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Woh­nenGroß­wohn­sied­lun­gen und Ihre Stigmatisierung

 
Gropiusstadt

Samstag, 20. November 2004

Ob in Ost­eu­ropa, West­deutsch­land, Ost­deutsch­land oder Groß­bri­tan­nien – Groß­wohn­sied­lun­gen wur­den in vie­len Tei­len der Welt erbaut. In vie­len Berei­chen wer­den ähnli­che soziale Pro­bleme auf­tre­ten, in ande­ren wird es spe­zi­ell natio­nale Pro­bleme geben. Im Fol­gen­den sol­len jedoch vor allem deut­sche Groß­wohn­sied­lun­gen und ihre Stig­ma­ti­sie­rung dis­ku­tiert werden.

Die the­ma­ti­sche Ein­gren­zung bringt den Vor­teil, dass nicht zusätz­lich die gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Zusam­men­hänge der ver­schie­de­nen Län­der, son­dern ein­zig die von Deutsch­land beleuch­tet wer­den müs­sen. Und selbst die sind auf­grund der unter­schied­li­chen Geschichte in den bei­den deut­schen Staa­ten nach 1945 dif­fen­ziert zu betrachten.

Gerade in dem Zeit­raum zwi­schen Ende des zwei­ten Welt­kriegs 1945 und der Wie­der­ver­ei­ni­gung 1990 sind die eigent­li­chen Groß­wohn­sied­lun­gen ent­stan­den und dies auf bei­den Sei­ten der inner­deut­schen Grenze in völ­lig ver­schie­de­nen poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Sys­te­men. „Wäh­rend in der DDR die gemein­nüt­zige Woh­nungs­wirt­schaft in ein Sys­tem staat­li­cher Woh­nungs­ver­sor­gung umge­baut und pri­vate Woh­nungs­bau­tä­tig­keit wei­tes­ge­hend unter­drückt wurde, wur­den in der Bun­des­re­pu­blik Pri­vat­ei­gen­tum und pri­vat­wirt­schaft­li­cher Woh­nungs­bau pri­vi­le­giert und der gemein­nüt­zige Sek­tor nach und nach aus­ge­höhlt.“ (Häussermann/​Siebel, 1996, Seite 145)

Unter die­sen Para­dig­men sind in der Ver­gan­gen­heit die Groß­wohn­sied­lun­gen ent­stan­den, die heute dem wie­der­ver­ein­ten deut­schen Staat viel­fäl­tigste Pro­bleme berei­ten. Pro­bleme, die zum Teil tat­säch­lich vor­han­den sind, zum ande­ren aber auch oft auf über­trie­be­nen Medi­en­be­rich­ten und moder­nen Legen­den basie­ren.

Von der Stadt zur Großwohnsiedlung

Groß­wohn­sied­lun­gen wur­den zur Ent­las­tung des Woh­nungs­mark­tes errich­tet – so ver­zeich­nete allein die Stadt Kiel 17000 Woh­nungs­su­chende (Bur­meis­ter, 1990) bevor man sich Anfang der 1960er Jahre zur Pla­nung des Stadt­teils Met­ten­hof ent­schloss. Doch wie kam man auf die Idee, diese Auf­gabe in der Form zu lösen, wie man es tat? Dazu ein klei­ner geschicht­li­cher Exkurs.

Wie Städte enstehen

Die Stadt als Gegen­satz zum Land fand vor allem im 12. Jahr­hun­dert weite Ver­brei­tung in Europa. Damals grün­de­ten vor allem Könige viele der auch heute noch bekann­ten Städte, zum Bei­spiel „Frei­burg i. Br. im Jahre 1120, Lübeck im Jahre 1143 und Leip­zig im Jahre 1160 – 70“ (Lüers­sen, 2001, Kapi­tel 7) – zuvor habe es im wesent­li­chen nur die römi­schen Grün­dun­gen wie Köln, Trier, Mainz, Worms, Augs­burg, Pas­sau und Regens­burg in Deutsch­land gege­ben. Städte waren für die Grün­der pro­fi­ta­ble Ein­nah­me­quel­len, denn sie wur­den schnell zu Zen­tren des Han­dels und des Hand­werks – mit ent­spre­chen­den Zöl­len und Abga­ben belegte Bran­chen. Städte waren inner­halb der Stadt­mau­ern eng bebaut, dafür boten die befes­tigte Anla­gen Schutz vor Krieg und Über­fall. In den fol­gen­den Jahr­hun­der­ten wur­den sie außer­dem zur Wiege des Bür­ger­tums. Unter dem Motto „Stadt­luft macht frei“ zog es schon damals in aller­dings gerin­gen Umfange Land­volk in die Städte, „schie­nen doch hier erst Frei­heit, Unab­hän­gig­keit, Reich­tum und Glück für alle Men­schen Rea­li­tät wer­den zu kön­nen.“ (Lüers­sen, 2001, Kapi­tel 7) Doch Zünfte und Gil­den regle­men­tier­ten den Zugang zu den Beru­fen. Ent­spre­chend wuch­sen die Städte in den fol­gen­den Jahr­hun­der­ten eher lang­sam.

