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Netzkultur: Selfie ist nicht die Kurzform von Selfriede

Selfie | Foto: Steffen Voß
Selfie | Foto: Steffen Voß

Bis vor Kurzem war der „Selfie“ ei­ne Ausdrucksform von Jugendlichen: Denn wer si­ch auf Facebook & Co. prä­sen­tie­ren will, der be­nö­tigt ein an­ge­mes­sen coo­les Foto von si­ch selbst. Da si­ch jun­ge Menschen den Gang zum pro­fes­sio­nel­len Fotografen nur sel­ten leis­ten kön­nen und Mama und Papa in der Regel kein ge­eig­ne­ter Ersatz sind, grei­fen sie zur Selbsthilfe. Mit dem Mobiltelefon am lan­gen Arm oder im Spiegel fo­to­gra­fie­ren sie si­ch ein­fach selbst. Auf die­se Art kann man so lan­ge mit der ei­ge­nen Optik her­um­pro­bie­ren, bis man ei­nen Ausschnitt von si­ch selbst fo­to­gra­fiert hat, der ir­gend­wie span­nend aus­sieht.

Erst die di­gi­ta­le Fotografie hat die­ses Phänomen mög­li­ch ge­macht. Der „Selfie“ funk­tio­niert schlicht­weg nicht gut mit ei­ner Kleinbildkamera und ei­nem 36er-Film. In mei­ner Jugend hät­te man nie ge­wusst, was man fo­to­gra­fiert hat, und die Ergebnisse konn­te man si­ch er­st zwei Wochen spä­ter beim Fotohändler ab­ho­len. Wenn ich frü­her ein Foto von mir selbst ma­chen woll­te, hät­te ich mit Papas Auto zu schnell durch ei­ne Radarfalle fah­ren müs­sen. Das „Selfie“-Verfahren macht heu­te al­les un­kom­pli­zier­ter, schnel­ler und bil­li­ger.

Seit die­sem Jahr hat der „Selfie“ den Sprung in den Mainstream ge­schafft: Bei den Oscar-Verleihungen Anfang März hat die Moderatorin Ellen DeGeneres ein Foto von si­ch zu­sam­men mit ei­ner gan­ze Horde Stars wie Brad Pitt, Kevin Spacey, Angelina Jolie ge­macht und auf Twitter ge­stellt – Es wur­de das am meis­ten ge­se­he­ne Bild in der Geschichte von Twitter.

Wenn es so ein po­pu­lä­res Vorbild gibt, dau­ert es nie lan­ge, bis die Nachahmer fol­gen. Auf Deutsch ist das dann die Echo-Verleihung, und Helene Fischer fo­to­gra­fiert si­ch mit den Musikern von „Boss Hoss“. Wenn ich je­man­dem von au­ßer­halb den Unterschied zwi­schen den USA und Deutschland er­klä­ren möch­te, zei­ge ich die­se zwei Fotos – und al­les ist klar. Schade ei­gent­li­ch, dass der „Selfie“ nicht für das Foto im Personalausweis taugt. Aber die amt­li­che Anerkennung ist si­cher nur ei­ne Frage der Zeit.

Dieser Artikel ist zu­er­st am 5. April 2014 bei shz.de er­schie­nen.

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