Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Musikindustrie geht weiter gegen den Kunden vor

Steffen Voß

In einer weiteren Runde des Kampfes der Musikindustrie gegen ihre Kunden, wollen die deutschen Phonoverbände jeden Monat 1000 Menschen kostenpflichtig abmahnen, die Musik aus illegalen Quellen bezogen haben. Wie immer begründet die Musikindustrie dieses Vorgehen mit den rückgängigen Verkaufzahlen im Bereich der CD und lässt andere Gründe als die sogenannten Raubkopien vollkommen außer acht. Und Strategien für eine Rückgewinnung der Kunden gibt es schon gar nicht. Stattdessen verbarrikadiert sich die Industrie mit ihren Produkten hinter immer höheren Mauern wie dem Digital Right Management, mit dem dem Kunden vorgeschrieben wird, wie er die Musik zu hören hat.Die digitale Revolution und die Ausbreitung des Internets hätte für die Musikindistrie eine riesen Chance sein können. Aber sie hat so ziemlich alles falsch gemacht, was sie falsch machen konnte: Auf der einen Seite waren CDs immer zu teuer und viele Kunden haben nicht verstanden, warum die gleiche Musik auf einer Silberscheibe teurer sein muss als auf einer größeren schwarzen.

Dann hat die Industrie angefangen ihre Musik zu verschleudern – auf Gratis-CDs, die eine zeitlang jeder Zeitschrift beilagen. Gleichzeitig wurden die Radiosender gleichgeschaltet und der Kunde konnte sich schon im kostenlosen Radio an der einzigen Musik tothören, die er überhaupt noch kennenlernte. Dann wurde das Kopieren von CDs günstiger als der reguläre Erwerb. Reaktion? Strategie? Keine. CDs wurden nicht günstiger und sie boten auch keinen Mehrwert gegenüber der gebrannten CD. Stattdessen wurden CDs mit schlechten „Multimedia-Extras“ bestückt, die allzuleichtes kopieren der Musik verhindern sollten.

Im weiteren gewannen andere Angebote gegenüber der Musik für die Jugend an Attraktivität: Mobiltelefone zum Beispiel. Musik hat für die Jugend offenbar auch nicht mehr so einen starken Abgrenzungseffekt gegenüber den Erwachsenen, die selbst wiederum versuchen die Musik der Jugend zu verstehen.

Dann kam Napster und jeder konnte jedes beliebige Lied so schnell haben, wie es seine Leitung hergab. Nun gut. Ich kann verstehen, dass die Musikindustrie (MI) etwas degegen hatte, dass eine andere Firma etwas mit ihren Produkten verdient. Das konnte so nicht gut gehen. Jedoch abgesehen von juristischen Reflex gab es keine Reaktion von der Industrie. Einzige Idee: Man bietet das gleiche wie Napster, nur mit Bezahlung.

In Zukunft möchte die MI sich gerne den Umweg über Strafanzeigen für illegale Downloader sparen und zivilrechtlich vorgehen können. Wenn aber gleichzeitig die Abmahngebühr für solche Massenfälle auf 50€ begrenzt wird, stellt sich die Frage, ob man nicht lieber flexible und komfortable Flatrates einführen könnte.

99 Cent für ein Lied, dass das vielleicht im betrunkenen Kopf lustig fand und es dann nie wieder hört, ist doch zu viel Geld. Es gibt eine natürlich Beschränkung beim Menschen: Er kann zwar unendlich viele Musikstücke besitzen, er kann aber nur eines zur Zeit hören. Wir wäre es also mit einer Flatrate für Musikstücke, die man direkt von den Server der MI abspielen kann? Dann kann man sich auch das komplizierte DRM-Gedöhns sparen, dass die Kunden auch nur zwingt, die digitalen Daten nicht so flexibel zu nutzen, wie es eigentlich möglich wäre. Dank entsprechender Übertragungsraten auch im mobilen Bereich, sollte das doch kein Problem sein. Und die MI hätte plötzlich wieder eine bessere Beziehung zu ihren Kunden.

Eine ähnliche Entwicklung gab es ja im Bereich der Datenfernübertragung – wie das Internet früher hieß. Die Post hatte ein Monopol auf Datendienste über die Telefonleitung und verbot den Kunden alles, was sie nicht ausdrücklich erlaubte. Auch damals gab es technisch interessierte Menschen, die sich darum nicht kümmerten und die quasi die Vorhut des Internets in Deutschland waren. Heute gibt es eine Vielzahl Anbieter und das Internet ist natürliches Instrument für Millionen geworden. Juristisches Vorgehen gegen Menschen, die das falsche Modem betrieben um ein bißchen mehr Geschwindigkeit aus ihrer Telefonleitung zu kitzeln, wirken heute nur noch lächerlich.

