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Wohnen

Groß­wohn­sied­lun­gen und Ihre Stigmatisierung

 
Gropiusstadt

Samstag, 20. November 2004

Ob in Osteu­ropa, West­deutsch­land, Ost­deutsch­land oder Großbri­tan­nien – Groß­wohn­sied­lun­gen wur­den in vie­len Teilen der Welt erbaut. In vie­len Bere­ichen wer­den ähnliche soziale Prob­leme auftreten, in anderen wird es speziell nationale Prob­leme geben. Im Fol­gen­den sollen jedoch vor allem deutsche Groß­wohn­sied­lun­gen und ihre Stig­ma­tisierung disku­tiert werden.

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Die the­ma­tis­che Ein­gren­zung bringt den Vorteil, dass nicht zusät­zlich die gesamt­ge­sellschaftlichen Zusam­men­hänge der ver­schiede­nen Län­der, son­dern einzig die von Deutsch­land beleuchtet wer­den müssen. Und selbst die sind auf­grund der unter­schiedlichen Geschichte in den bei­den deutschen Staaten nach 1945 dif­f­en­ziert zu betrachten.

Ger­ade in dem Zeitraum zwis­chen Ende des zweiten Weltkriegs 1945 und der Wiedervere­ini­gung 1990 sind die eigentlichen Groß­wohn­sied­lun­gen ent­standen und dies auf bei­den Seiten der innerdeutschen Grenze in völ­lig ver­schiede­nen poli­tis­chen und wirtschaftlichen Sys­te­men. „Während in der DDR die gemein­nützige Woh­nungswirtschaft in ein Sys­tem staatlicher Woh­nungsver­sorgung umge­baut und pri­vate Woh­nungs­bautätigkeit weites­ge­hend unter­drückt wurde, wur­den in der Bun­desre­pub­lik Pri­vateigen­tum und pri­vatwirtschaftlicher Woh­nungs­bau priv­i­legiert und der gemein­nützige Sek­tor nach und nach aus­ge­höhlt.“ (Häussermann/​Siebel, 1996, Seite 145)

Unter diesen Par­a­dig­men sind in der Ver­gan­gen­heit die Groß­wohn­sied­lun­gen ent­standen, die heute dem wiedervere­in­ten deutschen Staat vielfältig­ste Prob­leme bere­iten. Prob­leme, die zum Teil tat­säch­lich vorhan­den sind, zum anderen aber auch oft auf übertriebe­nen Medi­en­berichten und mod­er­nen Leg­en­den basieren.

Von der Stadt zur Großwohnsiedlung

Groß­wohn­sied­lun­gen wur­den zur Ent­las­tung des Woh­nungs­mark­tes errichtet – so verze­ich­nete allein die Stadt Kiel 17000 Woh­nungssuchende (Burmeis­ter, 1990) bevor man sich Anfang der 1960er Jahre zur Pla­nung des Stadt­teils Met­ten­hof entschloss. Doch wie kam man auf die Idee, diese Auf­gabe in der Form zu lösen, wie man es tat? Dazu ein kleiner geschichtlicher Exkurs.

Wie Städte enstehen

Die Stadt als Gegen­satz zum Land fand vor allem im 12. Jahrhun­dert weite Ver­bre­itung in Europa. Damals grün­de­ten vor allem Könige viele der auch heute noch bekan­nten Städte, zum Beispiel „Freiburg i. Br. im Jahre 1120, Lübeck im Jahre 1143 und Leipzig im Jahre 1160 – 70“ (Lüerssen, 2001, Kapi­tel 7) – zuvor habe es im wesentlichen nur die römis­chen Grün­dun­gen wie Köln, Trier, Mainz, Worms, Augs­burg, Pas­sau und Regens­burg in Deutsch­land gegeben. Städte waren für die Grün­der prof­itable Ein­nah­me­quellen, denn sie wur­den schnell zu Zen­tren des Han­dels und des Handw­erks – mit entsprechen­den Zöllen und Abgaben belegte Branchen. Städte waren inner­halb der Stadt­mauern eng bebaut, dafür boten die befes­tigte Anla­gen Schutz vor Krieg und Überfall. In den fol­gen­den Jahrhun­derten wur­den sie außer­dem zur Wiege des Bürg­er­tums. Unter dem Motto „Stadtluft macht frei“ zog es schon damals in allerd­ings gerin­gen Umfange Land­volk in die Städte, „schienen doch hier erst Frei­heit, Unab­hängigkeit, Reich­tum und Glück für alle Men­schen Real­ität wer­den zu kön­nen.“ (Lüerssen, 2001, Kapi­tel 7) Doch Zün­fte und Gilden regle­men­tierten den Zugang zu den Berufen. Entsprechend wuch­sen die Städte in den fol­gen­den Jahrhun­derten eher langsam.

