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Foto: Some rights reserved by Philippe AMIOT

#28c3Wie IBM während des Holocausts

Donnerstag, 29. Dezember 2011

„Was die Her­stel­ler von Fil­ter­soft­ware machen, ist nichts ande­res als das, was IBM wäh­rend des Holo­caust gemacht hat,“ fasste einer der Red­ner von „How Govern­ments Have Tried to Block Tor“ seine Erfah­run­gen zusam­men. West­li­che IT-​Firmen ver­die­nen ihr Geld mit Über­wa­chungs– und Zen­s­ur­tech­nik, wäh­rend Pro­gram­mie­rer ehren­amt­lich den wag­hal­si­gen Job über­neh­men, dage­gen zu halten.

Ich weiß nicht mehr, was ich von dem Vor­trag erwar­tet habe. Ich bin mir aber sicher, dass ich nicht geahnt habe, wie bewe­gend das Thema sein könnte: „Wie Regie­run­gen ver­sucht haben, die Nut­zung von TOR zu verhindern.“

Zunächst war der Vor­trag eine ner­dige Reise durch tech­ni­sche Win­kel­züge. Es wurde erklärt, wie man mit TOR den Inter­net­zu­gang anony­mi­siert, warum das in bestimm­ten auto­ri­tär regier­ten Län­dern wich­tig ist und wie Schritt für Schritt die Zen­so­ren in die­sen Län­dern schlauer wur­den und auch der TOR–Ser­vice ver­bes­sert wurde. Viel­leicht hatte ich das erwartet.

Nicht erwar­tet hatte ich den Teil der dann folgte: Eine wütende Beschwerde über die Firma, die haupt­säch­lich in den USA sit­zen und mit der Über­wa­chungs– und Zen­s­ur­tech­nik ihr Geld ver­die­nen. Natür­lich fin­gen die nie damit an, Soft­ware für Dik­ta­tu­ren zu schrei­ben. Meis­ten wol­len Auf­trag­ge­ber im Wes­ten — große Fir­men — eine Soft­ware, die ihre Mit­ar­bei­ter vom pri­va­ten Sur­fen abhält. Ist die dann ein­mal erstellt, wird die Soft­ware mit die­sen Fähig­kei­ten bewor­ben und dann eben auch an Dik­ta­tu­ren ver­kauft. Ihr Soft­ware wird dann ein­ge­setzt, um Men­schen­rechte zu verletzen.

In die­sem Sinn, sei das, was diese Fir­men dort machen, nichts ande­res als das, was IBM wäh­rend des Holo­caust gemacht hat. IBM hatte damals Loch­kar­ten­sys­teme an das Nazi-​Regime ver­kauft. Mit die­sen Sys­te­men wurde dann unter ande­rem der Holo­caust organisiert.

Und man muss sich das ein­mal vorstellen:

  • Auf der einen Seite sind zum Teil große Kon­zerne, die einen Teil ihres Umsat­zes mit der Unter­stüt­zung von Men­schen ver­ach­ten­den Regi­men verdienen.
  • Auf der ande­ren Seite ste­hen frei­wil­lige Pro­gram­mie­rer, die ehren­amt­lich, in ihrer Frei­zeit eine Soft­ware pro­gram­mie­ren, mit der Men­schen in Dik­ta­tu­ren ein Stück Frei­heit bekom­men. Und machen diese Pro­gram­mie­rer einen Feh­ler, ste­hen Frei­heit, Gesund­heit und Leben von zehn­tau­sen­den Men­schen auf dem Spiel.

Bis­her gibt es für Über­wa­chungs­tech­nik keine Export­kon­trol­len. In der ZEIT schreibt Jil­lian York von der Elec­tro­nic Fron­tier Foun­da­tion (EFF):

Zum einen wird pro­pa­giert, die Unter­neh­men hät­ten „soziale Ver­ant­wor­tung“, zum ande­ren wird argu­men­tiert, sie unter­lä­gen ja dem Gesetz. Doch das lässt wich­tige Fra­gen offen: Wie viel Druck braucht es zum Bei­spiel, damit soziale Ver­ant­wor­tung auch wirk­sam ist. Und wie sehr kann man sich auf das Prin­zip der Rechts­staat­lich­keit in Län­dern ver­las­sen, in denen die Rechts­staat­lich­keit schwach aus­ge­prägt ist oder nicht existiert?“

Natür­lich stößt man hier auf das Pro­blem, das Cory Doc­to­row in sei­nem Vor­trag erklärt hat: Tech­nik ist neu­tral. Com­pu­ter kön­nen gute und schlechte Sachen machen. Wir kön­nen sie nicht davon abhal­ten. Wir kön­nen keine Com­pu­ter bauen, die in Dik­ta­tu­ren nicht funk­tio­nie­ren oder die Fil­ter­soft­ware nicht aus­füh­ren, wenn wir wei­ter­hin uni­ver­sal funk­tio­nie­rende Com­pu­ter haben wollen.