Die ers­ten Großstädte

Erst Anfang des 19. Jahr­hun­derts tra­ten neue Ent­wick­lun­gen auf: Es zog das Bür­ger­tum aus der Enge der Stadt ins Umland. Die ers­ten Vor­städte ent­ste­hen. „Ein eige­nes Haus, vom Gar­ten rings umge­ben, gilt bei vie­len Men­schen mit Recht als das Ideal der Wohn­form, und seit Wälle und Mau­ern der Stadt durch­bro­chen oder ganz geschleift sind und keine Tor­sper­ren mehr den Ein– und Aus­tritt behin­dert, ist der Vil­len­bau in fast allen deut­schen Städ­ten in Blüte gekom­men und hat ihnen ein ganz neues Gesicht gege­ben.“ (Karl Hend­rici 1903, zitiert in: Bol­le­rey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 16) Geför­dert wurde die­ser Pro­zess durch die gestei­gerte Mobi­li­tät „dank ver­bes­serte und ver­bil­lig­ter öffent­li­cher Ver­kehrs­mit­tel“ (Bol­le­rey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 16) und vor allem dem schlech­te­ren Lebens­ver­hält­nis­sen in den Stadt­zen­tren. Hier zog es zu der Zeit vor allem die „durch ver­schie­dene Refor­men auf dem Lande frei­ge­setzte Bevöl­ke­rung“ (Bol­le­rey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 16) auf der Suche nach Arbeit in den damals ent­ste­hen­den Manu­fak­tu­ren und Fabri­ken (Indus­tria­li­sie­rung) hin. Es ent­stan­den Miets­ka­ser­nen, in denen die Men­schen unter elen­des­ten Bedin­gun­gen „zwi­schen zwei Schich­ten haus­ten, schlie­fen, Brut zeug­ten“ (Bol­le­rey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 17). — Umstände wie sie zum Bei­spiel die Romane Charles Dickens‘ („Oli­ver Twist“, 1838) für Groß­bri­tan­nien oder andere Auto­ren für Deutsch­land beschreiben.

Ich habe in Mühl­hau­sen, in Dor­nach und in den umlie­gen­den Häu­sern jene elen­den Zim­mer gese­hen, in denen zwei Fami­lien schlie­fen, jede in einem Win­kel auf Stroh, wel­ches auf dem Fuß­bo­den aus­ge­brei­tet lag und nur durch zwei Bret­ter zusam­men­ge­hal­ten wurde. Das Elend, in wel­chem die Arbei­ter der Baum­woll­in­dus­trie im Depart­ment Ober­rhein leben, ist so Groß, daß wäh­rend in den Fami­lien der Fabri­kan­ten, Kauf­leute und Werks­di­rek­to­ren unge­fähr 50 Pro­zent der Kin­der aus 21. Lebens­jahr errei­chen, der­selbe Pro­zent­satz in den Fami­lien der Webe­rei– und Spin­ne­rei­ar­bei­ter bereits vor dem voll­en­de­ten zwei­ten Jahre stirbt…“

So zitiert Paul LaFa­gue, Schwie­ger­sohn Karl Marx‘, Vil­lermé 1887 in sei­ner pole­mi­schen Kampf­schrift „Das Recht auf Faul­heit — Wider­le­gung des Rechts auf Arbeit von 1848“.