Aber auch im Telekommunikationssektor war die Änderung keine Folge des Umdenkens der Industrie, sondern des politischen Drucks. Die Politik wird aber nicht auf Dauer untätig zusehen, wie die MI die ohnehin stark belasteten Staatsanwaltschaften mit ihren Massenklagen beschäftigen.

Links:
Musikindustrie verteidigt geplante Massenanzeigen gegen P2P-Nutzer

Kommentare

Spiessgeselle
Spiessgeselle:

Vieles ist im Artikel schon gesagt worden.
DIE INDUSTRIE HAT HIER EINDEUTIG JAHRELANG DEN TREND DER ZEIT VERPENNT.
Die damaligen Bosse waren träge vollgestopfte Manager, die ausser TV und Radio nichts weiter kannten.
Computer und Internet wurde gnadenlos unterschätzt.
Die CD kostete mit einem Sprung 36 Mark, gegenüber der LP von 22Märkern.
Selbst als vor zehn Jahren, noch lange nicht für den Konsumenten das Computerzeitalter absehbar war,hätte die Phonoindustrie auf’s richtige Pferd setzen müssen.
Neue Medien in Form von DVD-A und SACD kündigten sich im neuen Jahrtausend an.
Obwohl dort der Klang, wenn er richtig eingesetzt wurde, einen eindeutigen Quantensprung nach vorne machte, wurden die neuen Scheiben in Nischen der CD-Abteilungen versteckt.
Puristischer Klang für einige wenige Auserwählte, für die breite Masse blieb die über zwanzig Jahre alte CD.
Mit MP3 wurde der Klang nicht besser, dafür aber billiger.
Die Standalone CD-player wurden abgeschafft, bzw. in die immer günstiger werdenden DVD-player integriert.
Da fällt der komprimierte MP3 Klang in den Massen Consumer Klassenanlagen überhaupt nicht auf.
DVD-player von Aldi für 50€ reicht völlig aus. Von Wirtschaftswunder keine Spur. Saugen bis der Arzt kommt; alles was den Saugern unter dem Brenner kommt.
Was DVD-A oder SACD bedeutet, wissen wohl 95% der Bevölkerung bis heute noch nicht.
Die Phonoindustrie war sich bis heute zu schade, in den neuen Scheiben an Marketing zu investieren. Investition hat mit Geld zu tun. Davon will die Industrie nichts wissen.
Das einzige was sie kann, ist jammern, wie alte Weiber.
Die Geiz ist geil Werbung tat ihr übriges.
Selbst die jenigen, die sich damals für neue bessere Scheiben entschieden haben, kaufen nichts mehr. So wie meine Person.
Rippen, grabben und/oder sonst was ist mir zu anstrengend.
Die Krönung uferte in Sonys CD-Copyschutz, dem eines Rootkits. Seitdem kaufe ich keine Sony CD’s mehr. Protest muss eindeutig sein.
Copygeschützte CD’s von Blue Note oder die guten alten Scheiben von Impulse, wenn sie gegen kopieren geschützt sind, bleiben schon lange im CD Regal stehen.
Nach nur zehn Jahren Überflieger Erfolg für die DVD, soll uns nun von der Industrie, den Filmbossen schon wieder eine neuer DVD Standard auf’s Auge gedrückt werden.
Nur können sich die Herren noch nicht so richtig entscheiden. Am besten man kauft gleich im Doppelpack und schröpft König Kunde doppelt. HD-DVD von Toshiba oder Blue-Ray, ausgerechnet von Sony.
Alles wunderbar verpackt in einem genial entwickelten Copyschutzverfahren namens HDCP.
Ohne bleibt der Bildschirm duster.
Wobei die Qualität der „normalen“ DVD in den allermeisten Fällen qualitativ gar nicht ausgenutzt wird.
Und schlappe 30€ sollte einem der Spass fü die neue HDTV Qualität schon wert sein.
Während in den Regalen weiterhin die CD’S verstauben, der geneigte Hörer bei RTL den Superstar sucht. Das Team um Dieter Bohlen weiterhin die Kandidaten, um die Einschaltquote zu halten,zur Sau macht.
Hier kann man bestens sehen, wie eine Gesellschaft nach Anerkennung förmlich wimmert und von den Vetretern diesr Musikindustrie regelrecht zur Sau gemacht wird.
Von diesen zur Schnecke gemachten Kandidaten,kann man nicht auch noch erwarten, dass sie anschliessend in die Plattenläden gehen und CD’s kaufen.
Diese setzen sich anschliessend vor dem Pc and laden ihre Files herunter.
Diese nervende Musikmaschinerie, die ihren Käufern auch noch zumutet, diese unerträgliche Pappiknast Werbung ertragen zu müssen.
Dieser Industriezweig der bis heute nichts begriffen hat und nur eins macht: unheimlich zu nerven.
Wollte man illegale Downloads verbieten, würde das dem gleichkommen, als ob man der Waffenindustrie verbieten würde, diese zu verkaufen

12.3.2007 um 23:35

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