kaffeeringe.de

Mobilität: Unsere abgefahrene Zukunft

Google Auto
Google Auto | Foto: Bestimmte Rechte vorbehalten von ScottSchrantz

Vor 10 Jahren hatte sich Kiel gemeinsam mit Hamburg um die Olympischen Spiele beworben. Spätestens seit damals geistert die Idee einer Stadtregionalbahn durch die Stadt. Als eine der letzten Städte hatte Kiel erst 1985 die letzte Straßenbahnstrecke eingestellt. Hier und da finden sich immer noch Schienen im Stadtgebiet. Doch ist die Eisenbahn – eine Technologie aus dem 19. Jahrhundert – für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) eigentlich wirklich noch auf der Höhe der Zeit?

Ich habe mir zur Zeit ein Auto ausgeliehen: Einen 1991er Audi 80. Dem habe ich erst einmal eine Halterung für mein Smartphone spendiert – für Musik und Navigation. Dank der Navigation von Google finde ich überall ziemlich unkompliziert hin. Das Navi leitet mich bei Stau sogar unaufgefordert auf schnellere Nebenstrecken um. Wenn mir allerdings eine Computerstimme sagt, wie ich mich einordnen und wo ich abbiegen soll, wenn vor und hinter mir andere Autos bestimmen, wie schnell ich fahren kann und die Automatik auch noch das Schalten übernimmt, habe ich genügend Zeit, darüber nachzudenken, warum ich überhaupt noch irgendwas machen muss. Wenn das Telefon so genau weiß, wo ich lang soll und die Herausforderung nur noch darin besteht, den richtigen Abstand zum Vordermann zu halten, kann das das Telefon doch auch gleich selbst machen.

Bei Google hat sich das wohl auch jemand gedacht, als der US-Konzern im Jahr 2010 sein Projekt für fahrerlose Autos vorstellte. Nein, eigentlich ging es Google wohl um die Fehler, die Menschen beim Fahren begehen:

„According to the World Health Organization, more than 1.2 million lives are lost every year in road traffic accidents. We believe our technology has the potential to cut that number, perhaps by as much as half.“

Mittlerweile ist man bei Google weit gekommen: Nevada und Kalifornien wollen fahrerlose Autos auf den Straßen erlauben. Die Testfahrzeuge sind inzwischen hunderttausende Kilometer ohne Unfall gefahren.

Car-Sharing und modernes Mitfahren

In der Zwischenzeit übt die Gesellschaft neue Möglichkeiten, Ressourcen gemeinsam zu nutzen: Unter dem Stichwort „Collaborative Consumption“ wird der alte Genossenschaftsgedanke neu belebt und mit den Möglichkeiten des Internets erweitert. Tamyca heißt zum Beispiel ein Service, bei dem Autobesitzer ihren Wagen privat vermieten können. Dort können Suchende leicht ein Fahrzeug in der Umgebung finden und es nach einem standardisierten Verfahren mieten. Dabei ist das Auto speziell versichert. Beide Seiten müssen sich um wenig selbst kümmern. flinc hat sich vorgenommen, die Mitfahrzentrale zu revolutionieren: Ein eigenes Navigationssystem bietet dem Fahrer eines Autos Mitfahrer an. Nimmt der Fahrer eine Fahrt an, wird seine Route so geändert, dass er den Mitfahrer abholt und an seinem Ziel absetzt. Flinc rechnet dazu noch den Preis für die Mitfahrt aus. Am Münchner Flughafen testet die Firma FLS eine Kombitaxi-Lösung, die die Routen von Taxis so kombiniert, dass möglichst viele Fahrgäste möglichst effizient an ihr Ziel kommen.