Gegen­be­we­gun­gen

Zeit­gleich ent­ste­hen gesell­schaft­li­che Gegen­be­we­gun­gen, wie die der Sozi­al­de­mo­kra­tie oder die Gar­ten­stadt­be­we­gung. Der Wan­der­vö­gel zum Bei­spiel — die erste Jugend­be­we­gung. Die Jugend­li­chen sin­gen auf ihren Wan­de­run­gen durch die Natur „Aus grauer Städte Mau­ern“. Sie alle grei­fen auf ihre jeweils eigene Art die schon in der Mitte des 19. Jahr­hun­derts auf­ge­wor­fe­nen Pro­bleme der Städte auf und beant­wor­ten sie im Falle des Wan­der­vo­gel mit Eska­pis­mus oder im Falle der Gar­ten­stadt­be­we­gung nicht nur mora­lisch moti­viert mit kon­zep­tio­nel­len Alter­na­ti­ven. Immer­hin bedroh­ten die Ver­hält­nisse „die Unbe­schwert­heit der Waren­pro­duk­tion und die Leich­tig­keit des Waren­ver­kehrs; fer­ner die Gesund­heit aller Klas­sen, die Leis­tungs­fä­hig­keit der Arbei­ter, die Wehr­tüch­tig­keit der Sol­da­ten, die Ver­wirk­li­chung beschei­de­nen Lebens­glücks des mitt­le­ren Bür­ger­tum und auch den luxo­riö­sen Lebens­ge­nuss der Wohl­ha­ben­den.“ (Bol­le­rey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 17). Man fürch­tete um den Fort­be­stand der eige­nen Klasse: „Die Herr­schaft der Groß­städte wird zuletzt gleich­be­deu­tend sein mit der Herr­schaft des Pro­le­ta­ri­ats“ (W.H. Riehl, 1853 zitiert in Bol­le­rey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 20) Die weite Ver­brei­tung die­ser Befürch­tung lässt sich zum Bei­spiel in Roman­form bei H.G. Wells „The Time­ma­chine“ (1895) nach­le­sen, wo sich nach Jahr­hun­dert­tau­sen­den der Evo­lu­tion das Pro­le­ta­riat zur mensch­fres­sen­den Unter­art ent­wi­ckelt und die ver­weich­lichte Art der Ober­schicht terrorisiert.

In der Hand­ha­bung der ‚Mas­sen‘, in deren gesell­schaft­li­chen Len­kung und räum­li­chen Zuord­nung sahen die Städ­te­bauer der fol­gen­den 50 Jahre die zen­trale Her­aus­for­de­rung ihres Berufs­stan­des. […] [Ihre] Stra­te­gien hat­ten das glei­che Ziel der Begren­zung und Kon­trolle des Wachs­tums der Groß­stadt; sie soll­ten die sub­ur­bane Dyna­mik in eine sta­ti­sche, unver­än­der­bare Struk­tur ein­bin­den, sie kana­li­sie­ren und auf die­sem Wege kal­ku­lier­bar machen.“ (Bol­le­rey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 22)

Zusätz­lich sah man diese Pläne als Chance, die unbe­rührte Natur des Umlan­des kunst­voll in die neuen Lebens­räume ein­zu­be­zie­hen. Der Eng­län­der Ebe­ne­zer Howard ver­lieh die­ser Vision „in Eng­land 1898 mit sei­ner ‚Gar­ten­stadt‘ Sub­stanz und Namen“ (Bol­le­rey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 22). Die neuen Stadt­teile soll­ten hell, offen und begrünt sein, um den Men­schen den Platz zu geben, den sie brauch­ten und sie nicht in dre­cki­gen, engen Wohun­gen ein­zu­sper­ren. Die Howard­schen Vision fas­zi­nierte durch die Art in der der sie einen Kom­pro­mis her­stellte, „der aus zwei gegen­sätz­li­chen Sphä­ren – Indi­vi­dua­lis­mus und Sozia­lis­mus, Stadt und Land, Ver­gan­gen­heit und Zukunft, Bewah­ren und Ver­än­dern – jeweils sol­che Eigen­schaf­ten aus­wählte, die im Sinne des All­ge­meinswohls beson­ders erstre­bens­wert erschie­nen“ (Luith­len, 1972 zitiert bei Bol­le­rey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 22).

Die Gartenstadt-​Vision im Wandel

Die Gartenstadt-​Vision bestimmte durch die Kai­ser­zeit, die Wei­ma­rer Repu­blik, das „Dritte Reich“ und die Wie­der­auf­bau­jahre bis in die 1970er Jahre das Den­ken der Stadt­pla­ner unter­schied­lich. Wie viele der ers­ten Gar­ten­städte ent­stand ab 1907 zum Bei­spiel in Essen der Stadt­teil Mar­ga­re­then­höhe als Werkssiedlung.

Auf dem Höhe­punkt der Bewe­gung zu Zei­ten der Wei­ma­rer Repu­blik, träum­ten ihre Vor­den­ker wie Bruno Tauts „von neuen Städ­ten von 300000 bis 500000 Ein­woh­ner , auf­ge­löst und ‚völ­lig im Cha­rak­ter der Gar­ten­stadt gedacht, mit nied­ri­gen Ein­zel­haus­rei­hen und tie­fen Gär­ten für jedes Haus, gänz­lich ohne Miets­ka­ser­nen und als genos­sen­schaft­li­che Unter­neh­mun­gen.“ (Bol­le­rey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 33). Diese Visio­nen von Gär­ten­städ­ten ver­misch­ten sich mit der damals auf­kom­me­nen Schlicht­heit des Bauhaus-​Stils.

