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Bloggen für Chernos Schuhe: If you pay peanuts, you get monkeys

Jimmy Maymann (CEO Huffington Post), Arianna Huffington und Cherno Jobatey (Editorial Director) – Foto: gutjahr.biz / CC-BY-SA
Jimmy Maymann (CEO), Arianna Huffington + Cherno Jobatey | Foto: gutjahr.biz / CC-BY-SA

„Der Medien-Regenbogen hat mehr Farben be­kom­men,“ schreibt der Herausgeber Cherno Jobatey, zum Start der deut­schen Huffington Post. Und schon rein op­ti­sch muss man sa­gen: Es sind kei­ne hüb­schen Farben. In den USA ist die Huffington Post ei­ne der er­folg­reichs­ten Nachrichtenseiten über­haupt. Nun ver­sucht Gründerin Arianna Huffington den Erfolg in Deutschland zu wie­der­ho­len.

Die Huffington Post ist im Prinzip ein für je­der­mann of­fe­nes Mehrautorenblog. Jeder kann dort schrei­ben und wenn es zu ei­ge­nen Recherche nicht reicht, dann ver­linkt man ein­fach auf Quellen wo­an­ders. Der Unterschied zu den meis­ten Mehrautorenblogs ist, dass ei­ni­ge Personen da­mit tat­säch­li­ch Geld ver­die­nen. Denn bei al­lem Enthusiasmus für die „span­nen­den Reise“ und die „ver­än­der­te Medienökonomie“ – Herr Jobatey muss sei­ne Turnschuhe auch ir­gend­wie be­zah­len.

Vielleicht hat Self-Made-Journalist Richard Gutjahr recht, wenn er ver­mu­tet, die Huffington Post sei ein dank­ba­res Spielfeld für die­je­ni­gen, die aus­pro­bie­ren wol­len, was rich­tig Aufmerksamkeit im Netz zieht. „Gerade für Anfänger oder Umsteiger kön­nen gro­ße Player wie die Huffington Post ei­ne fan­tas­ti­sche Schule sein, um den Online-Beat ken­nen­zu­ler­nen, um die Tricks und Kniffe der Branche zu ver­ste­hen, si­ch selbst ei­nen Namen zu ma­chen,“ schreibt er, winkt aber für si­ch selbst ab: „Vor 5 Jahren hät­te ich mir das durch­aus vor­stel­len kön­nen. Inzwischen kann ich es mir zum Glück leis­ten, mi­ch selbst aus­zu­beu­ten.“

What the Fuck!? Die Inhalte

Was die Huffington Post zur Zeit auf der Startseite an­bie­tet, ist ge­n­au das: Effekthascherei und Skandalisierung. Das gibt es bei BILD schö­ner und… ja, ich muss es sa­gen: In bes­se­rer Qualität. Denn wäh­rend BILD oft über Triviales be­rich­tet, ste­hen da­hin­ter im­mer no­ch be­stimm­te Maßstäbe. Die Huffington Post bie­tet da­ge­gen al­ler­lei ir­rele­van­ten Scheiß in wir­rer Mischung. Mir ist da zum Beispiel ein Artikel auf­ge­fal­len: „SPD Politiker will Waffenrecht ver­schär­fen„. Es gibt über­haupt kei­nen Anlass für die­ses Thema. Im Moment geht es in Berlin um Koalitionsgespräche und da sind ganz an­de­re Themen auf dem Plan. Dann wird da ein Ex-Bundestagsabgeordneter ge­fragt. Dieter Wiefelspütz ist zum Bundestagswahl gar nicht wie­der an­ge­tre­ten. Der hat al­so über­haupt nichts zu sa­gen zu dem Thema. Da könn­te man ge­nauso gut je­des an­de­re SPD-Mitglied be­fra­gen. Doch dann ha­be ich un­ter dem Artikel ei­nen Link zu Spiegel Online ge­fun­den. „So ha­ben an­de­re be­rich­tet,“ und ich dach­te, dass es viel­leicht doch ei­nen ak­tu­el­len Anlass gibt. Aber der ver­link­te Artikel ist von 2009…

Auf die­se Art schei­nen fast al­le Artikel Journalismus zu si­mu­lie­ren. Stefan Niggemeier hat da no­ch ein paar Beispiele zu­sam­men­ge­tra­gen. Die Huffington Post nennt es des­we­gen auch nicht Journalismus, son­dern „Engagement“. Nach dem Erfolg der „Deutschen Wirtschafts Nachrichten“ wür­de mi­ch ei­gent­li­ch auch ein Erfolg der Huffington Post nicht mehr über­ra­schen. Die Menschen schei­nen Medien am ehes­ten zu ver­trau­en, wenn sie die ei­ge­nen Vorurteile be­stä­ti­gen. Und die skan­da­lös schlech­te Art, wie dort über Politik ge­schrie­ben wird (Beispiel der ak­tu­el­le Aufmacher „Deutsche glau­ben, dass Merkel eher vor der SPD ein­knickt als vor den Grünen“), passt zu vielem, was mir als Netzkommentare über den Weg läuft.