Die ersten Großstädte

Erst Anfang des 19. Jahrhun­derts traten neue Entwick­lun­gen auf: Es zog das Bürg­er­tum aus der Enge der Stadt ins Umland. Die ersten Vorstädte entste­hen. „Ein eigenes Haus, vom Garten rings umgeben, gilt bei vie­len Men­schen mit Recht als das Ideal der Wohn­form, und seit Wälle und Mauern der Stadt durch­brochen oder ganz geschleift sind und keine Torsper­ren mehr den Ein– und Aus­tritt behin­dert, ist der Vil­len­bau in fast allen deutschen Städten in Blüte gekom­men und hat ihnen ein ganz neues Gesicht gegeben.“ (Karl Hen­drici 1903, zitiert in: Bollerey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 16) Gefördert wurde dieser Prozess durch die gesteigerte Mobil­ität „dank verbesserte und ver­bil­ligter öffentlicher Verkehrsmit­tel“ (Bollerey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 16) und vor allem dem schlechteren Lebensver­hält­nis­sen in den Stadtzen­tren. Hier zog es zu der Zeit vor allem die „durch ver­schiedene Refor­men auf dem Lande freige­set­zte Bevölkerung“ (Bollerey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 16) auf der Suche nach Arbeit in den damals entste­hen­den Man­u­fak­turen und Fab­riken (Indus­tri­al­isierung) hin. Es ent­standen Miet­skaser­nen, in denen die Men­schen unter elen­desten Bedin­gun­gen „zwis­chen zwei Schichten hausten, schliefen, Brut zeugten“ (Bollerey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 17). — Umstände wie sie zum Beispiel die Romane Charles Dick­ens‘ („Oliver Twist“, 1838) für Großbri­tan­nien oder andere Autoren für Deutsch­land beschreiben.

Ich habe in Mühlhausen, in Dor­nach und in den umliegen­den Häusern jene elen­den Zim­mer gese­hen, in denen zwei Fam­i­lien schliefen, jede in einem Winkel auf Stroh, welches auf dem Fuß­bo­den aus­ge­bre­itet lag und nur durch zwei Bret­ter zusam­menge­hal­ten wurde. Das Elend, in welchem die Arbeiter der Baum­wollindus­trie im Depart­ment Ober­rhein leben, ist so Groß, daß während in den Fam­i­lien der Fab­rikan­ten, Kau­fleute und Werks­di­rek­toren unge­fähr 50 Prozent der Kinder aus 21. Leben­s­jahr erre­ichen, der­selbe Prozentsatz in den Fam­i­lien der Weberei– und Spin­nereiar­beiter bere­its vor dem vol­len­de­ten zweiten Jahre stirbt…“

So zitiert Paul LaFague, Schwiegersohn Karl Marx‘, Villermé 1887 in seiner polemis­chen Kampf­schrift „Das Recht auf Faul­heit — Wider­legung des Rechts auf Arbeit von 1848“.

