Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Gesellschaft : Wo sind all die Intellektuellen hin?

Eugen Ruge
Eugen Ruge | Bestimmte Rechte vorbehalten von Das blaue Sofa

Steffen Voß

„Selbst die Stasi wusste weniger über mich als die NSA.“ Früher gab es mal „Intellektuelle“ – Künstlerinnen und Künstler verschiedenster Profession oder Leute aus der Wissenschaft, die sich in gesellschaftliche Diskussionen eingemischt haben. Heute scheint so ein bekennend unpolitischer Vogel wie Eugen Ruge der einzige zu sein, der etwas zur Kritik an der Universalüberwachung durch die USA beizutragen hat.

Wo sind die Schriftstellerinnen, die Musiker, die Malerinnen und Poeten? Machen die alle nur noch Unterhaltung oder Nabelschau? Singen sie den Soundtrack zur Apathie? Malen sie das Bild für die Eingangshalle der Deutschen Bank? Fühlen sie sich auch wie Eugen Ruge von den Meinungen Anderer so eingeschränkt, dass sie selbst keine haben wollen? Sind sie auch wie Eugen Ruge der Meinung, sie müssten wissen, was Frau Merkel und Herr Friedrich in ihrem Büro besprechen, um ihre Reaktionen auf den Überwachungsskandal scheiße zu finden? Das ist doch Humbug. Das ist selbstverschuldete Unmündigkeit. Wenn das repräsentativ für Deutschland ist, haben wir Frau Merkel verdient.

Kritische Intellektuelle gibt es noch. Sie werden heute als nörgelnde „Netz-Community“ abgetan, weil sie zum Teil schon seit Jahrzehnten warnen, was heute Realität zu werden scheint: Leute wie Constanze Kurz oder Kathrin Passig, Mario Sixtus oder Johnny Haeusler. Die liegen auch mal falsch und reden Unsinn, ziehen die falschen Schlüsse oder haben zu hohe Erwartungen. Man kann sie auch mal nervig finden. Aber sie melden sich zu Wort, stehen zum Gespräch bereit und sie handeln und engagieren sich. Was früher Günter Grass war, ist heute Sascha Lobo – Sogar der Schnurrbart passt.

Kommentare

Elena
Elena:

Nur dass sie kein wirklich breites Publikum erreichen, wenn sie sich zu Wort melden, sondern nur diejenigen, die vermutlich eh ihrer Meinung sind.

11.7.2013 um 19:44
Steffen Voß
Steffen Voß:

Weiß ich nicht. Constanze Kurz war in der Internet Enquete. Kathrin Passig hab ich auch schon auf dem Podium im Willy-Brandt-Haus gesehen, als Wolfgang Thierse die Begrüßung gemacht hat. Es gibt kaum ein netzpolitisches Thema, dass die Tagesthemen nicht mit Markus Beckedahl be-o-tonen. Die sind doch alle inzwischen ständig bei JauchIllnerWill usw.

Aber du hast vielleicht recht, wenn es darum geht, dass sie nicht schon vorher oder parallel eine Popularität per Kunst aufgebaut haben, die sie mit nutzen können. Dazu sind ihr Fach und ihr Anliegen zu eng beieinander.

11.7.2013 um 20:05
Alex
Alex:

Es gibt auch heute noch genügend Intellektuellen, nur wird unsere derzeitige Gesellschaft durch die Talkshows im ÖR geprägt und nur wer dort regelmäßig und öffentlichkeitswirksam auftritt wird wahrgenommen. Ob alle Teilnehmer dieser Shows wirklich „Intellektuelle“ im klassischen Sinn sind, darüber kann man sicher streiten. Bei Maybrit Illner wird zum Beispiel der Abhörskandal thematisiert und zumindest Georg Mascolo sollte das Kriterium „Intellektueller“ erfüllen. Abgesehen davon wird auch in den Printmedien, teilweise sehr leidenschaftlich und auch kontrovers, über PRISM, die Rolle der NSA usw. diskutiert. Zu einer kontroversen Diskussion gehört aber auch, das es nicht nur Kritiker und Gegner sondern auch Befürworter und Verteidiger gibt. Daher: Ja, es gibt sie noch, die Intellektuellen, aber nicht immer vertreten diese eine ähnliche Position und oft muss man sie außerhalb der eigenen „Filterbubble“ suchen.

13.7.2013 um 09:59

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