Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Datenschutz & Sicherheit : Ist Zoom wirklich so schlimm?

Videokonferenz
Videokonferenz | Foto: Julia M Cameron/pexels.com

Steffen Voß

Vor ein paar Wochen war der Zoom praktisch unbekannt. Inzwischen ist der Videokonferenz-​Dienst quasi zum Standard geworden – und umstritten. Zu Recht?

Ich selbst hatte Zoom auch noch nicht benutzt – doch als wir alle uns nicht mehr treffen durften, musste schnell eine Lösung her, mit der wir im Gespräch bleiben konnten. Eine Blitz-​Marktanalyse hat für mich ergeben, dass Zoom offenbar einen ganz guten Ruf hat, wenn es um Nutzerfreundlichkeit geht. Zusätzlich ist es kein Dienst von einem der Unternehmen, die vor allem vom Datensammeln leben – man muss für den Account bezahlen und bekommt dafür die Leistung.

Open-​Source Alternativen: Teuer & unzuverlässig. Bisher.

Klar wäre mir eine Open-​Source-​Lösung lieber gewesen und ich habe sie getestet: Nextcloud-​Talk ist aber schon mit 3 Nutzern überfordert, wenn man nicht den kommerziellen Dienst bucht. Der kostet 80€ pro Benutzer – mindestens 4000€ im Jahr. Für einen schnellen Umstieg ist das wirklich abschreckend. Nextcloud hat versprochen, ein Angebot zu erarbeiten, dass sich auch kleinere Kunden leisten können. Bisher ist das nicht passiert.

Jitsi ist eine weitere wunderbare, unkomplizierte Lösung, die ich schon seit Jahren bei Workshops empfehle. Die größte Stärke ist, dass die Videokonferenz komplett im Browser funktioniert. Allerdings ist das auch die größte Schwäche, denn bisher funktioniert das wirklich reibungslos nur im Chrome-​Browser. Den Google-​Browser wiederum will ich niemandem empfehlen. Mit Firefox Version 76 soll das zukünftig auch gut funktionieren. Aber das hat mir bisher nicht geholfen.

Erst einmal muss es funktionieren

Man kann Videokonferenzen in Jitsi machen. Keine Frage. Aber nicht als erstes. Jitsi kann man mit erfahrenen Leuten einsetzen. Leute, die schon wissen, wie Videokonferenzen ablaufen und was die Stolpersteine auf dem Weg sein können.

In der ersten Phase des Corona-​Shutdowns ging es aber darum erst einmal große Teile der Menschen an Videokonferenzen heranzuführen. Dazu brauchte ich eine Lösung, die funktioniert. Das war Zoom.

Man schickt den Leuten einen Link, die klicken drauf, laden sich den Client runter, installieren den, starten ihn und schon geht es. 90% der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in meinen Videokonferenzen haben das sofort hinbekommen. Für die anderen gibt es die Telefoneinwahl. Die Telefoneinwahl ist ein großartiges Backup. Wenn es jemand gar nicht hinbekommt, kann man dem immer noch sagen: „Komm, nimm das Telefon. Ruf hier an. Dann kriegste auch alles mit.”

Dann kamen die Einwände

Mit steigende Beliebtheit von Zoom, wuchs auch die Zahl von Artikeln, die sich kritisch mit der Plattform auseinander setzten. Das ist grundsätzlich zu begrüßen, weil es auch mir hilft, so einen Dienst einzuschätzen. Aber was da veröffentlicht wurde, grenzte an Desinformation. Zumindest hat es eine Menge Leute verunsichert.

Kritisiert wurden Sicherheitslücken, die vor Jahren aufgetreten und mittlerweile gefixt sind. Kritisiert wurden Features, die standardmäßig gar nicht eingeschaltet sind. Kritisiert wurde die Einbindung von Tracking-​Diensten auf der Website von Zoom.

Tatsächlich sind im Rahmen dieser genaueren Begutachtung einige Dinge bei Zoom aufgefallen, die wirklich kritikwürdig sind und die dann auch ziemlich schnell beseitigt wurde. Die App hatte zum Beispiel das Facebook-​SDK genutzt, das fröhlich Nutzungsdaten sammelte. Dieses Problem wurde binnen Tagen beseitigt.