Denkt man das zusammen mit dem Konzept von fahrerlosen Autos, kommt man auf ganz andere Möglichkeiten der Fortbewegung: ÖPNV müsste sich nicht mehr entlang fester Strecken bewegen. Die Fahrzeuge müssten nicht mehr an festen Haltestellen halten. Eine flotte automatischer Fahrzeuge mit verschiedenem Fassungsvermögen und Transportmöglichkeiten könnte autonom durch die Stadt navigieren. Die Fahrgäste müssten nur in ihrem Smartphone einstellen, von wo nach wo sie fahren wollen und ob sie Gepäck haben. Dann bekämen sie sekundengenau angezeigt, wann das nächste Fahrzeug sie mitnehmen könnte.

Zukunftsmusik?

Selbstfahrende Autos klingen nach Science Fiction? Sollten wir nicht eigentlich schon im Jahr 2000 mit fliegenden Autos durch die Gegend brausen? Ich glaube, dass selbstfahrende Autos schneller kommen, als wir uns das vorstellen können:

  1. Die Technik funktioniert schon heute ziemlich gut. Nicht nur Google ist soweit, auch BMW, Mercedes, Volvo und GM sind soweit. Sogar ein Volkswagen fährt schon länger im Braunschweiger Stadtverkehr. Die Technik muss jetzt nur noch hübscher verpackt werden.
  2. Die Technik funktioniert auch gemeinsam mit vorhandener Technik: Das Konzept geht nicht davon aus, dass alle Autos mit gleicher Technologie ausgestattet sein müssen. Die Autos müssen nicht miteinander kommunizieren, um einander aus dem Weg zu gehen. Sie könnten es aber. Und dann wäre die Technik noch sicherer. Selbstfahrende Autos können gemeinsam mit normalen Autos die gleichen Straßen benutzen. Sie benötigen keine gesonderte Infrastruktur – ein Faktor, der zum Beispiel bei den Antrieben von Gas, Wasserstoff bis Elektrizität ein großer Hemmschuh ist und dafür sorgt, dass sich diese Technologien wegen mangelnder Tankmöglichkeiten nur langsam durchsetzt. Selbstfahrende Autos benötigen keinen Netzeffekt. Andere Fahrzeugtechnologien, die ebenfalls keinen Netzwerkeffekt benötigen, wie zum Beispiel der Katalysator haben sich auch viel schneller durchgesetzt.
  3. Einen weiteren Faktor beschreibt Neil McGuigan in seinem Blog-Artikel: Der Preis einer Autoversicherung hängt davon ab, wie hoch die Kosten in der Statistik für die Versicherungen sind. Ein Autotyp, der praktisch keine Unfälle hat, wird unglaublich billig sein. Gerade für den kommerziellen Einsatz ist das ein wichtiger Faktor.
  4. Der kommerzielle Bereich wird auch davon profitieren, dass keine Fahrer mehr benötigt werden und diesen Vorteil nutzen wollen.
  5. Es ist politisch gewollt, dass wir keine älteren Autos fahren. Seit der Umweltprämie gelten Autos mit 9 Jahren als alt. In ca. 10 Jahren werden also praktisch alle Autos einmal ausgetauscht.
  6. Für Elektroautos ist es perfekt, wenn sie vollautomatisch fahren: Sie können Strecken selbstständig so planen, dass sie regelmäßig geladen werden und dann so energiesparend wie möglich fahren. Auch Elektroautos sind politisch gewollt.

Ich fänd das sehr begrüßenswert. Neil McGuigan rechnet vor: Zur Zeit stehen Autos 90% ihrer Zeit in der Gegend herum. 50% der Stadtflächen sind zur Zeit für den Verkehr reserviert. Ein Großteil davon für den „ruhenden Verkehr“. Würden die automatischen Autos gemeinschaftlich zumindest zu 60% ausgenutzt, könnte man 84% der Autos einsparen. Idealerweise müssten Autos nur noch in Randzeiten zum Beispiel nachts stehen. Sonst könnten sie ständig Menschen und Güter transportieren. Das muss übrigens nicht bedeuten, dass alle Menschen in den gleichen, gleichförmigen Dosen durch die Stadt rollen. Für die einen ist es sicher günstiger in automatischen Bussen zu fahren und andere können sich in chicen Fahrzeugen, einzeln chauffieren lassen. Und sicher kann man auch noch sein eigenes Fahrzeug haben. Aber es wird sich immer weniger lohnen. Bei aller Liebe für Straßenbahnen: Ich halte das auf jeden Fall für die realistischere Vision als ein öffentlich finanziertes Großprojekt, das versucht Schienen quer durch die belebtesten Teile einer Stadt zu legen.

