Semantik

Wer ist eigentlich die Netzgemeinde?

In aktu­el­len, netz­po­li­ti­schen Dis­kus­sio­nen hört man immer wie­der von ihr: Der Netz­ge­mein­de. Dann hört man das Rol­len von Augen, deren Besit­zer den­ken, dass es so eine Gemein­de über­haupt nicht gibt und dass sich der Spre­cher gera­de als Außen­sei­ter geoutet hat. Ja, aber wie soll man sie denn sonst nen­nen? Gibt es einen guten Begriff für die Gesamt­heit der Men­schen, die sich für bestimm­te The­men ein­set­zen, die vor allem im Inter­net eine Öffent­lich­keit finden?

In sei­nem auf wis­sen­schaft­lich gemach­ten Unter­hal­tungs­vor­trag „Auf der Über­hol­spur zum Stopp­schild: Poli­ti­ker spre­chen über Daten­au­to­bah­nen“ hat der Lin­gu­ist Mar­tin Haa­se auf der re:publica 2010 zum Bei­spiel die Vari­an­te der „Inter­net­com­mu­ni­ty“ auf­ge­rif­fen. In sei­nem Blog schreibt er: 

„Inter­net­com­mu­ni­ty – Hilf­lo­ser Ver­such der Eti­ket­tie­rung einer nicht näher defi­nier­ten Men­ge von Men­schen, die an poli­ti­scher Teil­ha­be inter­es­siert sind und sich zur Aus­übung ihres Inter­es­ses des Inter­nets bedie­nen. I. bedeu­tet wört­lich die Gesamt­heit aller Inter­net­nut­zer, der­zeit also etwa 1,7 Mil­li­ar­den Men­schen. Im bei­spiels­wei­se von Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re gemein­ten Sinn jedoch die Gesamt­heit der­je­ni­gen, die sich hier­zu­lan­de für Daten­schutz, Daten­si­cher­heit und digi­ta­le Bür­ger­rech­te inter­es­sie­ren, also mög­li­cher­wei­se nicht mehr als 134.000 Men­schen. Die­se als I. zu bezeich­nen, ist in etwa genau­so sinn­voll, wie Rund­funk­rä­te als die Fern­seh­com­mu­ni­ty anzusprechen.“ 

Natür­lich ist das jeweils genau­so ein Kon­strukt, wie Haa­se immer wie­der von „den Poli­ti­kern“ spricht. Er meint damit ver­mut­lich auch nicht die Gesamt­heit aller poli­tisch akti­ven Men­schen auf der Welt – inklu­si­ve ihm selbst. 

Als Lin­gu­is­ten ist ihm klar, dass die Bedeu­tung von Wor­ten auch durch ihren Kon­text bestimmt wer­den. Aus die­sem bewuss­ten Miss­ver­ständ­nis ent­steht dann der Humor sei­nes Vor­trags. In der Rea­li­tät hilft das aber nicht. In der Rea­li­tät braucht man einen Begriff, wenn man kei­ne Zeit halt alle gemein­ten Per­so­nen ein­zeln auf­zu­zäh­len. Und „Netz­ge­mein­de“ ist doch nur wirk­lich bes­ser als „Com­pu­ter­freaks“…

Foto: alph­oxic /​ photocase.com

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  1. […] ist auch jemand, der gro­ßen Wert auf Mei­nungs­frei­heit legt. Das sind ja vie­le aus der „Netz­com­mu­nity“ oder der Rock-Musik. Mir ging es auch so, dass ich davor zurück geschreckt habe, die […]

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