Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Fernsehen : Amerikanische Fernsehserien revolutionieren das Erzählen

The Wire | HBO
The Wire | HBO

Steffen Voß

So langsam erreicht das Phänomen die deutsche Öffentlichkeit: Bei SWR2 Forum wird diskutiert, warum deutsche Krimis so flach sind. Der DRadio Wissen Onlinetalk feiert amerikanische Serien als den „neuen Roman“. Und die SÜDDEUTSCHE stellt am Rande der Verleihung des deutschen Fernsehpreises fest, dass nach deutschen Maßstäben in den USA eigentlich die 44. Staffel „Die Waltons“ laufen müsste. Wie es der Zufall will, habe ich es gerade geschafft, „The Wire“ zu Ende zu gucken – eine Krimiserie „to end all Krimiserien“.

David Simon ist ein ehemaliger Reporter der „Baltimore Sun“, der sich nach dem Zusammenbruch des Print-Journalismus darauf verlegt hat, seine Beobachtungen in Fernsehserien zu verarbeiten. Als er die Idee zu „The Wire“ dem US-amerikanischen Pay-TV-Sender HBO verstellte, haben die erst abgelehnt, berichtet die FAZ: Krimi war denen zu primitiv. Ganz nach dem Sender-Motto „It’s not TV. It’s HBO“, sagten die Entscheider: Krimi ist Fernsehen. Simon bestand  auf seiner Idee und argumentierte, dass „The Wire“ so gut werde, dass die Leute CSI & Co. nicht mehr ertragen würden. Und tatsächlich ist „The Wire“ so komplex, dass jede Folge Navy CIS dagegen wie patriotisches Puppentheater wirkt.

„The Wire“ baut über fünf Staffeln ein umfassendes Bild der Stadt Baltimore auf: Beginnt es in der ersten Staffel noch fast klassisch mit Drogen-Dealern gegen Polizei, sieht man schon in den ersten Minuten den Unterschied: Kein Hightech – die Polizeibeamten unterhalten sich sogar darüber, dass sie überhaupt mal Computer ins Büro bekommen sollen. In der zweiten Staffel erfährt man, wie die Drogen in die Stadt kommen und wie der Niedergang der Industrie die Mittelschicht mit sich reißt.

Nach und nach werden dann neue Komplexitätsschichten über die eigentliche Geschichte gelegt: Familien, Schulen, Politik, Medien. Die Serie nimmt sich Zeit, die Geschichten von bestimmt zwei Dutzend Personen zu erzählen. In einem Interview hat David Simon gesagt, dass er wollte, dass die gezeigten Personengruppen sich realistisch dargestellt finden. Niemand ist da nur ein Typ. Niemand ist einfach nur der „Politiker“, die „Polizistin“, der „Gangster“ und niemand ist einfach nur gut oder böse. Alle Charaktere stecken in einem System, dass ihnen nur bestimmte Handlungsmöglichkeiten lässt. Alle sind mal egoistisch oder dumm und dann wieder schlitzohrig und gutmütig. Und alle gemeinsam stecken in einem Teufelskreis.

Die ganze Stadt befindet sich im wirtschaftlichen Abstieg, die Armen kämpfen ums Überleben und der Staat versucht mit schrumpfenden Mitteln, die Lage zu verbessern oder zumindest die alte Ordnung aufrecht zu erhalten. Und Baltimore ist offenbar eine durchschnittliche US-Amerikanische Stadt. Der Krieg gegen Drogen ist damit ein Krieg gegen die Unterschicht. In Interviews beklagt David Simon darüberhinaus, die Privatisierung des Strafvollzugs. Es gibt eine ganze Branche, die davon profitiert, wenn möglichst viele Menschen im Gefängnis sitzen. Simon bezeichnet die USA als „The Gulag Nation of the World“ – mehr Menschen sitzen hier im Gefängnis als irgendwo auf der Welt. Nicht nur in Relation, sondern auch in absoluten Zahlen sitzen in den USA mehr Menschen im Gefängnis als zum Beispiel in China. Statt eines Sozialsystems haben die USA eine Armee und Gefängnisse.

Zur Zeit läuft in den USA Simons neue Serien „Treme“ über den gleichnamigen Stadtteil von New Orleans, in dem die sozialen Auswirkungen des Hurrikan Katrina das Thema sind. Solche Serien gibt es in Deutschland nicht. Hier gibt es entweder die episodische Tatort-Welt, bei denen am Ende von 90 Minuten die Welt wieder in Ordnung ist. Oder es gibt Scripted Reality, die so tut, als würde sie echte Probleme zeigen. Ich kann verstehen, dass aufwendige Kino-Blockbuster aus vielerlei Gründen nicht so einfach aus Deutschland kommen. Die Themen aber von Scripted Reality und das Budget des Tatorts vereint mit dem ernsthaften Interesse an echten Geschichten, wäre etwas, was auch in Deutschland funktionieren müsste.

