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BarCamp Fortschritt = / ≠ Wachstum: Irgendwas mit „bessere Welt“

Thilo Spahl und Jacob Bilabel auf dem BarCamp Fortschritt | Foto: Steffen Voß
Thilo Spahl und Jacob Bilabel auf dem BarCamp Fortschritt | Foto: Steffen Voß

Am 13. April 2013 fand im Betahaus, Hamburg das „BarCamp Fortschritt = / ≠ Wachstum“  statt. Eingeladen hatte die ZEIT-Stiftung mit ihrer Initiative „.vernetzt#“. Die hat sich auf die Fahnen geschrieben „mit einem interaktiven Labor/Konzept von Veranstaltungen, Workshops, einer Online-Plattform und einem „beta-Club“ die aktuellen Phänomene und Entwicklungen der Netzwerkgesellschaft zu ergründen und Perspektiven zu entwickeln„. Ein sehr breites Themenspektrum, das ein buntes Publikum angezogen hat. Ein paar unfertige Gedanken dazu.

Kaffee, Croissants junge Menschen – das BarCamp Fortschritt begann, wie BarCamps beginnen. Doch Verschiedenes an diesem BarCamp war ungewöhnlich: Zum einen standen zunächst 3 kurze Impulsvorträge an und zum anderen gab es keine Vorstellungsrunde. Die Vorträge waren ein gutes Mittel, um der Gruppe doch so etwas wie eine Richtung für ihre Diskussionen mitzugeben. Denn im Unterschied zu den „normalen“ Internet-BarCamps gab es hier keine Gruppen von SEO-Spezialisten, keine Startup-Gründer, die einander schon kennen. Niemand wusste so genau, was jetzt eigentlich auf diesem BarCamp ein Thema sein könnte, welches interessant ist. Und genau deswegen habe ich die Vorstellungsrunde schmerzlich vermisst: Ich kannte kaum jemanden, und ich hatten überhaupt keine Ahnung davon, welchen Hintergrund die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten. Bei ca. 50 Leute hätte man gut eine Vorstellungsrunde machen können.

„Fortschritt ist die Entwicklung vom Primitiven über das Komplizierte zum Einfachen“ ― Antoine de Saint-Exupéry

Die drei Impulsvorträge kamen vor drei sehr unterschiedlichen Personen:

  1. Jacob Bilabel ist Chef des Berliner „Think-Do-Tanks“ Thema1 (Ja, eine Menge neuer Buzzwords habe ich gehört). Er hat erklärt, warum er sich darum kümmert, dass Musikfestivals „grüner“ werden. Das sieht er als Weg, ökologische Ideen unter die Menschen zu bringen und so sozialen Wandel zu bewirken.
  2. Niko Paech ist Professor am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg und Mitglied des wissenschaftlichen Beirates von attac-Deutschland. Er beschäftigt sich mit „Postwachstumsökonomie“.
  3. Thilo Spahl war so etwas wie ein Kontrapunkt: Er ist Buchautor, freier Journalist und Redakteur der Zeitschrift NOVO Argumente. Er verbreitete Technik-Optimismus und erklärte unter anderem, dass die Menschheit wachse, dass aber gleichzeitig auch die Lebensmittelproduktion und das Durchschnittseinkommen stiegen. Er verlor dann sein Publikum, als er vertrat, dass wir kein Atommüll-Endlager bräuchten, weil wir bald schon Reaktoren hätten, die genau diesen Müll verheizten.

Technik-Optimismus / Technik-Pessimismus

Danach begann die Sessionplanung und dann die Sessions: In meiner ersten Session stellte sich Thilo Spahl den Fragen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und es war erstaunlich, wie emotional viele auf diese Meinung reagierten, die nicht ihre eigene waren. In der Abschlussrunde kritisierte sogar jemand, man solle niemanden mehr einladen, der sich „nicht in den Diskursen auskenne“. Viele der gestellten Fragen waren dann auch eher Unterstellungen und alle Vorurteile, die es über Leute gibt, vielleicht einen technik-optimistischen oder wirtschaftliches Ansatz vertreten wurden auf ihn projiziert. Die Diskussion um den Technikoptimismus ist ja gerade wieder ein wenig ins Laufen gekommen, nachdem  Evgeny Morozov sein Buch „To Save Everything, Click Here“ veröffentlicht hat. Alexis C. Madrigal hat dazu im Atlantic Interessantes geschrieben. Ich bin mir nicht sicher, ob wir für jedes Problem, rechtzeitig eine Lösung finden. Bisher hat der Mensch aber für viele Probleme Lösungen gefunden.

Happy Planet Index

In einer zweiten Session ging es um den Happy Planet Index (HPI) – eine Statistik, mit der das Glück der Menschen gemessen werden soll. Er soll das Bruttoinlandsprodukt als Maßstab ablösen. Der HPI errechnet sich aus der Lebenserwartung, der Lebenszufriedenheit und dem ökologischen Fußabdruck. Die Lebenszufriedenheit wird mit einer Vielzahl Fragen statistisch errechnet. Nun ist es einmal so, dass das Bruttoinlandsprodukt aussagt, was das Bruttoinlandsprodukt aussagt: „Wie viele Waren und Dienstleistungen sind innerhalb eines Jahres innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft hergestellt worden?“ Was man daraus ableiten kann, steht auf einem anderen Blatt. Dieses Problem will der HPI lösen: Wie gesund sind die Menschen? Wie wohl fühlen sie sich dabei? Und mit welchem ökologischen Preis wird das eingekauft? So gibt es Ländern, in denen die Menschen recht lange leben, ganz zufrieden sind und wesentlich weniger umweltschädlich sind als andere. Albanien hat zum Beispiel einen höheren HPI als Norwegen – aber natürlich einen viel kleineren ökologischen Fußabdruck. Im Detail betrachtet, wirft der HPI mehr Fragen auf, als er klärt: Ein Volk, das nicht raucht und regelmäßig Sport macht, kann eine dreckige Industrie teilweise ausgleichen. Ist man dann aber glücklicher?

