Steffen Voß - Technologie & Gesellschaft

Design Thinking : Wird die Welt komplexer oder werden wir dümmer?

Foto: pexels.com

Steffen Voß

Design Thinking hat weder etwas mit Design noch mit Denken zu tun. Das meint Lee Vinsel, Professor an der Technischen Universität Virginia und begründet seinen Standpunkt mit einem lesenswerten Rundumschlag. Er spitzt seine These sogar noch weiter zu und behauptet, Design Thinking sei wie Syphilis: ansteckend und Hirn-zersetzend. Ein Symptom des Zeitgeists.

Beim WebMontag im Mai 2012 hat Stephan Raimer das Thema „Design Thinking“ erstmals vorgestellt. Ich erinner mich noch daran: Ich hatte selbst gerade verschiedene Produktivitäts-Methoden (Getting-Things-Done usw.) durchprobiert und war zu dem Schluss gekommen, dass solche Methoden meistens am besten für die Leute funktionieren, die sie erfunden haben – zumal wenn sie dann noch Bücher und Seminare dazu verkaufen können.

Für mich fiel Design Thinking in diese Kategorie. Denn so wahnsinnig neu klingt es für mich nicht, wenn man den Kunden fragt, was er will und man sich dann überlegt, wie man das umsetzen kann. Was mir nicht klar war: Es gibt Leute, die halten Design Thinking buchstäblich für der Weisheit letzter Schluss.

Okay, es gibt alle möglichen Methoden, um Lösungen zu entwickeln – irgendwie muss man ja vorgehen. Und irgendwas muss man Anfängern an die Hand geben. So kritisiert Lee Vinsel auch weniger die Methode selbst, als das Gewese, das darum veranstaltet wird. An US-amerikanischen Universitäten scheint das schon sektenhafte Züge angenommen zu haben. Wer nicht auf den Design Thinking Zug aufspringt, gilt als gestrig und als Bremser. Design Thinking soll die verkusteten Institutionen aufbrechen und vielleicht sogar an die Stelle der Geisteswissenschaften treten. Alle Probleme seien mit Design Thinking zu lösen.

Neoliberal und Anti-Intellektualistisch

Lee Vinsel beklagt, dass diese Denkweise voll in die neoliberale Kerbe schlägt: Unternehmen wollen fertig einsetzbare Arbeiter von den Hochschulen bekommen. Universitäten müssten direkt anwendbares Handwerk vermitteln. Design Thinking passt dazu super.

Das ist die Art von Antiintellektualismus, der gerade in Mode ist und zum Beispiel zu Vorschein kam, als Brexit-Befürworter Michael Gove sagte, „People in this country have had enough of experts.“

Design ist eben nicht nur das systhematische Abarbeiten einer Methode. Es ist ein riesiges Wissen – eine Expertise, auf die Designerinnen und Designer aufbauen. Nicht umsonst studiert man das jahrelang an der Universität. Nicht ohne Grund gibt es wenige Menschen im Design, die Spitzenarbeit leisten und nicht ohne Grund gibt es nicht ständig Innovationen im Design – Gutes Design ist schwer.

Auf dem Mond zu landen, ein Heilmittel gegen die Pocken zu finden – viele Sachen sind schwierig. Irgendwie gibt es aber den Anspruch, dass jeder alles können muss und so lesen sich Mütter im Internet das Fachwissen an, das sie zu Impfgegnerinnen macht.

Das Internet hat den Zugang zu Wissen demokratisiert, heißt es. Erarbeiten müssen wir es uns trotzdem. Abraham Lincoln ubd Malcom X zum Beispiel haben sich in Bibliotheken selbst gebildet. Ob das Internet schon solche Beispiele hervorgebracht hat, ist mir nicht bekannt. Eigentlich müsste es doch mit dem Internet einfacher sein.

Wir haben die Möglichkeit, jederzeit alles bei Wikipedia nachzulesen. Vielleicht gaukelt uns diese Möglichkeit vor, echtes Wissen zu haben. Es gibt Leute, die fragen, was man in der Schule außer Lesen eigentlich noch lernen muss, wenn man alles jederzeit im Internet nachschlagen kann.

Business-Bullshit

Beim Design Thinking ist jede Lösung eine Innovation. Heute muss alles innovativ oder besser noch disruptiv sein. Eine gute Lösung reicht nicht mehr. Lee Vinsel stellt fest, dass die wichtigsten Technologien, die unsere Gegenwart bestimmen – vom Auto bis zum Internet – bereits vor mehr als 50 Jahren erfunden wurden. Seither redet man vor allem über Innovation, statt sie zu machen. So wird jede neue Smartphone-Generation zur „Revolution“ aufgebauscht und die Idee ein Kinderkrankenhaus bunt zu verzieren durch Design Thinking zur Innovation.

Andre Spicer geht in einem lesenswerten Artikel im Guardian diesem Business-Bullshit auf den Grund. Er fordert dazu auf, eine Anti-Bullshit-Bewegung zu gründen, die sich dieses Business-Sprech nicht mehr gefallen lässt. Vielleicht können wir uns darauf committen?

Ihr könnt Design Thinking gerne als Methode nutzen, um gemeinsam auf Ideen zu kommen, solange ihr nicht so einen Hokuspokus darum veranstaltet. Der versperrt den Blick auf echte Probleme und spricht den echten Expertinnen und Experten ab, mit ihrem Wissen für echte Lösungen sorgen zu können. Design Thinking ist kein Ersatz für Geisteswissenschaften, für Expertise und für mühsames Lernen.

Lest diese beiden Artikel – es geht um viel mehr als nur eine hippe Methode:

Hat's Dir gefallen? Bitte teilen:



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.