Wäh­rend der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus musste sich die Gar­ten­stadt­be­we­gung den poli­ti­schen Gegen­hei­ten unter­wer­fen – „1939 wer­den lan­des­weit, bis auf wenige Aus­nah­men, alle Woh­nungs­un­ter­neh­men der DAF1 in ‚Neue Hei­mat‘ umbe­nannt.“ (Hoff­man, 2004).

Die Ära der Großwohnsiedlungen

Erst nach dem 2. Welt­krieg konnte die „Neue Hei­mat“ als gemein­nüt­zi­ger Ver­ein wie­der nach eige­nen Vor­stel­lun­gen bauen und wurde in den fol­gen­den 25 Jah­ren zum gröss­ten Bau­un­ter­neh­men der Bun­des­re­pu­blik. „Man bot Leis­tun­gen in fast allen Berei­chen des Städ­te­baus an. Die Toch­ter­ge­sell­schaf­ten und Betei­li­gungs­ge­sell­schaf­ten teil­ten sich die Auf­ga­ben: Die GEWOS unter­suchte alte Stadt­ge­biete, die Neue Hei­mat Städ­te­bau plante neue Zen­tren, die Neue Hei­mat Kom­mu­nal viel­leicht ein neues Hal­len­bad und die Neue Hei­mat Gemein­nüt­zi­ger Woh­nungs­bau schließ­lich war für den sozia­len Woh­nungs­bau zustän­dig.“ (Hoff­man, 2004) Im Jahr 1982 endete diese Ära des west­deut­schen Woh­nungs­baus mit einem Finanz­skan­dal. Zu die­sem Zeit­punkt gehör­ten dem Kon­zern ca. 300000 Woh­nun­gen, viele davon in Großwohnsiedlungen.

Aus­gangs­si­tua­tion für die Pla­nung von Groß­wohn­sied­lun­gen in der DDR wie in der BRD war die drü­ckende Woh­nungs­not: Trotz der Wie­der­her­stel­lung vie­ler im Krieg zer­stör­ter Häu­ser, gab es bestän­dig zu wenig Wohn­raum, was nur zum Teil durch die Zer­stö­run­gen des Krie­ges bedingt war. Flücht­linge aus den ehe­ma­li­gen deut­schen Ost­ge­bie­ten und eine hohe Gebur­ten­rate ver­schärf­ten die Lage. „[…] in den west­li­chen Zonen leb­ten nun pro Qua­drat­ki­lo­me­ter weit über 200 Men­schen statt wie vor dem Krieg 160. […] Zehn Jahre nach Kriegs­ende exis­tier­ten in der Bun­des­re­pu­blik aber noch immer 3000 kriegs­be­dingte Lager, obwohl vie­ler­orts neue Sied­lun­gen ent­stan­den waren und viele Ver­trie­bene dank güns­ti­ger Dar­le­hen eigene Häu­ser zu bauen began­nen.“ (Hirsch, 2003). Die Zer­stö­run­gen wur­den von Stadt­pla­nern auch als Chance gese­hen: Viele der geschol­te­nen Miets­ka­ser­nen waren zer­stört und konn­ten nun den Ideen von Groß­zü­gi­gen Anla­gen, Stras­sen und Wohn­häu­sern weichen.

Nach all den schlech­ten Erfah­run­gen, die man mit der tra­di­tio­nel­len Städ­te­bau­weise gemacht hatte, und den Hoff­nun­gen, die man an Gar­ten­stadt und Bau­haus­stil, die Ideen zur funk­tio­na­len Auf­tei­lung der Städte nach der „Charta von Athen“2 und die raum­wirt­schaft­li­chen Theo­rien zum Bei­spiel von Wal­ter Christaller3 knüpfte, waren die Groß­wohn­sied­lun­gen der 1960er, 1970er und 1980er Jahre die kon­se­quente Ant­wort auf die Woh­nungs­not. außer­dem lie­ßen sich die Teile für die Plat­ten­bau­ten in Fabri­ken sehr ratio­nell anfer­ti­gen, was die­sem Bau­stil einen Preis­vor­teil brachte.