Von Aristoteles zum Atom Assembler

In einer weiteren Session war ich nur  einer von drei Teilnehmern. In einem Powerpointvortrag gab eines einen Par Force Ritt durch die Philosophie und wir endeten dann bei den Veränderungen, die „Atom Assembler“ für Wirtschaft und Gesellschaft bringen würden. Atom Assembler sind bislang noch eine Idee. Sie denkt den 3D-Drucker konsequent weiter. Letztlich würden direkt Atome zu Gegenständen zusammen gefügt. Ein solcher Atom-Assembler – stünde er in jedem Haus – wäre wohl das Ende der Wirtschaft, wie wir sie kennen. Und so blieb es bei ein paar interessanten Gedankenspielen.

Vom besseren Ich zur besseren Gesellschaft

In der nächsten Session stellte eine Teilnehmerin, ihre Erfahrungen mit Positiver Affirmation vor, um ihr Leben zu verbessern. Nebenan stellte jemand ein zinsloses Wirtschaftssystem vor.

Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass an diesem Sonnabend unbewusst der Kommunismus zum zweiten Mal erfunden wurde – inklusive Neuem Menschen und einer Wirtschaft, in der jeder (nur) das bekommt, was er benötigt. Zusammen mit einem Diskussionsatmosphäre in der Andersdenkende nicht wirklich willkommen waren, war das ein eher beängstigender Eindruck. Aber gerade das, ist natürlich auch ein interessanter Gedankenanstoß.

Ich bin mir nicht sicher, ob ein BarCamp das richtige Format für das Thema war. BarCamps funktionieren besser, wenn es ein homogeneres Publikum gibt. Im Betahaus hatte sich aber ein buntes Völkchen irgendwie „Suchender“ versammelt, die kaum eine gemeinsame Sprache sprachen. Ständig berichtete jemand von Büchern, die niemand anderes gelesen hatte. Man hätte noch mehr gemeinsame Grundlage schaffen müssen: Etwas längere Vorträge mit kürzerer Diskussion. Vielleicht eine Podiumsdiskussion. Ich hätte gerne mehr von Leuten gehört, die sich tiefer mit dem Begriff „Fortschritt“ beschäftigt haben. So wurde in den meisten Diskussionen Fortschritt mit Wachstum und Wachstum mit Kapitalismus gleichgesetzt. Gleichberechtigung ist aber aber auch Fortschritt – gesellschaftlicher Fortschritt. Technischer, gesellschaftlicher und moralischer Fortschritt hängen nicht direkt an der Organisation der Wirtschaft. Die Organisation der Wirtschaft aber legt Grundlagen für diesen Fortschritt. Liberalismus ist in dem Moment entstanden, als Kaufleute so reich wurden, dass sie dem Adel gegenüber Forderungen stellen konnten.

Ich hätte mir mehr Input und mehr Diskussion zum Menschen gewünscht und wie wirtschaftliche Tätigkeit oder Arbeit zum Beispiel in ihm angelegt ist. So ist die Maslowsche Bedürfnispyramide nicht so ganz neu. Soziale Bestätigung ist ein sehr wichtiger Faktor im Leben der Menschen. Und diese Bestätigung bekommt man, wenn man seinen Mitmenschen irgendwie nützlich ist. Eine organisierte Form dafür ist Arbeit. Arbeit ist nicht nur Broterwerb, sondern auch soziale Bestätigung.Und das ist wesentlich wichtiger als Selbstverwirklichung. Der Menschen will sowohl konkurrieren als auch kooperieren. Selbst der wildeste Verfechter von Deregulierung der Wirtschaft wird für bestimmte Regeln sein – und sei es nur das Vertragsrecht. Konkurrenz gilt immer in einem bestimmten Rahmen. Diesen Rahmen und diskutieren und festzulegen ist Kooperation.

Und so gab es viele Punkte an diesem Nachmittag, die mich nicht davon überzeugt haben, dass eine grundsätzlich andere Gesellschaft möglich ist. Es gibt vieles, was wir gesellschaftlich ausgleichen müssen. Es gibt vieles, was wir am gesellschaftlichen Rahmen ändern können und sollten. Es gibt vieles, was wirtschaftlich anders geregelt werden sollte. Wir haben aber auch heute schon viele Freiräume und wir sind nicht dazu verdammt, die Empfehlungen der Werbung als Konsumbefehle entgegen zu nehmen.

„Es hilft nichts, das Unvollkommene heutiger Wirklichkeit zu höhnen oder das Absolute als Tagesprogramm zu predigen. Lasst uns stattdessen durch Kritik und Mitarbeit die Verhältnisse Schritt für Schritt ändern.“ — Gustav Heinemann

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Kommentare

Vanessa

Sehr gute Zusammenfassung! Da ging wirklich einiges durcheinander. Allerdings fand ich das nicht so schlimm, sondern erstmal ganz interessant. Ich befürchte, dass auch in „informierteren Kreisen“ zum Teil ähnlich unterbestimmt diskutiert wird. Das ist aber nur eine Vermutung.
Wir haben zum Barcamp übrigens einen Podcast gemacht: http://humanistlab.com/blog/barcamp-fortschritt/

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