Aber: Das Fil­ter­pro­blem beginnt schon „im Wes­ten“. Wir soll­ten nir­gends Fil­ter­pro­gramme ein­set­zen. Nicht in Fir­men, nicht in Schu­len usw. Dann gibt es kei­nen Grund, diese Pro­gramme zu schrei­ben. Das sol­len doch bitte Dik­ta­tu­ren selbst machen. Man muss sie zum einen nicht unter­stüt­zen bei der Unter­drü­ckung. Und man muss ihnen wei­ter­hin nicht die Aus­rede lie­fern, im Wes­ten würde die Soft­ware ja auch ein­ge­setzt.

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Foto: Some rights reser­ved by Phil­ippe AMIOT

Kommentare

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    Niels K.

    01. Jan 2012

    a) ich möchte in einer Firma fil­tern kön­nen, da die Alter­na­tive ist, dass die Leute das Netz gar nicht nut­zen können.
    Der Chef will nicht, dass die Leute auf YouTube, Face­book und Co. gehen. Also zwei Mög­lich­kei­ten:
    Filtern/​Blocken oder das Inter­net gesamt ver­bie­ten.

    b) Wenn ich mei­nem Kind erlau­ben werde, das Inter­net zu nut­zen, möchte ich nicht, dass es die gesamte Ladung auf ein­mal abbe­kommt. Natür­lich werde ich ver­su­chen bis zu einem gewis­sen Alter immer dane­ben zu sit­zen, wenn es das Netz nutzt. Aber nach und nach muss es das Netz auch unbe­ob­ach­tet nut­zen kön­nen. Dann möchte ich aber bis zu einem gewis­sen Alter (oder wenn es schafft die Fil­ter selbst aus­zu­schal­ten) zumin­dest die Kon­trolle haben, dass es gewisse Inhalte nicht sieht.

    Ich bin aber kein Dik­ta­tor, der die Man­power hat um Fil­ter sel­ber zu schrei­ben und daher kaufe ich mir die Dienstleistung/​Software ein. Wäre der Ver­kauf bzw. die Ver­brei­tung von sol­cher Software/​Dienstleistung ver­bo­ten, würde ich in Fall a) das Inter­net abstel­len und in Fall b) das Inter­net für lange Zeit unzu­gäng­lich machen.

    ornament
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    kaffeeringe.de

    01. Jan 2012

    @a) Dahin­ter ver­birgt sich eine ver­al­tete Wahr­neh­mung des Inter­nets. Es gibt nicht das E– und das U-​Internet. Das E-​Internet für ernst­hafte Recher­chen und Business-​Kontakte und das U-​Internet für Unter­hal­tung. Wie oft hab ich schon Lösun­gen für Pro­bleme bei der Arbeit bei Youtube gefun­den? Und „Social Net­works“ wie Face­book wer­den spä­tes­tens seit Google+ immer mehr zur Grund­lage für Koope­ra­tio­nen. Dazu kommt, dass es eine ver­al­tete Vor­stel­lung von Arbeit ist. Wenn man von sei­nen Mit­ar­bei­tern erwar­tet, dass sie fle­xi­bel arbei­ten, dann muss es auch mög­lich sein, fle­xi­bel das Pri­vat­le­ben auf­recht zu halten.

    @b) Das Inter­net ist viel unge­fähr­li­cher als die Welt da drau­ßen. Dei­nen Kin­dern kann kör­per­lich über­haupt nichts pas­sie­ren und sie kön­nen nichts wirk­lich Schlim­mes anstel­len. Und wenn Du drauf ach­test, dass sie nicht aus­schließ­lich vor dem Inter­net hocken, dann machen die da doch auch nur, was nahe lie­gend ist. Die meis­tens Men­schen sur­fen auf ner Hand­voll Inter­net­sei­ten und sind voll­kom­men zufrie­den damit. Das ist bei Kin­dern nicht anders. Manch­mal haben sie halt Unsinn im Kopf und dann hät­ten sie frü­her Deine Por­no­samm­lung unterm Bett raus­ge­holt oder Deine Ziga­ret­ten aus­pro­biert…

    Fil­ter sind eine ein­fa­che, nahe lie­gende, vom Kon­zept her aber gefähr­li­che Lösung für ein Pro­blem, das es oft gar nicht gibt, und das man oft anders lösen kann.

    ornament
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    Niels K.

    01. Jan 2012

    a) In unse­rer Arbeits­um­ge­bug wirst du nichts auf Youtube und Co fin­den. Glaub mir einfach.

    b) Du sprichst aus Erfah­rung mit dei­nen Kindern?

    ornament
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    kaffeeringe.de

    01. Jan 2012

    a) Das ändert nichts am größ­ten Teil mei­ner Argu­mente. Du schließt ja auch die Büro­tü­ren nicht ab, damit die Leute sich nicht über pri­vate Dinge unterhalten.

    b) Für wel­chen Teil mei­ner Argu­men­ta­tion benö­tigt man Erfah­run­gen mit eige­nen Kindern?

    ornament

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