Links

Kommentare

Karsten Wenzlaff

Hallo Steffen,

sehr schö­ner Blogpost. Wir ma­chen auf der Social Media Week ein Panel zum Thema Crowdsourcing und Mobility. Eigentlich wä­re es toll, dich da auch auf dem Panel zu ha­ben – könn­test Du Dir nicht vor­stel­len, nach Berlin zu kom­men? Fahrtkosten und so kön­nen wir lei­der nicht be­zah­len…

Lg

Karsten

Mina

Dass selbst­fah­ren­de Automobile bald an Bedeutung ge­win­nen, ist in mei­nen Augen ziem­li­ch of­fen­sicht­li­ch. Doch eben­so in­ter­es­siert mi­ch hier­bei vor al­lem die Frage, wie man ei­ne Balance zwi­schen mensch­li­cher Intelligenz und Erleichterung des Alltags durch mo­der­ne Technik er­hal­ten kann. Denn je­der von uns kann si­ch tau­send Fahrsituationen vor­stel­len, in de­nen ein Computer mit Sicherheit ein­fach Arbeit er­leich­tert. Der Tempomat lässt grü­ßen. Doch wie re­agiert ein Computer in un­über­sicht­li­chen Gefahrensituationen. Hier hilft viel­leicht doch eher die gu­te al­te mensch­li­che Intuition, die man ei­nem Programm wohl kaum bei­brin­gen kann. Ich den­ke, die­ses Problem ist of­fen­kun­dig und ruft nach wei­te­ren Lösungen. Ich bin mir si­cher, dass bald wei­te­re Konzepte zu die­sem Thema fol­gen wer­den.

Steffen Voß

Gefahrensituationen sind halt für Menschen un­über­sicht­li­ch. So ein Zukunftsauto hat ja aber viel mehr Sensoren. Und die wer­den – egal in wel­cher Situation – im­mer ob­jek­tiv aus­ge­wer­tet. Wenn si­ch dann no­ch die Autos un­ter­ein­an­der un­ter­hal­ten kön­nen, ver­viel­facht si­ch die Information. Die Fahrzeugen kön­nen dann viel leich­ter da­für sor­gen, dass er­st gar kei­ne un­über­sicht­li­chen Situationen ent­ste­hen. Autos wür­den von si­ch aus schon gar nicht so fah­ren, dass sol­che Situationen ent­ste­hen. Sie wür­den nicht zu schnell fah­ren, nur weil man es ei­lig hat. Sie wür­den nicht zu dicht auf­fah­ren, nur um je­man­den von der Überholspur zu nö­ti­gen. Sie wür­den nur über­ho­len, wenn es ob­jek­tiv ei­nen Vorteil und nicht nur das gu­te Gefühl bringt, 5m wei­ter vor­ne zu sein. Solche Autos ha­ben auch kein Problem da­mit hin­ter ei­nem LKW her­zu­fah­ren und nicht viel von dem zu se­hen, was da­vor pas­siert – weil sie wis­sen, was da­vor pas­siert.

Die Autos von Google fah­ren schon hun­dert­tau­sen­de Kilometer oh­ne Unfall. Wenn der Anteil an si­ch un­fall­frei fah­ren­der Autos am Gesamtverkehr steigt, müss­te die Unfallgefahr au­to­ma­ti­sch sin­ken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Möchtest Du benachrichtigt werden, wenn Dir hier jemand antwortet?