Gegen­be­we­gun­gen

Zeit­gle­ich entste­hen gesellschaftliche Gegen­be­we­gun­gen, wie die der Sozialdemokratie oder die Garten­stadt­be­we­gung. Der Wan­dervögel zum Beispiel — die erste Jugend­be­we­gung. Die Jugendlichen sin­gen auf ihren Wan­derun­gen durch die Natur „Aus grauer Städte Mauern“. Sie alle greifen auf ihre jew­eils eigene Art die schon in der Mitte des 19. Jahrhun­derts aufge­wor­fe­nen Prob­leme der Städte auf und beant­worten sie im Falle des Wan­der­vo­gel mit Eskapis­mus oder im Falle der Garten­stadt­be­we­gung nicht nur moralisch motiviert mit konzep­tionellen Alter­na­tiven. Immer­hin bedro­hten die Ver­hält­nisse „die Unbeschw­ertheit der Waren­pro­duk­tion und die Leichtigkeit des Waren­verkehrs; ferner die Gesund­heit aller Klassen, die Leis­tungs­fähigkeit der Arbeiter, die Wehrtüchtigkeit der Sol­daten, die Ver­wirk­lichung beschei­de­nen Lebens­glücks des mit­tleren Bürg­er­tum und auch den lux­oriösen Lebens­genuss der Wohlhaben­den.“ (Bollerey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 17). Man fürchtete um den Fortbe­stand der eige­nen Klasse: „Die Herrschaft der Großstädte wird zuletzt gle­ichbe­deu­tend sein mit der Herrschaft des Pro­le­tari­ats“ (W.H. Riehl, 1853 zitiert in Bollerey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 20) Die weite Ver­bre­itung dieser Befürch­tung lässt sich zum Beispiel in Roman­form bei H.G. Wells „The Timema­chine“ (1895) nach­le­sen, wo sich nach Jahrhun­dert­tausenden der Evo­lu­tion das Pro­le­tariat zur men­schfressenden Unter­art entwick­elt und die ver­we­ich­lichte Art der Ober­schicht terrorisiert.

In der Hand­habung der ‚Massen‘, in deren gesellschaftlichen Lenkung und räum­lichen Zuord­nung sahen die Städte­bauer der fol­gen­den 50 Jahre die zen­trale Her­aus­forderung ihres Beruf­s­standes. […] [Ihre] Strate­gien hat­ten das gle­iche Ziel der Begren­zung und Kon­trolle des Wach­s­tums der Großs­tadt; sie soll­ten die sub­ur­bane Dynamik in eine sta­tis­che, unverän­der­bare Struk­tur ein­binden, sie kanal­isieren und auf diesem Wege kalkulier­bar machen.“ (Bollerey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 22)

Zusät­zlich sah man diese Pläné als Chance, die unberührte Natur des Umlan­des kun­stvoll in die neuen Leben­sräume einzubeziehen. Der Englän­der Ebenezer Howard ver­lieh dieser Vision „in Eng­land 1898 mit seiner ‚Garten­stadt‘ Sub­stanz und Namen“ (Bollerey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 22). Die neuen Stadt­teile soll­ten hell, offen und begrünt sein, um den Men­schen den Platz zu geben, den sie brauchten und sie nicht in dreck­i­gen, engen Wohun­gen einzus­per­ren. Die Howard­schen Vision faszinierte durch die Art in der der sie einen Kom­pro­mis her­stellte, „der aus zwei gegen­sät­zlichen Sphären – Indi­vid­u­al­is­mus und Sozial­is­mus, Stadt und Land, Ver­gan­gen­heit und Zukunft, Bewahren und Verän­dern – jew­eils solche Eigen­schaften auswählte, die im Sinne des All­ge­meinswohls beson­ders erstrebenswert erschienen“ (Luithlen, 1972 zitiert bei Bollerey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 22).

Die Gartenstadt-​Vision im Wandel

Die Gartenstadt-​Vision bes­timmte durch die Kaiserzeit, die Weimarer Repub­lik, das „Dritte Reich“ und die Wieder­auf­bau­jahre bis in die 1970er Jahre das Denken der Stadt­planer unter­schiedlich. Wie viele der ersten Garten­städte ent­stand ab 1907 zum Beispiel in Essen der Stadt­teil Mar­garethen­höhe als Werkssiedlung.

Auf dem Höhep­unkt der Bewe­gung zu Zeiten der Weimarer Repub­lik, träumten ihre Vor­denker wie Bruno Tauts „von neuen Städten von 300000 bis 500000 Ein­wohner , aufgelöst und ‚völ­lig im Charak­ter der Garten­stadt gedacht, mit niedri­gen Einzel­haus­rei­hen und tiefen Gärten für jedes Haus, gän­zlich ohne Miet­skaser­nen und als genossen­schaftliche Unternehmungen.“ (Bollerey, Fehl, Hart­mann, 1990, Seite 33). Diese Visio­nen von Gärten­städten ver­mis­chten sich mit der damals aufkomme­nen Schlichtheit des Bauhaus-​Stils.

