Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Beschwerde : Das Internet wie wir es kannten

Justitia
Justitia | Bestimmte Rechte vorbehalten von John Linwood

Steffen Voß

Was für ein Tag: Erst stiftet die schwarz/gelbe Regierung weitere Rechtsunsicherheit mit ihrem sogenannten Leistungsschutzrecht für Presseverleger, und dann verkauft die Telekom Verstöße gegen die Netzneutralität unter dem Siegel „Service“: Das Angebot des Musik-Streaming-Anbieters Spotify wird anderen Diensten gegenüber bevorzugt. Die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung versucht das als „Guten Tag für die Freiheit“ umzuinterpretieren. Das Gegenteil ist der Fall: Die AOLisierung des Internets schreitet fort.

Das Internet war einmal ein Ding, mit dem man experimentieren konnte: Jeder konnte sich HTML beibringen, ein Content Management System installieren und veröffentlichen. Man konnte ausprobieren, wie das Netz funktioniert, man konnte mit Menschen in Kontakt kommen und mit ihnen gemeinsam noch tollere Sachen mit diesem Internet machen. Diese Episode der Freiheit scheint nun Stück für Stück zu Ende zu gehen.

Es zeichnet sich immer mehr ab, dass man zukünftig ohne Genehmigung, rechtliche Prüfung und dickes Budget nichts mehr machen kann. Versteht mich nicht falsch:  Ich bin schon der Meinung, dass man sich über die Regeln informieren muss, wenn man sich auf eine neue Sache einlässt – egal ob man Auto fahren, eine Kneipe aufmachen oder eine Webseite betreiben will. Allerdings müssen die Regeln dann noch so übersichtlich  sein, wie beim Autofahren, wenn man will, dass sich grundsätzlich jeder im Internet betätigen kann.

Das Leistungsschutzrecht wurde zuletzt als „Lex Google“ speziell auf Suchmaschinen zugeschnitten. Aber was ist eine Suchmaschine? Schon kurz nach dem Start hatte „Commentarist“ Ärger mit den Verlagen: Die wollten nicht, dass der Service Kommentare aus Presseerzeugnissen sucht und thematisch zusammenfasst. Dabei kann man sicher sein, dass die meisten Leser die meisten Kommentare ohne den Dienst niemals gefunden hätten – zusätzliches Publikum für die Verlage. Und trotzdem unerwünscht.

Oder doch nicht? Immerhin wenden die Verlage viel Energie dafür auf, dass sie bei Google News hoch eingestuft werden. Das geht so weit, dass die Verlage ausschließlich für die Suchmaschine und nicht mehr für die Leser publizieren. Beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag zum Beispiel ändern sich die URLs ständig so, dass sie nach kurzer Zeit nicht mehr funktionieren. Wer versucht, einen Artikel per Mail weiter zu empfehlen muss schnell sein: Nach einer halben Stunden funktioniert die URL oft schon nicht mehr.

Surfen auf dem Telefon war noch nie richtiges Internet, bei all den Einschränkungen, die die wenigen Netzanbieter gemacht haben. Nun beginnt offenbar die Phase in der das als Vorteil verkauft wird. Der Telekom/Spotify-Deal wird Vorbild sein für weitere Angebote. Du möchtest Youtube auf dem Telefon gucken? 5,-EUR extra. Du möchtest ein flotteres Facebook? Mit 2,-EUR bist Du dabei! Und was macht die Konkurrenz, die sich solche Deals noch nicht leisten kann? Was machen die freien Alternativen wie Diaspora oder Identica? Die werden in die Röhre schauen. Die etablierten Medien festigen damit ihre Position. Innovation wird behindert.

Zugegeben: Man muss kein Mitleid mit Google wegen des Leistungsschutzrechts haben. Der allgegenwärtige Konzern dominiert seinerseits das Internet. Das Leistungsschutzrecht ändert daran aber nichts.

Entschuldigt diesen leicht wirren Text. Ich bin gerade zu sauer, ihn besser zu sortieren.

Foto: Bestimmte Rechte vorbehalten von John Linwood

Kommentare

Mathias
Mathias:

Mobile TV, Facebook bei E-Plus und einiges mehr läuft genau so ab, wie auch jetzt die Spotify-Option. In der Option sind die Daten-Gebühren enthalten.

Mobile TV und die Facebook Aktion bei E-Plus gibt es schon Jahre, da hat kein Mensch auch nur bisher überlegt, die Netzneutralität ins Spiel zu bringen.

Spotify und Telekom sind kein Vorbild, in dem Sinne, dass sie die Netzneutralität angreifen, auch Mobile TV und der FB-Deal nicht. Es gibt keine Bevorzungung von Diensten, um schneller, besser oder sonst irgendwie an anderen Diensten vorbei priorisiert zu funktionieren.

Lediglich Daten-Kosten, die zusätzlich entstehen würden, werden nicht zusätzlich berechnet; sie sind in der Gebühr enthalten.

Würde die Telekom den Spotify-Tarif mit 15 oder zwanzig Euro abrechnen, gebe es einen Protesturm der anderen Art: Kunden würden Sturm laufen, das die Telekom zu der Datenflat mit 10 Euro, die der Kunde schon zahlt nun noch einmal eine weitere Flat berechnet und die Spotify-Gebühr zusätzlich…

Wie man es macht ist es falsch…

my 2 Cents

3.9.2012 um 10:05
Steffen Voß
Steffen Voß:

Sehr wohl gab es auch vorher Kritik an gesperrten P2P und Kommunikationsprotokollen im Mobilfunk. Mobiles Internet war noch nie Internet, sondern immer nur ein internet-ähnlicher Dienst. Da wurde es im Kleingedruckten der AGB als „Sicherung der Qualität“ verkauft.Die Zukunft sieht dann wohl so aus: http://kfrng.de/d8kt7 Und wer als Startup keinen Deal mit einem Provider macht, schaut in die Röhre.

3.9.2012 um 11:13
Mathias
Mathias:

Die Diskussion um „fixed“ Internet und „mobiles“ Internet ist schon so hahnebüchen, dass man darüber kein weiteres Wort verlieren muss.

3.9.2012 um 12:10
Finn
Finn:

Wie meinst du denn die Sache mit shz.de? Die normalen Artikel Links sind ja im Normalfall ewig gültig. Ist das bei Artikeln, die per Mail weiterempfohlen werden, anders?

3.9.2012 um 15:45
twain
twain:

Hi Steffen,
ich finde du hast einen echt interessanten Blog! Super Artikel! Ich hab gerade auf Diaspora das OSBN entdeckt: http://osbn.de/ vielleicht passt du da ja auch noch dazu.
Viele Grüße!
twain

13.9.2012 um 18:46

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