Auf mich machte Zoom den Eindruck einer jungen Firma, die erst einmal den besten Videokonferenz-​Dienst auf die Beine stellen wollte und dabei einige Abkürzungen genommen hat. Ich finde aber, die schnellen Reaktionen auf die Kritik sind glaubwürdig. Und einige Kritik war echt absurd.

Ja, Zoom speichert Namen und E‑Mail-​Adressen der Nutzer. Das sind deren Kundendaten. Damit loggen sich die Leute ein. Die Kunden können verschiedene Daten eingeben, die Zoom dann speichert. Wer zahlender Kunde ist, muss seine Zahlungsdaten angeben. Das ist vollkommen normal.

Wer eine neue Zoom-​Konferenz plant, muss damit leben, dass die Zugangsdaten in der Datenbank stehen – sonst geht es nicht. Und so lange die Videokonferenz läuft, muss Zoom wissen, welche Clients in dieser Konferenz sind – sonst funktioniert die Konferenz nicht. Das ist auch bei Jitsi und Nextcloud-​Talk nicht anders.

Wer seine Zoom-​Konferenz von Zoom aufzeichnen lässt, muss damit rechnen, dass die Konferenz dann auf dem Server von Zoom liegt, bis man sie herunterlädt und online löscht.

Die Tracker, die auf zoom.us eingesetzt werden, werden nicht aufgerufen, wenn man einer Konferenz beitritt. Das sind die gleichen Tracker, die leider auf vielen Seiten eingesetzt werden, „um das Nutzererlebnis zu verbessern” – auf jeder durchschnittlichen, deutschen Medien-​Seite sind ein Vielfaches davon verbaut. Das soll das nicht entschuldigen – nur ins Verhältnis setzen.

Nachbesserung der Nutzungsbedingungen

Ein Teil der Verunsicherung hatte auch damit zu tun, dass die Nutzungsbedingungen nicht besonders gut formuliert waren und man da herauslesen konnte, dass alle Daten gesammelt und verkauft werden. Das wurde mittlerweile deutlich klargestellt.

Der Rechtsanwalt Stephan Hansen-​Oest hat schon im März einen Artikel darüber geschrieben, dass Zoom datenschutz-​konform betrieben werden kann und diesen Artikel seither fast täglich aktualisiert.

Die letzte verbliebene Kritik, die ich wahrgenommen haben, sagt: „Das ist doch ein Unternehmen aus den USA. Die machen doch eh mit den Daten, was sie wollen – egal, was die in die Nutzungsbedingungen schreiben.”

Man kann ja über den Datenschutz und die Unternehmen in den USA sagen, was man will, aber nicht, dass sie nicht offen damit sind, was sie mit unseren Daten vorhaben. Es ist ja nicht so, als schrieben Google, Microsoft, Facebook, Amazon und Apple nicht in ihre Nutzungsbedingungen, dass sie mit unseren Daten machen, was sie wollen.

Ich bin kein Anwalt, aber ich vermute, dass Zoom rechtliche Probleme bekäme, wenn sie in ihren Nutzungsbedingungen lügen würden – gerade in den USA, wo so etwas auch mal teuer werden kann.

Umsteigen geht immer noch

Ich habe die Hoffnung, dass Jitsi bald so unkompliziert funktioniert, wie es Zoom bisher tut. Dann werde ich nach und nach darauf umsteigen. Wichtig ist aber jetzt erst einmal, dass die Leute alle lernen, wie man sich in Videokonferenzen benimmt. Diese Kultur kann man dann auch mit anderer Software umsetzen. Jitsi bietet da vor allem den Vorteil, dass man keinen zentralen, bezahlten Account benötigt, der Videokonferenzen einlädt.

Bis dahin muss ich pragmatisch abwägen. Mir ist es wichtiger, dass sich Videokonferenzen etablieren, als das auch gleich mit der richtigen Software durchzusetzen.

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Kommentare

Anne Haase
Anne Haase:

Danke für diesen Artikel!
Gut geschrieben, Fürs und Widers gut dargelegt, ein gutes „Lies dir das mal durch, bevor du weiter meckerst” 🙂
Ich nutze Zoom, Jitsi und Edudip und finde alle nicht wirklich optimal, aber in genau dieser Reihenfolge auch nutzbar.