Während der Zeit des Nation­al­sozial­is­mus musste sich die Garten­stadt­be­we­gung den poli­tis­chen Gegen­heiten unter­w­er­fen – „1939 wer­den lan­desweit, bis auf wenige Aus­nah­men, alle Woh­nung­sun­ternehmen der DAF1 in ‚Neue Heimat‘ umbe­nannt.“ (Hoff­man, 2004).

Die Ära der Großwohnsiedlungen

Erst nach dem 2. Weltkrieg kon­nte die „Neue Heimat“ als gemein­nütziger Verein wieder nach eige­nen Vorstel­lun­gen bauen und wurde in den fol­gen­den 25 Jahren zum grössten Bau­un­ternehmen der Bun­desre­pub­lik. „Man bot Leis­tun­gen in fast allen Bere­ichen des Städte­baus an. Die Tochterge­sellschaften und Beteili­gungs­ge­sellschaften teil­ten sich die Auf­gaben: Die GEWOS unter­suchte alte Stadt­ge­bi­ete, die Neue Heimat Städte­bau plante neue Zen­tren, die Neue Heimat Kom­mu­nal vielle­icht ein neues Hal­len­bad und die Neue Heimat Gemein­nütziger Woh­nungs­bau schließlich war für den sozialen Woh­nungs­bau zuständig.“ (Hoff­man, 2004) Im Jahr 1982 endete diese Ära des west­deutschen Woh­nungs­baus mit einem Finanzskan­dal. Zu diesem Zeit­punkt gehörten dem Konz­ern ca. 300000 Woh­nun­gen, viele davon in Großwohnsiedlungen.

Aus­gangssi­t­u­a­tion für die Pla­nung von Groß­wohn­sied­lun­gen in der DDR wie in der BRD war die drück­ende Woh­nungsnot: Trotz der Wieder­her­stel­lung vieler im Krieg zer­störter Häuser, gab es beständig zu wenig Wohn­raum, was nur zum Teil durch die Zer­störun­gen des Krieges bed­ingt war. Flüchtlinge aus den ehe­ma­li­gen deutschen Ost­ge­bi­eten und eine hohe Geburten­rate ver­schärften die Lage. „[…] in den west­lichen Zonen lebten nun pro Quadratk­ilo­me­ter weit über 200 Men­schen statt wie vor dem Krieg 160. […] Zehn Jahre nach Kriegsende existierten in der Bun­desre­pub­lik aber noch immer 3000 kriegs­be­d­ingte Lager, obwohl vielerorts neue Sied­lun­gen ent­standen waren und viele Ver­triebene dank gün­stiger Dar­lehen eigene Häuser zu bauen began­nen.“ (Hirsch, 2003). Die Zer­störun­gen wur­den von Stadt­plan­ern auch als Chance gese­hen: Viele der gescholte­nen Miet­skaser­nen waren zer­stört und kon­nten nun den Ideen von Großzügi­gen Anla­gen, Strassen und Wohn­häusern weichen.

Nach all den schlechten Erfahrun­gen, die man mit der tra­di­tionellen Städte­bauweise gemacht hatte, und den Hoff­nun­gen, die man an Garten­stadt und Bauhausstil, die Ideen zur funk­tionalen Aufteilung der Städte nach der „Charta von Athen“2 und die raumwirtschaftlichen The­o­rien zum Beispiel von Wal­ter Christaller3 knüpfte, waren die Groß­wohn­sied­lun­gen der 1960er, 1970er und 1980er Jahre die kon­se­quente Antwort auf die Woh­nungsnot. außer­dem ließen sich die Teile für die Plat­ten­bauten in Fab­riken sehr rationell anfer­ti­gen, was diesem Baustil einen Preisvorteil brachte.

