung von Macht und Gewalt bei Hannah Ahrendt. Das sag­te aber mehr über Macht aus, als über Gewalt. Also für die schnel­le Orientierung wie­der die Leute von Wikipedia: „Unter den Begriff Gewalt .. fal­len Handlungen, .. durch die auf Menschen .. be­ein­flus­send, ver­än­dernd und/oder schä­di­gend ein­ge­wirkt wird.“ Das ist ja auch schon wie­der Alles und Nichts.  Aber viel­leicht hal­te ich mal das Zwischenergebnis fest:

„In ei­nem Cyberwar wer­den Menschen auf di­gi­ta­le Art und Weise von Staaten be­ein­flusst, ver­än­dert und/oder ge­schä­digt wer­den.“

Aus der Diskussion beim WebMontag ha­be ich mit­ge­nom­men, dass Krieg im­mer ei­ne Propagandaseite hat und dass die eben heu­te per Internet be­trie­ben wird. Das ist aber nicht das, vor was der Antrag warnt:

„Gelänge es et­wa die Stromversorgung, die Wasserversorgung und an­de­re stra­te­gi­sche Infrastrukturen in hoch­ent­wi­ckel­ten Industrieländern zu ha­cken und aus­zu­schal­ten, wür­de die­ser so an­ge­grif­fe­ne Staat in kür­zes­ter Zeit im Chaos ver­sin­ken.“

Da geht es nicht nur um hand­fes­te Schäden, son­dern um den Untergang der Zivilisation in den be­trof­fe­nen Staaten. Die Frage ist al­ler­dings, ob das ei­ne rea­lis­ti­sche Option ist. Wie viel Aufwand trei­ben wir heu­te, um nur die ge­mein­sa­me Währung zum Beispiel mit Griechenland auf­recht zu er­hal­ten. Nicht aus­zu­ma­len, was pas­sie­ren wür­de, wenn man tat­säch­li­ch die ge­sam­te Infrastruktur ei­nes Landes lahm­legt. Innerhalb von Tagen müss­te welt­weit die Wirtschaft, wie wir sie ken­nen zu­sam­men­bre­chen. So wur­de ges­tern auch er­wähnt, dass im Zweiten Weltkrieg zwar da­mit ex­pe­ri­men­tiert wur­de, geg­ne­ri­sche Währungen durch Falschgeld zu de­sta­bi­li­sie­ren – das wur­de aber nur sehr vor­sich­tig ge­macht, weil kei­ne Seite ei­ne neue Weltwirtschaftskrise par­al­lel zum Krieg ris­kie­ren woll­te.

Am Ende sind  wir zu ei­ni­gen Schlüssen ge­kom­men: Das neue an Cyberwar ist nicht die Technologie. Denn die Mittel, mit de­nen Gewalt aus­ge­übt wird, ist im Prinzip egal. Das Neue ist – und da schlos­sen wir dann doch wie­der an das Thema „Drohnen“ an – Art und Weise: Kriege wer­den auch von staat­li­cher Seite im­mer mehr wie Terrorismus nach Guerilla-Taktik be­trie­ben. Kriege wer­den nicht mehr er­klärt. Kriege wer­den hin­ter Begriffen wie „Polizeieinsatz“, „Krieg ge­gen den in­ter­na­tio­na­len Terrorismus“ oder „Entwaffnungsaktion“ ver­steckt. Unmarkierte Truppen mar­schie­ren in an­de­re Länder ein, ge­n­au wie staat­li­che Hacker si­ch nicht zu er­ken­nen ge­ben. Niemand weiß so ge­n­au, wer die Zentrifugen im Iran zer­stört hat.

Elemente des Kriegs brei­ten si­ch im­mer wei­ter aus. Und selbst die Ländern, die be­haup­ten, die west­li­chen Werte, ih­re Demokratie und Rechtsordnungen zu ver­tei­di­gen hal­ten si­ch nicht nur no­ch schein­bar an die ei­ge­nen Gesetze. Dazu ge­hört auch die glo­ba­le Überwachung durch Geheimdienste. Das ist ein schlei­chen­des Gift, das zur­zeit welt­weit in­ji­ziert wird und Vertrauen in un­se­re Werte zer­stört und dar­an darf si­ch Deutschland nicht be­tei­li­gen.

Wir ste­hen aber in der Gefahr, in die­sem Prozess in Kriege ge­zwun­gen zu wer­den, die auch Gauck und von der Leyen nicht woll­ten. Gerhard Schröder hat da­mals „Nein“ zum Irak-Krieg ge­sagt und stand da­bei un­ter ei­nem ge­wal­ti­gen au­ßen­po­li­ti­schen Druck. Man er­in­ne­re si­ch nur an die in­ner­ame­ri­ka­ni­sche Propaganda, die da­zu auf­for­der­te „French Fries“ in „Freedom Fries“ um­zu­nen­nen, weil si­ch Frankreich ge­mein­sam mit Deutschland und Russland ge­gen die Vereinnahmung als „Achse der Willigen“ zu wi­der­set­zen. Frau Merkel hat si­ch da­mals an die Seite von Präsident Bush ge­stellt und die­se Entscheidung nie öf­fent­li­ch be­dau­ert.

Insofern hat das SPD-Positionspapier recht: Deutschland muss Motor der Friedenspolitik sein, Kriegsgründe be­sei­ti­gen und auf ei­ne Stärkung in­ter­na­tio­na­ler Institutionen wie EU und UN  hin­wir­ken. Wir müs­sen wie­der von ei­nem Recht des Stärkeren zu ei­ner Stärke des Rechts kom­men.

Kommentare

MoKa

Man kann si­ch der Frage auch aus rein völ­ker­recht­li­cher Sicht nä­hern, was die Annäherung an das Thema even­tu­el­le er­lei­chert. Völkerrecht adres­siert aus­schließ­li­ch Staaten als Rechtssubjekte und nicht Individuen.
Krieg kann als Abwesenheit von Frieden de­fi­niert wer­den. Frieden ist die Freiheit von Gewalt zwi­schen Staaten. Gewalt wie­der­um kann als auf die nte­gri­tät des Staates ge­rich­tet Aktionen mit dem Ziel der Beeinflussung des „Willen“ des Staates un­ter Verletzung des­sen Souveränität ver­stan­den wer­den. Etwas we­ni­ger abs­trakt for­mu­liert: Staat A wen­det Mittel an, die Staat B zur Änderungen sei­ner Politik, Aufgabe von Hoheitsgewalt über Personen oder Territorium oder die kom­plet­te Auflösung des Staatsgebildes zwingt.
Die Tatsache, dass da­bei Menschen zu Schaden kom­men, ist da­her nur Mittel zum Zweck. Daher ste­hen die ge­ziel­ten Tötungen der USA durch Drohnenangriffe in der Kritik, weil es eben Polziekationen und kei­ne ei­gent­li­ch ge­ge­nen ei­nen Staat ge­rich­te­te Maßnahmen sind.
Also Cyberwar könn­te als die Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologie zur ge­ziel­te Verletzung der Souveränität ei­nes Staates zum Zweck der Verfolgung ei­ge­ner staat­li­cher Interessen ver­stan­den wer­den. Ob Menschen da­bei zu Schaden kom­men, ist dann im Prinzip fast schon se­kun­där. „Humaner“ ist es oh­ne­hin nicht, weil es letzt­li­ch dar­um geht die Machtbalance zu ei­ge­nen staat­li­chen Interessen zu ver­schie­ben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Möchtest Du benachrichtigt werden, wenn Dir hier jemand antwortet?