Im Osten aber ent­stand ein Gro­ßer Teil der Sied­lun­gen „erst in den 70er und 80er Jah­ren im Zuge des Woh­nungs­bau­pro­gramms der DDR, als in den Län­dern der ‚alten‘ Bun­des­re­pu­blik der Bau neuer Satel­li­ten­städte und Groß­sied­lun­gen bereits ein ‚aus­lau­fen­des Modell‘ gewor­den war.“ (Rietdorf/​Liebmann, 1998, Seite 178)

Stig­ma­ti­sie­rung

Die in West­deutsch­land in den 50er und 60er Jah­ren meist am Rand der Gro­ßen Städte, nicht sel­ten auf den Flä­chen oder in unmit­tel­ba­rer Nähe von Bara­cken oder Behelfs­hei­men zur quan­ti­ta­ti­ven Woh­nungs­ver­sor­gung von Flücht­lin­gen, Obdach­lo­sen oder ande­ren Ange­hö­ri­gen unte­rer Bevöl­ke­rungs­schich­ten ent­stan­de­nen Groß­sied­lun­gen wur­den im Rah­men des öffent­lich geför­der­ten Miet­woh­nungs­baus errich­tet. In den spä­ten 60er und 70er Jah­ren ent­stan­den sol­che Sied­lun­gen als neue Stadt­teile oder Tra­ban­ten­städte vor allem in den indus­tri­el­len Bal­lungs­ge­bie­ten zur Abde­ckung des inzwi­schen gewach­se­nen qua­li­ta­ti­ven Woh­nungs­be­darfs sowie zum Auf­fan­gen der aus inner­städ­ti­schen Sanie­rungs­ge­bie­ten ver­dräng­ten wirt­schaft­lich schwa­chen Bevölkerung.

In der ehe­ma­li­gen DDR hin­ge­gen, wo bereits seit den frü­he­ren 50er Jah­ren auf der Grund­lage eines zen­tra­lis­ti­schen Wirt­schafts­sys­tems ter­ri­to­ri­al­pla­ne­risch ein von neuen Ziel­vor­stel­lun­gen aus­ge­hende ‚Stand­ort­ver­tei­lung der Pro­duk­tiv­kräfte‘ ange­steu­ert wurde, die dar­auf gerich­tet war, his­to­risch über­kom­mene regio­nale Dis­pa­ri­tä­ten z.B. Zwi­schen den indus­tri­ell gepräg­ten süd­li­chen Lan­des­tei­len und dem tra­di­tio­nell agra­risch gepräg­ten Nor­den und Osten zu über­win­den, war der mas­sen­hafte und indus­tri­ell gefer­tigte Woh­nungs­bau in Form neuer Wohn­kom­plexe und –gebiete ‚auf der grü­nen Wiese‘ stets mit der gleich­zei­tig ein­her­ge­hen­den Errich­tung neuer Pro­duk­ti­ons­be­triebe und Indus­trie­ge­biete bzw. Der Ansied­lung von Ein­rich­tun­gen der Lan­des­ver­tei­di­gung oder ähnli­chem ver­bun­den.“ (Rietdorf/​Liebmann, 1998, Seite 178)

Eine ein­deu­tige Defi­ni­tion des Begriffs „Groß­wohn­sied­lung“ lässt sich in der vor­lie­gen­den Lite­ra­tur nicht fin­den. Nach Riet­dorf und Lieb­mann han­delt es sich um Neu­bau­sied­lun­gen aus der Nach­kriegs­zeit mit min­des­tens 1000 Wohn­ein­hei­ten. 386 gibt es davon in den neuen Bun­des­län­dern. (Rietdorf/​Liebmann, 1998, Seite 177) Für West­deutsch­land las­sen sich keine ver­gleich­ba­ren Zah­len fin­den. Mül­ler und Riet­dorf stell­ten aber fest: Heute befin­den sich 95 der 240 Sied­lun­gen über 2500 Wohn­ein­hei­ten in den „alten“ Bun­des­län­dern und 144 in den „neuen“. (Müller/​Rietdorf, 2000, Seite 57)

Es fin­den sich in der Lite­ra­tur eine Reihe Stu­dien, die sich mit Groß­wohn­sied­lun­gen aus­ein­an­der­set­zen, jedoch fin­den die kaum Fak­ten zu ihren Pro­ble­men Erwäh­nung. Weder gibt es genaue Daten zu ihrem Image noch zu tat­säch­li­chen Fehlentwicklungen.