Im Osten aber ent­stand ein Großer Teil der Sied­lun­gen „erst in den 70er und 80er Jahren im Zuge des Woh­nungs­baupro­gramms der DDR, als in den Län­dern der ‚alten‘ Bun­desre­pub­lik der Bau neuer Satel­liten­städte und Großsied­lun­gen bere­its ein ‚aus­laufendes Mod­ell‘ gewor­den war.“ (Rietdorf/​Liebmann, 1998, Seite 178)

Stig­ma­tisierung

Die in West­deutsch­land in den 50er und 60er Jahren meist am Rand der Großen Städte, nicht sel­ten auf den Flächen oder in unmit­tel­barer Nähe von Baracken oder Behelf­sheimen zur quan­ti­ta­tiven Woh­nungsver­sorgung von Flüchtlin­gen, Obdachlosen oder anderen Ange­höri­gen unterer Bevölkerungss­chichten ent­stande­nen Großsied­lun­gen wur­den im Rah­men des öffentlich geförderten Miet­woh­nungs­baus errichtet. In den späten 60er und 70er Jahren ent­standen solche Sied­lun­gen als neue Stadt­teile oder Tra­ban­ten­städte vor allem in den indus­triellen Bal­lungs­ge­bi­eten zur Abdeck­ung des inzwis­chen gewach­se­nen qual­i­ta­tiven Woh­nungs­be­darfs sowie zum Auf­fan­gen der aus inner­städtis­chen Sanierungs­ge­bi­eten ver­drängten wirtschaftlich schwachen Bevölkerung.

In der ehe­ma­li­gen DDR hinge­gen, wo bere­its seit den früheren 50er Jahren auf der Grund­lage eines zen­tral­is­tis­chen Wirtschaftssys­tems ter­ri­to­ri­alplaner­isch ein von neuen Zielvorstel­lun­gen aus­ge­hende ‚Stan­dortverteilung der Pro­duk­tivkräfte‘ anges­teuert wurde, die darauf gerichtet war, his­torisch überkommene regionale Dis­par­itäten z.B. Zwis­chen den indus­triell geprägten südlichen Lan­desteilen und dem tra­di­tionell agrarisch geprägten Nor­den und Osten zu überwinden, war der massen­hafte und indus­triell gefer­tigte Woh­nungs­bau in Form neuer Wohnkom­plexe und –gebi­ete ‚auf der grü­nen Wiese‘ stets mit der gle­ichzeitig ein­herge­hen­den Errich­tung neuer Pro­duk­tions­be­triebe und Indus­triege­bi­ete bzw. Der Ansied­lung von Ein­rich­tun­gen der Lan­desvertei­di­gung oder ähnlichem ver­bun­den.“ (Rietdorf/​Liebmann, 1998, Seite 178)

Eine ein­deutige Def­i­n­i­tion des Begriffs „Groß­wohn­sied­lung“ lässt sich in der vor­liegen­den Lit­er­atur nicht finden. Nach Riet­dorf und Lieb­mann han­delt es sich um Neubausied­lun­gen aus der Nachkriegszeit mit min­destens 1000 Wohnein­heiten. 386 gibt es davon in den neuen Bun­deslän­dern. (Rietdorf/​Liebmann, 1998, Seite 177) Für West­deutsch­land lassen sich keine ver­gle­ich­baren Zahlen finden. Müller und Riet­dorf stell­ten aber fest: Heute befinden sich 95 der 240 Sied­lun­gen über 2500 Wohnein­heiten in den „alten“ Bun­deslän­dern und 144 in den „neuen“. (Müller/​Rietdorf, 2000, Seite 57)

Es finden sich in der Lit­er­atur eine Reihe Stu­dien, die sich mit Groß­wohn­sied­lun­gen auseinan­der­set­zen, jedoch finden die kaum Fak­ten zu ihren Prob­le­men Erwäh­nung. Weder gibt es genaue Daten zu ihrem Image noch zu tat­säch­lichen Fehlentwicklungen.