Fucking Great

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Kommentare

Thilo P
Thilo P:

Das ist wahr. Andere Serien, die ganz interessant sind:
http://de.wikipedia.org/wiki/The_Newsroom
Sogar ins deutsche Fernsehen geschaft hat es Dexter http://de.wikipedia.org/wiki/Dexter_(Fernsehserie)

Ich glaube es hat viel mit Mut zu tun. Ob man jetzt nur Klischees bedient und damit die Zuschauer sicher glaubt, oder ob man mal was wagt. Mal davon abgesehen ist sicher das Budget amerikanischer Serien auch höher, weil da auch mehr Umsatz gemacht wird. Aber ich denke es muss nicht teuer sein. Ich finde ja z.B. heute noch Serien wie „Ein Herz und eine Seele“ http://de.wikipedia.org/wiki/Ein_Herz_und_eine_Seele fast moderner (trotz alle Bezüge auf die Vergangenheit und dem Schwarz/Weiss) als das heutige. Sowohl bei The Wire als auch bei „Ein Herz und eine Seele“ wurde ja den Menschen aufs Maul geschaut. Die Leute reden wie sie reden. Dagegen reden in heutigen deutsche Serien die Schauspieler oft, wie Abziehbildchen. Man kann oft am Anfang einer Folge schon vorhersehen, wer was wann sagen und wie alles enden wird. Berechenbarkeit ist tödlich. Manche mögen genau das – und deswegen sind Tatorte wohl auch so beliebt. Man versucht dann teilweise mit irgendwelchen Windungen und Effekten Spannung zu erzeugen – aber meist führen die eher in die irre und passen nicht wirklich zur Story. Erzählen ist eben auch eine echte Kunst- und die ist zur Zeit in DE etwas darniederliegend.

4.10.2013 um 22:53
Lutz Lungershausen
Lutz Lungershausen:

Hallo, Steffen,
vor diesem Hintergrund: hat der Tatort möglicherweise deswegen so viel Erfolg, weil man als Bewohner einer seiner Stadt-Szenen genau den Einblick in die komplexe Realität hat, der einem bei anderen Serien fehlt? Zumindest die Kieler Tatorte erzählen mir mehr als seine Bilder und Dialoge.

5.10.2013 um 06:10
Steffen Voß
Steffen Voß:

@Thilo: Dass Du auf Dexter stehst! ^^ – Ich kann ja mit Psychoserienkillern nichts anfangen. Deswegen habe ich Dexter schnell wieder aufgegeben. Aber The Newsroom steht noch unbedingt auf meinem Zettel.

@Lutz: Wenn Hafenszene im Kieler Tatort in Hamburg gedreht werden, das Schloss das Landgericht ist und das „Tucholsky“ eine Samba-Disko, dann sagt mir das überhaupt nichts über Kiel. Die meisten Kieler Tatorte – abgesehen von dem deutsch-schwedischen – hätten überall spielen können. ARD und ZDF gehören zu den weltweit am besten finanziell ausgestatteten Sendern. Mit der Kohle muss mehr gehen, als 500. Folgen Großstadtrevier.

5.10.2013 um 10:58
Steffen Voß
Steffen Voß:

BTW: Eine gute, deutsche Serie gibt es: „Im Angesicht des Verbrechens“ https://de.wikipedia.org/wiki/Im_Angesicht_des_Verbrechens

5.10.2013 um 10:59
Thilo P
Thilo P:

@Steffen: Ich bin verleitet zu sagen, dass es nur gute oder schlechte Serien gibt. Es ist nur eine Serie. Aber sehr gut gemacht mit einem glaubhaften Charakter. Zugegeben etwas erschreckend, daher hatte ichs am Anfang auch erst mal abgebrochen, aber dann wollte ich wissen, wie es weiter geht. 😉

9.10.2013 um 20:22
Steffen Voß
Steffen Voß:

@Thilo: Du magst recht haben. Ich kann aber mit bestimmten Formen von Gewalt nichts anfangen. Psy­cho­se­ri­en­kil­ler gehören dazu.

10.10.2013 um 16:34
Tim O.
Tim O.:

Mal ein bisschen trollen:

Klasse, dass Du Ubuntu nutzt, aber warum dann Google-Maps statt OSM nutzen, um auf Baltimore zu verlinken? 😉

Ansonsten: Danke für die Tipps auf “The Wire“ und “Treme“!

27.12.2013 um 19:58
Steffen Voß
Steffen Voß:

Ich war gerade in Google Streetview, um mich dort an den Originalschauplätzen umzuschauen. Da kam mir die Idee, zu verlinken, wo Baltimore liegt. Ansonsten bin ich schon mit dem GPS rumgelaufen, da bist Du noch mit der Trommel um den Weihnachtsbaum gelaufen. 😛

Siehe: https://kaffeeringe.de/315/freie-karten-fuer-freie-buerger/

27.12.2013 um 23:58

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