Hoch­haus­sied­lun­gen sind nicht unbe­dingt popu­lär: Wer in den bes­se­ren Vier­teln wohnt, kennt meist nie­man­den in der Platte. Und umge­kehrt. Nicht mal als soziale Brenn­punkte sind die in den sech­zi­ger Jah­ren has­tig geplan­ten Quar­tiere inter­es­sant, denn Armut, Arbeits­lo­sig­keit und Alo­ko­ho­lis­mus brin­gen keine Ein­schalt­quo­ten. Das Wis­sen um die Vier­tel ist fol­ge­rich­tig vage: irgend­wie häß­lich, irgend­wie gefähr­lich, irgend­wie aso­zial. Und kri­mi­nell. Obwohl im MV4, erbaut 1963 bis 1974 und bewohnt von rund 40000 Men­schen, die Kri­mi­na­li­täts­rate im Ber­li­ner Ver­gleich im Mit­tel­feld liegt.“ (Lau, 2004, Seite 130)

Ein Teil des schlech­ten Rufes von Groß­wohn­sied­lun­gen scheint also in ihrem kras­sen Gegen­satz zum Ideal des Ein­fa­mi­li­en­hau­ses mit Gar­ten (siehe 2.2) zu lie­gen. Der Rest beruht offen­bar auf Hören­sa­gen. Den Neu­bau­ge­bie­ten wer­den schlechte Eigen­schaf­ten zuge­schrie­ben, die zu einer Dis­kri­mi­nie­rung der Wohn­form und der Ein­woh­ner führt. Ein Pro­zess, der all­ge­mein als „soziale Stig­ma­ti­sie­rung“ bezeich­net wird.5 Nach Riet­dorf und Lieb­mann kann diese Sig­ma­ti­sie­rung dann als Folge tat­säch­li­che soziale Pro­bleme haben, wenn näm­lich im soge­nann­ten „fil­te­ring down“ Pro­zess durch die Stig­ma­ti­sie­rung („push“-Fak­tor) und die För­de­rung des rand­städ­ti­schen Neu­baus („pull“-Fak­tor) Bes­ser­ver­die­nende weg­zie­hen. Die­ser Ver­lust an sozia­ler Durch­mi­schung kann zu undif­fe­ren­zier­ten Miet­prei­sen und den Nach­zug sub­ven­ti­ons­ab­hän­gi­ger Mie­ter füh­ren. Eine Kon­zen­tra­tion von „sozial Unan­ge­pass­ten“ macht aus einem Vier­tel dann einen tat­säch­li­chen sozia­len Brenn­punkt. (vgl. Rietdorf/​Liebmann, 1998, Seite 183) Es geht im Prin­zip „die sta­bi­li­sie­rende Wir­kung der […] Mischung sozia­ler Schich­ten“ (Häußermann/​Siebel, 1996, Seite 155) verloren.

Für viele der Sied­lun­gen, die in Ost­deutsch­land errich­tet wur­den, kommt das Pro­blem hinzu, dass mit der Abwick­lung der dazu­ge­hö­ri­gen Betriebe die Arbeits­plätze weg­fie­len. außer­dem ent­spre­chen in Ost wie in West die Gebäude nicht mehr unbe­dingt dem Woh­nungs­be­darf und das Ange­bot ist durch die Gleich­för­mig­keit nicht beson­ders aus­dif­fe­ren­ziert. (vgl. Rietdorf/​Liebmann, 1998, Seite 180) „Je ein­sei­ti­ger sich eine Groß­wohn­sied­lung an eine mono­struk­tu­relle Wirt­schafts­ent­wick­lung kop­pelte, je grö­ßer der Anteil der Woh­nun­gen in den Groß­sied­lun­gen einer Stadt am gesam­ten Woh­nungs­be­stand der betref­fen­den Stadt und je gerin­ger die städ­te­bau­li­che und sozial-​strukturelle Inte­gra­tion der Groß­sied­lun­gen aus­ge­bil­det ist, desto kom­pli­zier­ter und schwie­ri­ger wird vor­raus­sicht­lich ihre mit­tel– und lang­fris­tige Ent­wick­lungs­per­spek­tive sein.“ (Rietdorf/​Liebmann, 1998, Seite 180) Nicht nur der Weg­zug von Bes­ser­ver­die­nern, auch der soziale Abstieg der Bewoh­ner kann somit zu den beschrie­be­nen (Image-​) Pro­ble­men führen.

Gerade aber die Befürch­tung des sozia­len Abstiegs scheint die ost­deut­schen Groß­wohn­sied­lun­gen wie­der belieb­ter zu machen und die soziale Struk­tur dort zu sta­bi­li­sie­ren. Wäh­rend die inner­städ­ti­schen reno­vier­ten Alt­bau­ten oft leer stün­den, gäbe es in den Plat­ten­bau­ten kaum mehr Leer­stände. (vgl. Bal­zer, 2004)

Fazit

Wie gezeigt, beruht ein Teil des schlech­ten Rufes von Groß­wohn­sied­lun­gen auf schlech­ter Infor­ma­ti­ons­lage und geziel­ter Fehl­in­for­ma­tion. Wenn der Rap­per Sido „sein“ Mär­ki­sches Vier­tel selbst als Ghetto bezeich­net (vgl. Lau, 2004), so dient das zur Unter­stüt­zung sei­nes Images als Mann mit einer har­ten Ver­gan­gen­heit („Street Credibility“) — einer wich­tige Eigen­schaft im Hip Hop.