Hochhaussied­lun­gen sind nicht unbe­d­ingt pop­ulär: Wer in den besseren Vierteln wohnt, kennt meist nie­man­den in der Platte. Und umgekehrt. Nicht mal als soziale Bren­npunkte sind die in den sechziger Jahren hastig geplanten Quartiere inter­es­sant, denn Armut, Arbeit­slosigkeit und Aloko­holis­mus brin­gen keine Ein­schaltquoten. Das Wis­sen um die Vier­tel ist fol­gerichtig vage: irgend­wie häßlich, irgend­wie gefährlich, irgend­wie asozial. Und krim­inell. Obwohl im MV4, erbaut 1963 bis 1974 und bewohnt von rund 40000 Men­schen, die Krim­i­nal­ität­srate im Berliner Ver­gle­ich im Mit­telfeld liegt.“ (Lau, 2004, Seite 130)

Ein Teil des schlechten Rufes von Groß­wohn­sied­lun­gen scheint also in ihrem krassen Gegen­satz zum Ideal des Ein­fam­i­lien­hauses mit Garten (siehe 2.2) zu liegen. Der Rest beruht offen­bar auf Hören­sagen. Den Neubauge­bi­eten wer­den schlechte Eigen­schaften zugeschrieben, die zu einer Diskri­m­inierung der Wohn­form und der Ein­wohner führt. Ein Prozess, der all­ge­mein als „soziale Stig­ma­tisierung“ beze­ich­net wird.5 Nach Riet­dorf und Lieb­mann kann diese Sig­ma­tisierung dann als Folge tat­säch­liche soziale Prob­leme haben, wenn näm­lich im soge­nan­nten „fil­ter­ing down“ Prozess durch die Stig­ma­tisierung („push“-Fak­tor) und die Förderung des rand­städtis­chen Neubaus („pull“-Fak­tor) Besserver­di­enende wegziehen. Dieser Ver­lust an sozialer Durch­mis­chung kann zu undif­feren­zierten Miet­preisen und den Nachzug sub­ven­tion­s­ab­hängiger Mieter führen. Eine Konzen­tra­tion von „sozial Unangepassten“ macht aus einem Vier­tel dann einen tat­säch­lichen sozialen Bren­npunkt. (vgl. Rietdorf/​Liebmann, 1998, Seite 183) Es geht im Prinzip „die sta­bil­isierende Wirkung der […] Mis­chung sozialer Schichten“ (Häußermann/​Siebel, 1996, Seite 155) verloren.

Für viele der Sied­lun­gen, die in Ost­deutsch­land errichtet wur­den, kommt das Prob­lem hinzu, dass mit der Abwick­lung der dazuge­höri­gen Betriebe die Arbeit­splätze weg­fie­len. außer­dem entsprechen in Ost wie in West die Gebäude nicht mehr unbe­d­ingt dem Woh­nungs­be­darf und das Ange­bot ist durch die Gle­ich­för­migkeit nicht beson­ders aus­d­if­feren­ziert. (vgl. Rietdorf/​Liebmann, 1998, Seite 180) „Je ein­seit­iger sich eine Groß­wohn­sied­lung an eine mono­struk­turelle Wirtschaft­sen­twick­lung kop­pelte, je größer der Anteil der Woh­nun­gen in den Großsied­lun­gen einer Stadt am gesamten Woh­nungs­be­stand der betr­e­f­fenden Stadt und je geringer die städte­bauliche und sozial-​strukturelle Inte­gra­tion der Großsied­lun­gen aus­ge­bildet ist, desto kom­plizierter und schwieriger wird vor­raus­sichtlich ihre mit­tel– und langfristige Entwick­lungsper­spek­tive sein.“ (Rietdorf/​Liebmann, 1998, Seite 180) Nicht nur der Wegzug von Besserver­di­enern, auch der soziale Abstieg der Bewohner kann somit zu den beschriebe­nen (Image-​) Prob­le­men führen.

Ger­ade aber die Befürch­tung des sozialen Abstiegs scheint die ost­deutschen Groß­wohn­sied­lun­gen wieder beliebter zu machen und die soziale Struk­tur dort zu sta­bil­isieren. Während die inner­städtis­chen ren­ovierten Alt­bauten oft leer stün­den, gäbe es in den Plat­ten­bauten kaum mehr Leer­stände. (vgl. Balzer, 2004)

Fazit

Wie gezeigt, beruht ein Teil des schlechten Rufes von Groß­wohn­sied­lun­gen auf schlechter Infor­ma­tion­slage und geziel­ter Fehlin­for­ma­tion. Wenn der Rap­per Sido „sein“ Märkisches Vier­tel selbst als Ghetto beze­ich­net (vgl. Lau, 2004), so dient das zur Unter­stützung seines Images als Mann mit einer harten Ver­gan­gen­heit („Street Credibility“) — einer wichtige Eigen­schaft im Hip Hop.