2. Mai 2020 um 10:20
Steffen
Steffen:

Danke, Anne. Genau dafür habe ich mir das auch aufgeschrieben – damit ich das nicht immer wieder neu erklären muss. „Hier, lies. Da steht meine Einschätzung dazu.” 😉

2. Mai 2020 um 19:28
Elisabeth Eder-Janca
Elisabeth Eder-Janca:

Danke … wieder einer, der einfach, klar und unaufgeregt berichtet. Danke … ich bin es mittlerweile schon leid, mich immer echtfertigen zu müssen. Link geteilt 🙂

3. Mai 2020 um 9:40
derMicha
derMicha:

Hey,

wir betreiben als Cyber4EDU Jitsi und BigBlueButton Server für Schulen. Jeden Tag nutzen bis zu 700 Schüler*innen parallel einen dieser Server. Weiterhin betreiben wir auch öffentliche Instanzen, die frei verwendet werden können:
https://cyber4edu.org/c4e/wiki/corona_hilfe

Aus eigener Erfahrung weiss ich also sehr genau das BBB und Jitsi für Schüler*innen und Pädagog*innen gut nutzbar sind (Grundschule bis Oberstufe). Wir empfehlen allen die Nutzung des Brave Browser (oder aber die mobilen Jitsi Apps), was viel erleichtert. Es funktioniert und reduziert dramatisch die Support Aufwände.

Der Schlüssel zum Erfolg ist ein professioneller Betrieb und Unterstützung der Nutzer*innen. Dazu gibt es bei uns Videochats, in denen technische Anliegen geklärt werden, und es gibt einfach geschriebene Anleitungen, die auf die Technik und grundlegene Verhaltsempfehlungen eingehen.

Weiterhin ist es mir ein Anliegen festzustellen, dass es weitere kommerzielle Anbieter gibt. Dazu gehört u.a. auch die Firma regio.IT, die BigBlueButton und nextCloud im Paket für Schulen anbietet. Es gibt auch weitere kommerzielle Anbieter von Videokonferenzlösungen. Warum reduziert sich die Diskussion immer wieder auf Zoom.us oder Jitsi? Das ist viel mehr drin.

Jitsi ist auch vor allem erst mal eine tolle Software, deren Qualität sich in erster Linie von den technischen Rahmenbedingungen ableitet. Bietet erfahrenen Admins Geld und sie werden euch BBB und/​oder Jitsi in guter Qualität anbieten können. Nehmt nicht kostenlos angebotene Jitsi Server, die aktuell gerne total überansprucht sind, und kommt dann zum dem Fehlschluss nur Zoom.us kann die Lösung sein.

Aus dem Umfeld der Freifunker und des Chaos Computer Clubs gibt es eine Reihe Initiativen in deren Rahmen gerade versucht wird Schulen alternative Wege zum Homeschooling aufzuzeigen, und dies i.d.R. ehrenamtlich. Uns treibt alle das Bedürfnis an den Schülern zu zeigen, dass es tolle Tools ausserhalb des Mainstreams gibt. Nebenbei versuchen wir dann auch unsere Begeisterung für eine freie und offene Gesellschaft zu vermitteln.

Das Internet bietet mehr als Google, Microsoft, Amazon, Apple und auch Zoom.us zu bieten haben. Schule sollte meiner Meinung nach unbedingt das Ziel verfolgen den Blick der Schülerschaft zu erweitern und ihnen zeigen wie sie ihr digitales Leben unter Kontrolle behalten. Das klappt mit dem unreflektiertem Mainstream hinterher rennen nicht. Das schafft Schule leider alleine nicht, die Verwaltung will in der Regel auch nicht so recht verstehen welche Alternativen es gibt, also redet mehr mit den Hackern (https://www.ccc.de/schule) in eurer Nachbarschaft 🙂

Wir von Cyber4EDU freuen uns auf Interessierte jeden Dienstag um 21:00 hier:
https://cyber4edu.org/c4e/wiki/start#uns_treffen

VG, derMicha
Cyber4EDU e.V. i.G.

3. Mai 2020 um 15:31
Steffen Voß
Steffen Voß:

Moin, derMicha,

hier geht es eigentlich gar nicht um Jitsi, sondern darum, dass man Zoom für bestimmte Dinge kritisieren kann – aber nicht für alles, was so kurisert. Die Angst, die einige vor Zoom verbreiten, hat nichts mit der Realität zu tun.

Wenn Su Dich in meinem Blog ein wenig umschaust, wirst du merken, dass wir uns in Sachen Open Source weitestgehend einig sind. 😉

3. Mai 2020 um 18:15

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