Wenn Medien über diese Vier­tel berich­ten, dann oft nur, um Kli­schees zu bedie­nen und wenn Ereig­nisse von Nach­rich­ten­wert gesche­hen, sind das meis­tens nega­tive Nach­rich­ten sind — Wie zum Bei­spiel der Brand­an­schlag von Neo-​Nazis in Rostock-​Lichtenhagen im Juli 1992 – die zum schlech­ten Ruf der Sied­lun­gen bei­tra­gen. Tat­säch­lich kön­nen die Bewoh­ner diese Ver­ur­teile nicht nachvollziehen.

In der Beschrei­bung zur Austel­lung „Das Mär­ki­sche Vier­tel — Idee Wirk­lich­keit Vision“ schreib Kura­tor Falk Jaeger:

Die Bewoh­ner sahen ihre Sied­lung immer in posi­ti­ve­rem Licht als die Betrach­ter von außen. Im Jahr 2003 ergab eine von der GESOBAU AG beauf­tragte Befra­gung, dass sie sich in ihrer Sied­lung sehr wohl füh­len. Häu­fig blei­ben Kin­der und Kin­des­kin­der im Quartier.“6

Das Haupt­pro­blem ist offen­bar tat­säch­lich eines des Mar­ke­tings. Will man Groß­wohn­sied­lun­gen wie­der zu lebens­wer­ten Stadt­tei­len ent­wi­ckeln, muss man vor allem gegen die gän­gi­gen Vor­ur­teile kämpfen.

Ist ein Stadt­teil tat­säch­lich zum sozia­len Brenn­punkt gewor­den, ste­hen andere Mass­nah­men an. Hier kann man von den Erfah­run­gen in Frank­reich ler­nen. Dort gibt es die soge­nann­ten „Grands ensembles“ — Stadtteile, die den ost­deut­schen Plat­ten­bau­sied­lun­gen nicht unähn­lich sind. Bei den Bewoh­nern han­delt es sich haupt­säch­lich um nord­afri­ka­ni­sche Ein­wan­de­rer. (vgl Rietdorf/​Liebmann, 1998) Seit den 80er Jah­ren gibt es hier „eine über dem Durch­schnitt lie­gende Arbeits­lo­sig­keit, ein ver­gleichs­weise gerin­ges Aus­bil­dungs­ni­veau, eine Große Anzahl von Schul­ab­bre­chern, hoher Anteil Dro­gen­süch­ti­ger und wach­sende Kri­mi­na­li­tät, ins­be­son­dere unter Jugend­li­chen.“ (Rietdorf/​Liebmann, 1998, Seite 183)

Schon seit Mitte der 70er Jahre betreibt der fran­zö­si­sche Staat ver­schie­dene Pro­gramme wie zum Bei­spiel „Woh­nen und sozia­les Leben“, „Vom Wohn­ge­biet zur Stadt­wer­dung“ und „Soziales-​urbanes Ent­wick­lungs­pro­gramm“. Um an die staat­li­chen För­de­run­gen zu kom­men, müs­sen die Städte mit dem Staat Ver­träge schlies­sen, die in ihren fünf­jäh­ri­gen Lauf­zei­ten zu Mass­nah­men zur Berufs­aus­bil­dung, Arbeits­platz­be­schaf­fung, zur Unter­stüt­zung der loka­len Ökono­mie ver­pflich­ten. (vgl Rietdorf/​Liebmann, 1998)

Diese Pro­bleme seien zwar nicht 1:1 auf even­tu­elle künf­tige Pro­ble­meska­la­tio­nen in Deutsch­land über­trag­bar, jedoch sind sie durch­aus inter­es­sant, „da sie
a)[…] über bau­li­che und städ­te­bau­li­che Fra­ge­stel­lun­gen von Anfang an hin­aus­ge­hen.
b)Stets soziale und ökono­mi­sche Pro­bleme inte­griert auf­grei­fen und
c)jeweils dif­fe­ren­ziert auf die spe­zi­fi­schen Situa­tio­nen in den betref­fen­den Regio­nen und Kom­mu­nen ein­ge­hen.“ (Rietdorf/​Liebmann, 1998, Seite 184)

