Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Freie Software : Open-​Source muss einfacher werden

Frau verzweifelt an ihrem Laptop
Foto: Andrea Piacquadio/Pexels

Steffen Voß

Mir hat die Corona-​Pandemie aber noch einmal vor Augen geführt, dass Quelloffenheit und Freie Lizenzen allein nicht genügen – Wir müssen uns verstärkt Gedanken darüber machen, wie Freie Software zu den Menschen kommt.

Ich bin ein riesen Fan von Freier Software. Ich arbeite mit Ubuntu, Firefox, Thunderbird, Libre Office, Gimp, WordPress, Nextcloud, LineageOS usw. Wann immer es geht, verwende ich Freie Software – selbst, wenn ich dafür das Laptop aufschrauben und einen Jumper überbrücken muss, um ein neues BIOS einzuspielen. Letzte Woche habe ich gerade zwei Tage mit meinem alten Handy gekämpft, um LineageOS einzuspielen. 

Kein Problem. Ich freu mich, dass das überhaupt geht. Aber. Als wir alle vor ein paar Monaten ins Home-​Office abgewandert sind, gab es eine riesige Nachfrage nach Software, um dezentral arbeiten zu können. Darauf waren schon viele kommerzielle Anbieter nicht vorbereitet, aber von den Open-​Source-​Projekten war fast keines so schnell am Start.

Beispiel Jitsi

Das Thema „Videokonferenz” ist in den letzten Jahren so vor sich hingedümpelt. Technisch ging das irgendwie. Aber in der Regel haben sich die meisten Menschen dann doch lieber persönlich getroffen. Plötzlich brauchten alle Videokonferenzen und es wurde getestet, was das Zeug hielt. Doch selbst die meisten, großen kommerziellen Anbieter waren nicht konkurrenzfähig. Entweder, weil die Bedienung vollkommen veraltet war oder weil die Preisstruktur nicht zu den Bedürfnissen der Anwender passte. 

Schnell lief alles auf Zoom hinaus: Einfach zu bedienen, stabil, ordentliche Qualität und finanziell überschaubar. Dabei gab es doch Jitsi! Freie Software, kostenloser Service und man braucht nicht einmal einen Client. 

Schade war nur, dass es zunächst aus unbestimmbaren Gründen bei vielen Benutzerinnen und Benutzern Probleme gab. Kleine Instanzen sind schnell am Limit gewesen. Bild und Ton waren nicht konkurrenzfähig – wenn man nur diese Kategorien rechnet. Aber das tun viele Menschen nun einmal. Und diese Masse der Menschen entscheidet, in welche Richtung sich ein Markt bewegt. Hier hat er sich zu Zoom bewegt.

Beispiel Nextcloud

Ich ärgere mich darüber, dass Nextcloud es verpasst hat, hier gleich auf dem Platz zu sein. Nextcloud macht schon sehr viel richtig: Man muss keine Ahnung von der Software haben – man kann sich einfach einen kostenlosen Account klicken und wer mehr Platz braucht, kann dann dafür bezahlen. So wie bei der proprietären Konkurrenz. 

Aber ausgerechnet die Video-​Komponente versagte. In der Standard-​Installation konnte Talk nur zwei bis vier Teilnehmer bedienen. Wer mehr wollte, musste einen teuren Tarif bei Nextcloud buchen – für mindestens 4000€ im Jahr. 

Man hätte so viele Leute in dieser ersten Home-​Office-​Phase zu Nextcloud bekommen können, wenn es ein komplettes Paket inklusive Videokonferenz gewesen wäre. Nextcloud ist einfach genial für dezentrale Arbeit. Aber diese Chance wurde weitestgehend verpasst.

Trotzdem machen Jitsi und Nextcloud vor, wie es gehen könnte: Es gibt die Software nicht nur zum Download auf Github – es gibt auch einen Service, bei dem man die Software einfach benutzen kann. Das müssen viel mehr Projekte mitdenken. Wie kommt die Software zu den Benutzenden? Wer ist die Zielgruppe? Können die alle einen FTP-​Client bedienen? Oder wollen wir das allen beibringen? WordPress hat deswegen WordPress.com gestartet. Dort bekommt man eine WordPress-​Website ohne technische Kenntnisse.

Ich habe selbst lange an einem Freien Software Projekt mitgearbeitet und weiß, dass das nicht leicht ist. Man hat halt mit Glück eine paar Leute, die Spaß daran haben, am Code zu arbeiten. Vielleicht verdienen sogar einige ihr Geld damit. Aber es ist schon schwer Helfende mit Design-​Fähigkeiten zu finden oder Leute, die Dokumentation schreiben. Und dann soll sich auch noch jemand darum kümmern, dass die Software nicht nur für die Leute funktioniert, für die sie funktioniert?

Wenn es aber Leute gibt, denen etwas an Freier Software liegt und die selbst keine großen Programmierfähigkeiten haben, dann könnten die sich überlegen, wie man die Software noch besser unter die Leute bekommt. Und die jetzige Community sollte offen sein für Leute, die so etwas tun wollen.

Hat’s Dir gefallen? Bitte teilen:



Kommentare

Aaron
Aaron:

Hey Steffen,

ich finde deinen Artikel gut geschrieben und benutze selber Freie Software.
Außerdem engagiere ich mich freiwillig für das TROM Projekt und wir veröffentlichen seit längerem eine angepasste Version von Manjaro, die (so wie Manjaro auch) eigentlich für alle Menschen gedacht ist, also gerade auch diejenigen, die keine Ahnung vom Terminal haben und mit Videos und einfachen Artikeln wollen wir es allen zugänglich machen.
Hier ist die Homepage von TROM-​Jaro: https://www.tromjaro.com/de/
Hier haben wir ein paar Videos über die Idee dahinter gemacht: https://www.tromjaro.com/de/tromjaro-videos-trade-free-means/
Und hier sind ein paar weitere interessante Artikel: https://www.tromjaro.com/de/articles/

Ich weiß, dass openos.at versucht, Linux & Co bekannter zu machen: http://openos.at/pages/distro/upstart.php aber bin mir selber auch nicht sicher, wie man freie Software verbreiten kann. Als einzelner Mensch darüber reden und vielleicht Videos darüber machen, Podcasts, Vorträge und Workshops etc. das sind so meine Ideen. Ich hab auch mal selber versucht, Videos zu machen: https://www.aaronboos.de/videos/trom-jaro/

Beste Grüße
Aaron

31. August 2020 um 20:56

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.