Wenn Medien über diese Vier­tel berichten, dann oft nur, um Klis­chees zu bedi­enen und wenn Ereignisse von Nachricht­en­wert geschehen, sind das meis­tens neg­a­tive Nachrichten sind — Wie zum Beispiel der Bran­dan­schlag von Neo-​Nazis in Rostock-​Lichtenhagen im Juli 1992 – die zum schlechten Ruf der Sied­lun­gen beitra­gen. Tat­säch­lich kön­nen die Bewohner diese Verurteile nicht nachvollziehen.

In der Beschrei­bung zur Austel­lung „Das Märkische Vier­tel — Idee Wirk­lichkeit Vision“ schreib Kura­tor Falk Jaeger:

Die Bewohner sahen ihre Sied­lung immer in pos­i­tiverem Licht als die Betra­chter von außen. Im Jahr 2003 ergab eine von der GESOBAU AG beauf­tragte Befra­gung, dass sie sich in ihrer Sied­lung sehr wohl fühlen. Häu­fig bleiben Kinder und Kinde­skinder im Quartier.“6

Das Haupt­prob­lem ist offen­bar tat­säch­lich eines des Mar­ket­ings. Will man Groß­wohn­sied­lun­gen wieder zu lebenswerten Stadt­teilen entwick­eln, muss man vor allem gegen die gängi­gen Vorurteile kämpfen.

Ist ein Stadt­teil tat­säch­lich zum sozialen Bren­npunkt gewor­den, ste­hen andere Mass­nah­men an. Hier kann man von den Erfahrun­gen in Frankre­ich ler­nen. Dort gibt es die soge­nan­nten „Grands ensembles“ — Stadtteile, die den ost­deutschen Plat­ten­bausied­lun­gen nicht unähn­lich sind. Bei den Bewohn­ern han­delt es sich haupt­säch­lich um nordafrikanis­che Ein­wan­derer. (vgl Rietdorf/​Liebmann, 1998) Seit den 80er Jahren gibt es hier „eine über dem Durch­schnitt liegende Arbeit­slosigkeit, ein ver­gle­ich­sweise geringes Aus­bil­dungsniveau, eine Große Anzahl von Schu­la­b­brech­ern, hoher Anteil Dro­gen­süchtiger und wach­sende Krim­i­nal­ität, ins­beson­dere unter Jugendlichen.“ (Rietdorf/​Liebmann, 1998, Seite 183)

Schon seit Mitte der 70er Jahre betreibt der franzö­sis­che Staat ver­schiedene Pro­gramme wie zum Beispiel „Wohnen und soziales Leben“, „Vom Wohnge­biet zur Stadtwer­dung“ und „Soziales-​urbanes Entwick­lung­spro­gramm“. Um an die staatlichen Förderun­gen zu kom­men, müssen die Städte mit dem Staat Verträge schliessen, die in ihren fün­fjähri­gen Laufzeiten zu Mass­nah­men zur Beruf­saus­bil­dung, Arbeit­splatzbeschaf­fung, zur Unter­stützung der lokalen Ökonomie verpflichten. (vgl Rietdorf/​Liebmann, 1998)

Diese Prob­leme seien zwar nicht 1:1 auf eventuelle kün­ftige Prob­lemeskala­tio­nen in Deutsch­land übertrag­bar, jedoch sind sie dur­chaus inter­es­sant, „da sie
a)[…] über bauliche und städte­bauliche Fragestel­lun­gen von Anfang an hin­aus­ge­hen.
b)Stets soziale und ökonomis­che Prob­leme inte­gri­ert auf­greifen und
c)jeweils dif­feren­ziert auf die spez­i­fis­chen Sit­u­a­tio­nen in den betr­e­f­fenden Regio­nen und Kom­munen einge­hen.“ (Rietdorf/​Liebmann, 1998, Seite 184)

