kaffeeringe.de

Medienkompetenz: Alu-Käppchen und der böse Staat

Medien unter die Lupe nehmen
Medien unter die Lupe nehmen | Bestimmte Rechte vorbehalten von cobalt123

„Das Fernsehen macht die Klugen klü­ger und die Dummen düm­mer.“  hat Marcel Reich-Ranicki ein­mal ge­sagt. Das Gleiche gilt für das Internet. Eigentlich wä­re das Internet das idea­le Medium: Man hat je­der­zeit Zugriff auf al­le Informationen. Leider hat man auch Zugriff auf schlech­te Informationen. Und of­fen­bar kön­nen da­mit vie­le Menschen nicht um­ge­hen. Mir sind je­den­falls in letz­ter Zeit ver­mehrt Link-Empfehlungen un­ter­ge­kom­men, die kei­nem Qualitätsanspruch ent­spre­chen. Es wä­re ja nicht so schlimm – das Internet ist ja auch ein groß­ar­ti­ges Meinungsmedium – wenn die Empfehlenden nicht im­mer Meinung und Fakten ver­wech­seln wür­den und die Internet-gestützte Empörung nicht selbst zur Nachricht wür­de.

Da war neu­li­ch die­se Geschichte mit der EU-Saatgutverordnung. Hundertausendfach wur­de ein Artikel im deutsch­spra­chi­gen Internet ge­teilt, mil­lio­nen­fach ge­le­sen, der kaum Fakten ent­hielt – auf ei­ner Webseite, die bis da­hin no­ch nie­mand kann­te. Oder die­ser Artikel über die „Einkommenssteuerlüge„. Über den bin ich jetzt auch schon in meh­re­ren em­pör­ten Empfehlungen ge­stol­pert – ob­wohl der schon in den Kommentaren wi­der­legt wird. Diese Artikel pas­sen ein­fach zu den ei­ge­nen Vorurteilen: Die EU re­gu­liert al­les zum Schlimmeren und die Systemmedien ver­schwei­gen die Wahrheit. Und wenn es dar­um geht, uns in un­se­rer Meinung be­stär­ken, scheint je­des Mittel recht zu sein. Problematisch wird das an dem Punkt, wo an­de­re Medien wie­der­um die Empörung auf­neh­men und durch halb­her­zi­ge Berichterstattung no­ch be­feu­ern.

Das Internet bie­tet ge­nü­gend Inhalte, mit de­nen si­ch be­lie­bi­ge Welt-Sichten be­stä­ti­gen las­sen. Allerdings sind ei­ni­ge be­grün­de­ter als an­de­re. Um den Unterschied zu er­ken­nen, muss man kri­ti­sch mit den Quellen um­ge­hen. Neulich kur­sier­te ein Artikel über ein Interview mit der ver­hin­der­ten US-Vizepräsidentin Sarah Palin, die nach dem Anschlag in Boston ei­nen Invasion von Tschechien for­der­te. Das ha­ben Leute ern­st ge­nom­men und si­ch nicht dar­über ge­wun­dert, dass der Artikel nicht bei den New York Times stand, son­dern bei ei­ner Webseite, von der sie no­ch nie ge­hört ha­ben. Man traut es ihr zu – des­we­gen muss es wahr sein. Ein Klick auf die Startseite hät­te ge­reicht, um fest­zu­stel­len, dass es si­ch da­bei um ein Satire-Magazin han­delt. Ähnliches pas­siert bei der deut­schen Satrie-Seite „Der Postillion“ stän­dig: Immer wie­der pos­tet der die bes­ten Reaktionen auf sei­ne Artikel auf sei­ner Facebook-Seite. Da ha­ben sehr vie­le Menschen nicht ver­stan­den, dass es Satire ist.

Im Internet se­hen un­se­riö­se Informationen oft se­riös aus – weil es tech­ni­sch re­la­tiv ein­fach ist, ei­ne or­dent­li­che Webseite zu er­stel­len. Was frü­her ein schlecht ko­pier­tes Flugblatt in der Fußgängerzone ge­we­sen wä­re, muss heu­te den äu­ße­ren Vergleich mit eta­blier­ten Medienseiten nicht mehr scheu­en. An der Form kann man al­so die Qualität nicht mehr un­be­dingt er­ken­nen. Es wird des­we­gen um­so wich­ti­ger, dass man kri­ti­sch liest – vor al­lem, be­vor man den Artikel wei­ter­reicht. Man kann ja den klas­si­schen Medien auch ei­ni­ges Vorwerfen. Nicht al­les ist dort gut. Und na­tür­li­ch gibt es auch gu­te Blog-Beiträge. Das macht es für kri­ti­sche Menschen aber no­ch wich­ti­ger, den Unterschied selbst­stän­dig zu er­ken­nen.

Auf der re:publica gab es ei­nen in­ter­es­san­ten Vortrag zum Thema „Debunking Conspiracy Theories„. Im Laufe der Diskussion wur­de ein Dilemma of­fen­sicht­li­ch: Wir sind al­le kri­ti­sche Menschen und wir ver­su­chen die Verhältnisse nicht so hin­zu­neh­men, wie sie sind. Wir wol­len sie re­flek­tie­ren und kri­ti­sie­ren. Und es gibt tat­säch­li­ch vie­les zu kri­ti­sie­ren. Bei vie­len Menschen ver­schwimmt aber die Grenze zwi­schen be­rech­tig­ter Kritik und Verschwörungstheorie. Das Problem an Verschwörungstheorien ist, dass sie jeg­li­che Argumentation zu ih­rer Wiederlegung in­te­grie­ren kön­nen – zur Not wird der Diskussionspartner ein­fach zum Agenten der Verschwörer. Eine Gesellschaft kann aber nicht funk­tio­nie­ren, wenn sie si­ch die Menschen in ih­re Filter-Blasen zu­rück­zie­hen und es kei­nen brei­ten Konsens über die Fakten gibt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Möchtest Du benachrichtigt werden, wenn Dir hier jemand antwortet?