Trend verpasst?

Anderseits ver­mu­te ich, dass die Huffington Post zu spät in Deutschland star­tet. In den USA ging es 2005 los – da gab es no­ch kein Facebook und kein Twitter und ich er­in­ne­re mi­ch auch no­ch, wie freie Redaktionssysteme da­mals aus­sa­hen. Heute gibt es ei­ne Million Möglichkeiten, si­ch on­line aus­zu­drü­cken, die viel bes­ser zu den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Menschen pas­sen könn­ten als die Huffington Post. Heute gibt es au­to­ma­ti­sche Aggregatoren wie Google News, Rivva, Filtr, Virato oder 10000 Flies, die Inhalte zu­sam­men­tra­gen und nach Beliebtheit ord­nen. Da muss man schon Aufmerksamkeit die ein­zi­ge Motivation sein, um den gan­zen Tage bei Spiegel Online auf Reload zu drü­cken, da­mit man bei der Huffington Post ei­nen rei­ße­ri­schen Hinweis auf den neus­ten Artikel ver­öf­fent­li­chen kann.

Allerdings möch­te ich den Mut lo­ben, si­ch mit so ei­nem Konzept in den Markt zu wa­gen. Es wird im­mer von haupt­be­ruf­li­chen Bloggerinnen und Bloggern ge­spro­chen – die al­ler­we­nigs­ten aber ma­chen echt et­was dar­aus. Und ein Geschäftsmodell, von dem mehr als ei­ne Person le­ben kann, pro­biert nie­mand.

Wie ge­sagt: Im Kern ist die Huffington Post ein Mehrautorenblog. So et­was be­trei­ben wir in Kiel seit fast 15 Jahren und un­ter wech­seln­den Namen, heu­te als Fördeflüsterer. Auch da ha­ben si­ch Generationen aus­pro­bie­ren kön­nen – ei­ni­ge ha­ben tat­säch­li­ch da­na­ch Volontariate be­kom­men und ei­ne Karriere in den Medien be­gon­nen. Eine Zeitlang konn­ten si­ch da­von so­gar zwei Leute fi­nan­zi­ell über Wasser hal­ten. Und es gab auch den Versuch die Autoren zu­min­dest ein we­nig zu be­zah­len. Das hat dann aus vie­ler­lei Gründen nicht ge­klappt und heu­te funk­tio­niert es als Verein und eh­ren­amt­li­ch seit fünf Jahren we­sent­li­ch sta­bi­ler als in den acht Jahren da­vor. Wer tat­säch­li­ch das Schreiben, das Bloggen aus­pro­bie­ren möch­te, soll­te si­ch so ein Projekt aus­su­chen und da test­wei­se mal ei­nen Artikel ab­ge­ben. Auch beim Landesblog freu­en wir uns üb­ri­gens im­mer über neue Leute. Dann wer­den von Deiner Arbeit zu­min­dest nicht no­ch die Turnschuhe von Cherno Jobatey be­zahlt.

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Kommentare

Thilo P

Hm, die Huffington Post kri­ti­sie­ren und da­bei Fördeflüsterer und Landesblog als bes­se­re Gegenbeispiele brin­gen, na ich weiß nicht. Zunächst muss man ja mal ak­zep­tie­ren, dass die US-Version der Huffpost das er­folg­reichs­te Online-Nachrichtenblatt der Welt ist. Und das mit ei­nem kla­ren „Meinungsjournalismus“ – und zwar re­la­tiv links für US-Verhältnisse. Ob si­ch das auf Deutschland über­tra­gen lässt, be­zweif­le ich auch. Alsop ich wür­de mal sa­gen: Abwarten. Kann mir auch vor­stel­len, dass es schei­tert. Genug Kohle steckt je­den­falls da­hin­ter.

Jens Best

@Thilo P.

„Zunächst muss man ja mal akzep­tie­ren, dass die US–Ver­sion der Huff­post das erfolg­reichste Online-Nachrichtenblatt der Welt ist.“

Da wür­de mi­ch ja mal in­ter­es­sie­ren, nach wel­chen Faktoren hier „Erfolg“ ge­mes­sen wird. An jour­na­lis­ti­schen „Erfolgen“ ist da we­nig zu se­hen.

Oh, und „Meinungsjournalismus“ ist auch et­was an­de­res als kur­ze Postings mit we­nig mehr an Faktenlage als im da­zu­ge­hö­ri­gen Wikipedia-Artikel plus ein we­nig un­durch­sich­ti­ges Herumgemeine.

KChristoph

Danke !
Herzliche Grüße aus Hannover !
http://keedie.net/179

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