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Sofortkultur: Don’t Eat the Marshmallow

By: sand_and_sky - CC BY-SA 2.0

Das hatte Googles deutsche Stimme, Stefan Keuchel noch nicht erlebt: Nachdem die neue Generation Nexus-Geräte innerhalb kürzester Zeit ausverkauft waren, sah er sich einem Sturm der Entrüstung ausgesetzt. Solche „persönlichen Beleidungen und Beschimpfungen“ hatte der erfahrene Pressesprecher in 8 Jahren nicht erlebt. Er war zwischen die „Konsumistische Internationale“ und ihr Objekt der Begierde geraten.

In der aktuellen Werbung für Überraschungseier werden Kinder getestet: Sie werden mit einem Überraschungsei alleine gelassen und dem Versprechen, dass sie ein zweites Überraschungsei bekommen, wenn sie warten, bis die erwachsene Testleiterin zurück kommt. Die Kinder warten natürlich alle nicht.

Dieses Experiment stammt aus den 1960er-Jahren: Walter Mischels Marshmallow-Test testet die Impulskontrolle. Er fand heraus, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Aufschieben-Können von Selbstbelohnungen und akademischen, emotionalen und sozialen Erfolg gibt.

„The child who could wait fifteen minutes had an S.A.T. score that was, on average, two hundred and ten points higher than that of the kid who could wait only thirty seconds.“

Felix Schwenzel hatte den passenden Begriff vor einigen Jahren eingeführt: Sofortkultur. Damit hat er die Einstellung viele Menschen beschrieben, die ihre Konsumwünsche zur Not auch illegal erfüllen, bevor sie die Umwege des Legalen nehmen. Inzwischen hat sich ein unglaubliches Anspruchsdenken entwickelt, das viele Bereiche betrifft: Von Journalisten wird erwartet, dass jeder Artikel allerhöchsten Standards des Qualitätsjournalismus entspricht. Gleichzeitig sollen alle Inhalte irgendwie frei verfügbar sein. Bei Versandhändlern wird erwartet, dass sich innerhalb von zwei Tagen portofrei versenden. Filme und Serien müssen weltweit gleichzeitig verfügbar sein. Und Smartphones müssen jederzeit und überall verfügbar sein – zum niedrigsten Preis. Wenn das alles nicht möglich ist, wird das Internet vollgemeckert – manche nennen das „Shitstorm“.

Das Internet bedient in vielerlei Hinsicht die Bedürfnisse der Geduldlosen. Offenbar sind auch sie es, die den Ton der Diskussionen oft bestimmen. Denn die Vielen, die das nicht so schlimm finden, erheben gar nicht erst das Wort. Oder wenn sie es tun, finden ihre abwiegelnden Worte nicht die gleiche Resonanz – schon gar nicht in den Massenmedien. Ein Trost für Stefan Keuchel und Alle, die sich irgendwann mal in so einer Position finden: Diese Meckerer werden alle später vom Leben bestraft.

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Kommentare

Sebastian Schack

Hm, ein paar Zusammenhanglose Gedanken da­zu:

Man darf da nicht al­les in ei­nen Pott wer­fen. Insbesondere zwi­schen ma­te­ri­el­len und vir­tu­el­len Gütern muss un­ter­schie­den wer­den.
Smartphone-Hersteller ha­ben ei­nen ei­ge­nen Erwartungshorizont was die Verkäufe ei­nes Modells an­be­langt und las­sen die Geräte so schnell wie’s geht vom Fließband lau­fen. Das gilt ver­mut­li­ch bei Android-Telefonen um­so mehr, als dass die Top-Modell da nur ein paar Wochen/Monate das Top-Modell sind. Ist hier die Nachfrage deut­li­ch hö­her als er­war­tet (und in­kl. künst­li­cher Verknappung ein­ge­plant), soll­te man si­ch in der Tat ein paar Tage/Wochen ge­dul­den kön­nen.

Bei vir­tu­el­len Gütern gibt es aber ab­so­lut kei­nen Grund, sie nicht al­len wil­li­gen Käufern zur Verfügung zu stel­len.

Andere be­feu­ern die­se Ansprüche selbst. Zeitungsverlage brab­beln seit Jahren „Qualitätsjournalismus“ vor si­ch hin, um si­ch vom Internet ab­zu­glei­chen. Bitte, ger­ne. Dann will ich aber auch Qualität ha­ben. Vernünftig re­cher­chier­te Artikel, oh­ne Rechtschreibfehler, an­spre­chend auf­ge­ar­bei­tet. Und dann stellt man fest: Schade, zu­min­dest un­ter den Tageszeitungen fin­det man so was prak­ti­sch über­haupt nicht.

PS: Ich will in dei­nem Blog end­li­ch die Funktion se­hen, mi­ch über Antworten auf mei­nen Kommentar be­nach­rich­ti­gen zu las­sen! 🙂

Luca

Finde, man fin­det auch in deut­schen Blogs durch­aus mal „Qualitätsjournalismus“, mit dem tat­säch­li­chen Einsatz im Feld wie bei­spiels­wei­se bei mei­nem Lieblingsmagazin DER SPIEGEL kann man das aber meis­tens nicht ver­glei­chen.

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