kaffeeringe.de

Beschwerde: Das Internet wie wir es kannten

Justitia
Justitia | Bestimmte Rechte vorbehalten von John Linwood

Was für ein Tag: Erst stiftet die schwarz/gelbe Regierung weitere Rechtsunsicherheit mit ihrem sogenannten Leistungsschutzrecht für Presseverleger, und dann verkauft die Telekom Verstöße gegen die Netzneutralität unter dem Siegel „Service“: Das Angebot des Musik-Streaming-Anbieters Spotify wird anderen Diensten gegenüber bevorzugt. Die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung versucht das als „Guten Tag für die Freiheit“ umzuinterpretieren. Das Gegenteil ist der Fall: Die AOLisierung des Internets schreitet fort.

Das Internet war einmal ein Ding, mit dem man experimentieren konnte: Jeder konnte sich HTML beibringen, ein Content Management System installieren und veröffentlichen. Man konnte ausprobieren, wie das Netz funktioniert, man konnte mit Menschen in Kontakt kommen und mit ihnen gemeinsam noch tollere Sachen mit diesem Internet machen. Diese Episode der Freiheit scheint nun Stück für Stück zu Ende zu gehen.

Es zeichnet sich immer mehr ab, dass man zukünftig ohne Genehmigung, rechtliche Prüfung und dickes Budget nichts mehr machen kann. Versteht mich nicht falsch:  Ich bin schon der Meinung, dass man sich über die Regeln informieren muss, wenn man sich auf eine neue Sache einlässt – egal ob man Auto fahren, eine Kneipe aufmachen oder eine Webseite betreiben will. Allerdings müssen die Regeln dann noch so übersichtlich  sein, wie beim Autofahren, wenn man will, dass sich grundsätzlich jeder im Internet betätigen kann.

Das Leistungsschutzrecht wurde zuletzt als „Lex Google“ speziell auf Suchmaschinen zugeschnitten. Aber was ist eine Suchmaschine? Schon kurz nach dem Start hatte „Commentarist“ Ärger mit den Verlagen: Die wollten nicht, dass der Service Kommentare aus Presseerzeugnissen sucht und thematisch zusammenfasst. Dabei kann man sicher sein, dass die meisten Leser die meisten Kommentare ohne den Dienst niemals gefunden hätten – zusätzliches Publikum für die Verlage. Und trotzdem unerwünscht.

Oder doch nicht? Immerhin wenden die Verlage viel Energie dafür auf, dass sie bei Google News hoch eingestuft werden. Das geht so weit, dass die Verlage ausschließlich für die Suchmaschine und nicht mehr für die Leser publizieren. Beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag zum Beispiel ändern sich die URLs ständig so, dass sie nach kurzer Zeit nicht mehr funktionieren. Wer versucht, einen Artikel per Mail weiter zu empfehlen muss schnell sein: Nach einer halben Stunden funktioniert die URL oft schon nicht mehr.

Surfen auf dem Telefon war noch nie richtiges Internet, bei all den Einschränkungen, die die wenigen Netzanbieter gemacht haben. Nun beginnt offenbar die Phase in der das als Vorteil verkauft wird. Der Telekom/Spotify-Deal wird Vorbild sein für weitere Angebote. Du möchtest Youtube auf dem Telefon gucken? 5,-EUR extra. Du möchtest ein flotteres Facebook? Mit 2,-EUR bist Du dabei! Und was macht die Konkurrenz, die sich solche Deals noch nicht leisten kann? Was machen die freien Alternativen wie Diaspora oder Identica? Die werden in die Röhre schauen. Die etablierten Medien festigen damit ihre Position. Innovation wird behindert.

Zugegeben: Man muss kein Mitleid mit Google wegen des Leistungsschutzrechts haben. Der allgegenwärtige Konzern dominiert seinerseits das Internet. Das Leistungsschutzrecht ändert daran aber nichts.

Entschuldigt diesen leicht wirren Text. Ich bin gerade zu sauer, ihn besser zu sortieren.

Foto: Bestimmte Rechte vorbehalten von John Linwood

Kommentare

Mathias

Mobile TV, Facebook bei E-Plus und ei­ni­ges mehr läuft ge­n­au so ab, wie auch jetzt die Spotify-Option. In der Option sind die Daten-Gebühren ent­hal­ten.

Mobile TV und die Facebook Aktion bei E-Plus gibt es schon Jahre, da hat kein Mensch auch nur bis­her über­legt, die Netzneutralität ins Spiel zu brin­gen.

Spotify und Telekom sind kein Vorbild, in dem Sinne, dass sie die Netzneutralität an­grei­fen, auch Mobile TV und der FB-Deal nicht. Es gibt kei­ne Bevorzungung von Diensten, um schnel­ler, bes­ser oder son­st ir­gend­wie an an­de­ren Diensten vor­bei prio­ri­siert zu funk­tio­nie­ren.

Lediglich Daten-Kosten, die zu­sätz­li­ch ent­ste­hen wür­den, wer­den nicht zu­sätz­li­ch be­rech­net; sie sind in der Gebühr ent­hal­ten.

Würde die Telekom den Spotify-Tarif mit 15 oder zwan­zig Euro ab­rech­nen, ge­be es ei­nen Protesturm der an­de­ren Art: Kunden wür­den Sturm lau­fen, das die Telekom zu der Datenflat mit 10 Euro, die der Kunde schon zahlt nun no­ch ein­mal ei­ne wei­te­re Flat be­rech­net und die Spotify-Gebühr zu­sätz­li­ch…

Wie man es macht ist es fal­sch…

my 2 Cents

Steffen Voß

Sehr wohl gab es auch vor­her Kritik an ge­sperr­ten P2P und Kommunikationsprotokollen im Mobilfunk. Mobiles Internet war no­ch nie Internet, son­dern im­mer nur ein internet-ähnlicher Dienst. Da wur­de es im Kleingedruckten der AGB als „Sicherung der Qualität“ verkauft.Die Zukunft sieht dann wohl so aus: http://kfrng.de/d8kt7 Und wer als Startup kei­nen Deal mit ei­nem Provider macht, schaut in die Röhre.

Mathias

Die Diskussion um „fi­xed“ Internet und „mo­bi­les“ Internet ist schon so hah­ne­bü­chen, dass man dar­über kein wei­te­res Wort ver­lie­ren muss.

Finn

Wie mein­st du denn die Sache mit shz.de? Die nor­ma­len Artikel Links sind ja im Normalfall ewig gül­tig. Ist das bei Artikeln, die per Mail wei­ter­emp­foh­len wer­den, an­ders?

twain

Hi Steffen,
ich fin­de du hast ei­nen echt in­ter­es­san­ten Blog! Super Artikel! Ich hab ge­ra­de auf Diaspora das OSBN ent­deckt: http://osbn.de/ viel­leicht passt du da ja auch no­ch da­zu.
Viele Grüße!
twain

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Möchtest Du benachrichtigt werden, wenn Dir hier jemand antwortet?