Lit­er­atur

  • Balzer, Arno (Hrgs) — „Sei schlau, bleib im Plat­ten­bau“ (28.8.2004, 15:10) http://​www​.man​ager​-mag​a​zin​.de/​u​n​t​e​r​n​e​h​m​e​n​/​a​r​t​i​k​e​l​/​0​,​2828​,​314503​,​00​.html
  • Bär, Gesine, Hecker, Katrin und Wen­ner­scheid, Sophie (Hrsg.) — „Auf der Suche nach der Großen Stadt – Leit– und Gegen­bilder aus Berlin und Stockholm“(2002) Berlin Ver­lag, Berlin
  • Bollerey, Franziska, Fehl, Ger­hard und Hart­mann, Kris­tiana (Hrsg.) — „Im Grü­nen wohnen – im Blauen pla­nen“ (1990) Hans Chris­tians Ver­lag, Hamburg
  • Burmeis­ter, Robert „25 Jahre Mettenhof“(1990), Rathaus­druck­erei, Kiel
  • Häußer­mann, Har­mut und Siebel, Wal­ter — „Sozi­olo­gie des Wohnens“(1996), Juventa Ver­lag, Wei­heim und München
    Hirsch, Helga — „Kollek­tive Erin­nerung im Wan­del“ in: Aus Poli­tik und Zeit­geschichte (B 4041÷2003), Bun­deszen­trale für poli­tis­che Bildung
  • Hoff­man, Karl-​Heinz — „Die Neue Heimat — Lange Geschichte mit häßlichem Ende“ bei: http://​www​.architek​tu​rar​chiv​-web​.de/​n​h.htm (25.8.2004) Ham­bur­gis­ches Architekturarchiv
  • Krum­macher, Michael, Kul­bach, Roderich, Waltz, Vik­to­ria und Wohfahrt, Nor­bert — „Soziale Stadt – Sozial­rau­men­twick­lung – Quartiers­man­age­ment“ (2003) Leske + Budrich, Opladen
  • LaFague, Paul — „Das Recht auf Faul­heit – Wider­legung des Rechts auf Arbeit von 1848“ (1887) Trotz­dem Ver­lagsgenossen­schaft eG, Grafe­nau (4. Auflage 2002)
  • Lau, Peter — „Der Stolz der Ver­lierer“ in: „brand eins“ (06÷2004) brand eins Ver­lag GmbH & Co. OHG, Ham­burg
    Lieb­mann, Heike und Rietdorf, — Werner — „Großsied­lun­gen in Ost­mit­teleu­ropa zwis­chen Gestern und Mor­gen“ in: Europa Regional Nr. 2 (2001) Insti­tut für Län­derkunde, Leipzig
  • Müller, Evelin und Riet­dorf, Werner — „The devel­op­ment of the hous­ing mar­ket in the new Ger­man Län­der with spe­cial ref­er­ence to fur­ther devel­op­ment of large scale hous­ing estates“ in: „Beiträge zur Regionalen Geo­gra­phie – Ger­many Ten Years after Reuni­fi­ca­tion“, Nr. 52 (2000) Insti­tut für Län­derkunde, Leipzig
  • Riet­dorf, Werner und Lieb­mann, Heike — „Raum­rel­e­vante Prob­leme der Entwick­lung von Groß­wohn­sied­lun­gen in den neuen Bun­deslän­dern“ in: „Rau­mord­nung und Raum­forschung“, Nr. 23 (1998) Carl Hey­manns Ver­lag, Köln
  • Roden­stein, Mar­i­anne — „Hochhäuser in Deutschland“(2000) Ver­lag W. Kohlham­mer, Stuttgart Berlin Köln
  • Schleswig-​Holstein, Land­tag, Kiel (Hrsg.); — Bericht der Lan­desregierung: Die Entwick­lung des Bund-​Länder-​Programms „Soziale Stadt“ (2002) Kiel
  • Speer, Albert — „Die intel­li­gente Stadt“(1992) Deutsche Ver­lags Anstalt GmbH, Stuttgart
  • Stollberg-​Barkley, Dörte — „Großsied­lun­gen in Großbri­tan­nien“ in: Europa Regional, Nr. 1 (2001) Insti­tut für Län­derkunde, Leipzig
  • Vogt-​Lüerssen, Maike — „All­tag im Mit­te­lal­ter“ (2001) Ver­lag Ernst Probst, Mainz-​Kostheim

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