Lite­ra­tur


  • Bal­zer, Arno (Hrgs) — „Sei schlau, bleib im Plat­ten­bau“ (28.8.2004, 15:10) http://​www​.mana​ger​-maga​zin​.de/​u​n​t​e​r​n​e​h​m​e​n​/​a​r​t​i​k​e​l​/​0​,​2​8​2​8​,​3​1​4​5​0​3​,​0​0​.html

  • Bär, Gesine, Hecker, Kat­rin und Wen­ner­scheid, Sophie (Hrsg.) — „Auf der Suche nach der Gro­ßen Stadt – Leit– und Gegen­bil­der aus Ber­lin und Stockholm“(2002) Ber­lin Ver­lag, Berlin

  • Bol­le­rey, Fran­ziska, Fehl, Ger­hard und Hart­mann, Kris­tiana (Hrsg.) — „Im Grü­nen woh­nen – im Blauen pla­nen“ (1990) Hans Chris­ti­ans Ver­lag, Hamburg

  • Bur­meis­ter, Robert „25 Jahre Mettenhof“(1990), Rat­haus­dru­cke­rei, Kiel

  • Häu­ßer­mann, Har­mut und Sie­bel, Wal­ter — „Sozio­lo­gie des Wohnens“(1996), Juventa Ver­lag, Wei­heim und Mün­chen
    Hirsch, Helga — „Kol­lek­tive Erin­ne­rung im Wan­del“ in: Aus Poli­tik und Zeit­ge­schichte (B 40−41÷2003), Bun­des­zen­trale für poli­ti­sche Bildung

  • Hoff­man, Karl-​Heinz — „Die Neue Hei­mat — Lange Geschichte mit häß­li­chem Ende“ bei: http://​www​.archi​tek​tur​ar​chiv​-web​.de/​n​h.htm (25.8.2004) Ham­bur­gi­sches Architekturarchiv

  • Krum­ma­cher, Michael, Kul­bach, Rode­rich, Waltz, Vik­to­ria und Woh­fahrt, Nor­bert — „Soziale Stadt – Sozi­al­raument­wick­lung – Quar­tiers­ma­nage­ment“ (2003) Leske + Bud­rich, Opladen

  • LaFa­gue, Paul — „Das Recht auf Faul­heit – Wider­le­gung des Rechts auf Arbeit von 1848“ (1887) Trotz­dem Ver­lags­ge­nos­sen­schaft eG, Gra­fenau (4. Auf­lage 2002)

  • Lau, Peter — „Der Stolz der Ver­lie­rer“ in: „brand eins“ (06÷2004) brand eins Ver­lag GmbH & Co. OHG, Ham­burg
    Lieb­mann, Heike und Rietdorf, — Werner — „Groß­sied­lun­gen in Ost­mit­tel­eu­ropa zwi­schen Ges­tern und Mor­gen“ in: Europa Regio­nal Nr. 2 (2001) Insti­tut für Län­der­kunde, Leipzig

  • Mül­ler, Eve­lin und Riet­dorf, Wer­ner — „The deve­lop­ment of the hou­sing mar­ket in the new Ger­man Län­der with spe­cial refe­rence to fur­ther deve­lop­ment of large scale hou­sing esta­tes“ in: „Bei­träge zur Regio­na­len Geo­gra­phie – Ger­many Ten Years after Reuni­fi­ca­tion“, Nr. 52 (2000) Insti­tut für Län­der­kunde, Leipzig

  • Riet­dorf, Wer­ner und Lieb­mann, Heike — „Raum­re­le­vante Pro­bleme der Ent­wick­lung von Groß­wohn­sied­lun­gen in den neuen Bun­des­län­dern“ in: „Raum­ord­nung und Raum­for­schung“, Nr. 23 (1998) Carl Heymanns Ver­lag, Köln

  • Roden­stein, Mari­anne — „Hoch­häu­ser in Deutschland“(2000) Ver­lag W. Kohl­ham­mer, Stutt­gart Ber­lin Köln

  • Schleswig-​Holstein, Land­tag, Kiel (Hrsg.); — Bericht der Lan­des­re­gie­rung: Die Ent­wick­lung des Bund-​Länder-​Programms „Soziale Stadt“ (2002) Kiel

  • Speer, Albert — „Die intel­li­gente Stadt“(1992) Deut­sche Ver­lags Anstalt GmbH, Stuttgart

  • Stollberg-​Barkley, Dörte — „Groß­sied­lun­gen in Groß­bri­tan­nien“ in: Europa Regio­nal, Nr. 1 (2001) Insti­tut für Län­der­kunde, Leipzig

  • Vogt-​Lüerssen, Maike — „All­tag im Mit­tel­al­ter“ (2001) Ver­lag Ernst Probst, Mainz-​Kostheim

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