Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Mobilität : Selbstfahrende Autos bringen nicht zwingend die Verkehrswende

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Steffen Voß

Vor ein paar Jahren hatte ich mal die Hoffnung, dass selbstfahrende Fahrzeuge eine neue Form der Mobilität hervorbringen. Mittlerweile bin ich skeptisch. Wenn es so weiter geht, werden unsere Städte noch voller.

Zu wenig Parkplätze, schlechte Luft und verstopfte Straßen – unsere Städte sind am Limit. Die Straßennetze sind das Ergebnis von Jahrhunderten Stadtentwicklung. Viele Straßen wurden entworfen, als es noch gar keine Autos gab. Noch in den 1960er Jahren waren viele Stadtteile noch fast autofrei. Heute ist alles voll mit Autos. Die Hälfte der Stadtflächen sind für Autos vorgesehen – für parkende oder fahrende Autos.

Blickrichtung Olshausenstraße. Im Bild links die Goetheschule.
1952. So viel Platz war mal in der Hansastraße. Heute steht in der Fahrradstraße alles voller Autos. Fußgänger unerwünscht. | Foto: Stadtarchiv Kiel, Signatur: 73.923 CC-BY-SA

Es könnte so schön sein, wenn Autos von alleine fahren: Ich muss mir dann nur einen Platz buchen, wenn ich einen brauche, dann kommt das passende Fahrzeug vorbei, holt mich ab und bringt mich an mein Ziel. Danach holt es den nächsten Fahrgast ab. Ganz viele verschiedene Taxis, die besonders günstig sind, weil sie keinen Fahrer mehr benötigen und immer die optimale Route fahren. Autos müssen nicht mehr herumstehen.

Hansastraße 2013
2013: Rechts und Links breite Parkstreifen. Die Mitte dürfen sich Radfahrer mit Autos teilen.

Dazu müssten wir aber unsere Mobilitätskultur ändern. Dafür sehe ich keinerlei Anzeichen. Neben SUVs werden Elektro-Autos das neue Statussymbol. Am Besten ein Elektro-SUV – der wirkt öko und protzig.

Moderne Elektroautos sind jetzt schon teilweise günstiger als Verbrenner. Wenn die Autos auch noch von selbst fahren und damit weniger anfällig für Unfälle sind, können sie noch leichter gebaut werden – noch billiger.

Dazu kommt: Schon ein Anteil von 10 Prozent selbst fahrender Autos können Staus in den Städten reduzieren. Damit wird Autofahren attraktiver, weil es wieder flüssiger geht. Die Straßen können effizienter genutzt werden. Dann könnte die ganze Stadt noch voller Autos sein, die sich zwar immer noch gut, leise und emissionsfrei durch die Stadt bewegen – aber Stoßstange an Stoßstange.

Weil die Parkplätze rar bleiben, schicken wir unser Auto abends einfach zum Parken irgendwo nach außerhalb. Morgens pendelt es dann in die Stadt und holt uns ab. Dann würden auch noch lauter leere Autos zu entlegenen Parkplätzen fahren.

Zur Begrüßung beim SmartCity BarCamp beschrieb Christoph Bechtel Kiel in seiner Vision einer smarten Stadt als autofreier Stadt. Wenn wir das aber allein dem Markt überlassen: Unternehmen und Kunden – dann könnte das Gegenteil passieren. Wenn wir die autofreie Stadt wollen, dann müssen wir dem Auto Flächen wegnehmen und sie Verkehrsmitteln geben, die wir stattdessen wollen. Und wir müssen Nähe organisieren, damit Verkehr gar nicht erst entstehen muss.

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Kommentare

Niklas Hielscher
Niklas Hielscher:

Yep, Problematik ist aus meiner Sicht korrekt beschrieben. Wobei eben nach wie vor die Chance besteht, auch was Gutes daraus zu machen, wenn rechtzeitig regulativ eingegriffen wird. Was das autonome Fahren angeht, ist es längst nicht mehr die Frage des „ob“, sondern des „wann“ und des „wie“. Vor allem das „wie“ ist eine politische Frage.

Man sieht ja jetzt schon unterschiedliche Tendenzen bei den ersten Projekten beim Ride-Sharing (noch mit Fahrern). Da hätten wir Moia (VW-Tochter) in Hannover, wo eher der ÖPNV kannibalisiert wird, anstatt Autoverkehr zu reduzieren. Und da gibts in Hamburg ioki (Bahn-Tochter), die mit ihren „Taxis“ in einem schlecht vom ÖPNV erschlossenen Stadtteil als Zubringerdienst (!) zur nächsten S-Bahn-Station fahren. Wenn ich letzteres auf Kiel im Jahr 2035 mit autonomen Shuttles und einer Stadtbahn mit mehreren Linien übertrage, finde ich das nicht unbedingt verkehrt. Und auf den Pendelverkehr aus dem Umland übertragen möglicherweise noch besser.

Sicher ist eine gut ausgebaute Radinfrastruktur a la Kopenhagen noch besser – aber der Gedanke, auch als Blinder, Gehbehinderter, Senior usw. zu jeder Jahreszeit bei fast jedem Wetter voll mobil zu sein ist eben auch gut. Vielleicht heißt die Vision nicht „autofreie Stadt“ sondern korrekterweise „Stadt ohne motorisierten Individualverkehr“ … aber das klingt sicher nicht so griffig 😉

26. November 2018 um 21:42

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