startseite | archiv | bilder | bookmarks | short urls | rss reader |

Bar­camp Hamburg²Fremd­schä­men mit T-​Mobile

 
BarCamp Hamburg 2

Montag, 24. November 2008

Es hätte wirk­lich inter­es­sant wer­den kön­nen: Zwei Jungs von T-​Mobile woll­ten das G1 – das Google Phone auf dem Bar­Camp Ham­burg² vor­stel­len. Lei­der haben sie das Publi­kum falsch ein­ge­schätzt und sind damit voll auf die Nase gefal­len. Was ich schade finde ist, dass ver­mut­lich auch der Ruf von Googles freiem Handy-​Betriebssystem Android dar­un­ter gelit­ten haben könnte.

Der größte Raum auf dem Bar­camp war gut gefüllt mit 60 – 80 Men­schen, die sich für die Prä­sen­ta­tion des G1 inter­es­sier­ten. All diese Men­schen sind genauso stark technik-​affin wie technologie-​kritisch und offen­bar hat T-​Mobile das total falsch ein­ge­schätzt, so dass die Prä­sen­ta­tion nach und nach aus dem Ruder lief und für mich als Zuhö­rer so unan­ge­nehm wurde, dass ich den Saal ver­las­sen musste.

Was war passiert?

Der jün­gere Kol­lege führte das Google Tele­fon per Lein­wand vor und ern­tete zu Anfang noch erstaunte Bli­cke, als er die ers­ten Bedien­de­tails wie den Zugriff auf die E-​Mails vor­führte. Als dann aber das Scrol­len auf dem Touch­screen nicht funk­tio­nierte, benutzte er das Scroll­rad – das führte schon zu eini­gem Gekicher.

Als er dann fröh­lich träl­lerte, dass man über­all Zugriff auf die Google-​Suche hätte und damit sogar eigene Kon­takte durch­su­chen könnte, wurde aus dem Kichern Geläch­ter. Der ältere T-​Mobile-​Mann ver­suchte das zu dre­hen und erklärte, das Android vor­sähe, dass auch andere Suchen ein­ge­stellt wer­den können.

Dann fragte jemand, ob man das Tele­fon als Modem mit dem Lap­top nut­zen könne. Der eine T-​Mobile-​Mann: „Nein. Das ist nicht frei­ge­schal­tet.“ Der andere: „Dafür gibt es noch keine Appli­ka­tion – aber das ist ja das Tolle: Die kann man ein­fach pro­gram­mie­ren.“ Ab hier wurde es unan­ge­nehm und die Vor­stel­lung zum Kreuz­ver­hör: Ein Zuschauer fragte in einem äußerst for­dern­den Ton, was denn nun die Wahr­heit sei – fehle es an der Appli­ka­tion oder sei es nicht frei­ge­schal­tet? Ein andere war ein, warum es dazu kei­nen eige­nen Tarif geben – er würde da auch mehr für bezah­len. Ein Drit­ter fragte, wie es denn über­haupt aus­se­hen: „Gibt es dafür ver­nünf­tige Tarife oder nur diese über­teu­er­ten Tarife wie bei iPhone?“

Auf tech­ni­sche Fra­gen wie „Kann ich dann eigent­lich auch meine eigene Firmware-​Version auf­spie­len?“ kam keine rich­tige Ant­wort – eher Unver­stän­dis, warum man so etwas tun wolle.

An die­ser Stelle habe ich ver­sucht mein Zweiter-​Hand-​Halbwissen von der Android Prä­sen­ta­tion bei Google anzu­brin­gen: Dort wurde gesagt, dass man sich darum bemühe auch simlock-​freie Entwickler-​Handys anbie­ten zu können.

Komisch war dann auch die Argu­men­ta­tion, dass das Google-​Phone preis­lich das iPhone für Jeder­mann wer­den solle, weil es im Ein­kauf viel güns­ti­ger sein – im Ver­kauf würde dann das Tele­fon ohne Ver­trag aber wie­der in der Preis­ka­te­go­rie des iPhone liegen.

Die Jungs haben dann ver­sucht die Prä­sen­ta­tion wie­der in geord­nete Bah­nen zu len­ken und ver­sucht den App-​Store vor­zu­stel­len und tap­pen direkt ins nächste Fett­näpf­chen: „Hier kann man jeden Tag sehen, wel­ches die belieb­tes­ten Appli­ka­tio­nen sind und Google macht das ganz schlau: Die zäh­len nicht nur die Down­loads, son­dern tra­cken auch, wie oft Sachen wie­der dein­stal­liert wer­den.“ Eine Steil­vor­lage zum Thema „Was wird denn noch alles getrackt.“ Meine Zusam­men­fas­sung der Ant­wort und sich auch das, was die meis­ten Zuschauer her­aus­ge­hört haben: „So ziem­lich alles.“ Man benö­tigt halt einen Account bei Google, um die gan­zen Fea­tures über­haupt nut­zen zu können.

Nach und nach ent­fes­selte sich der Zorn von Handy-​Kunden, die end­lich mal jeman­den gefun­den haben, dem sie die Mei­nung sagen konn­ten. All der Frust über gefühlte Abzo­cke und man­geln­des Ein­ge­hen auf die Wün­sche der Kun­den wurde kana­li­siert und die bei­den Jungs von T-​Mobile muss­ten es erleiden.

Gerade 2 Stun­den vor­her hatte es eine Ses­sion über vira­les Mar­ke­ting gege­ben, in dem T-​Mobile als ein Bei­spiel für einen Kon­zern genannt wurde, der so groß ist, dass er den Kon­takt zum Men­schen ver­lo­ren hat und nun per Image-​Kampagne mit dem eng­li­schen Schnul­zen­sän­ger Pauls Potts ver­sucht, seine Kun­den­be­zie­he­nung wie­der zu „emo­tio­na­li­sie­ren“. Im Ver­trags­raum „Her­mes“ konnte man sehen, dass es ein emo­tio­na­les Ver­hält­nis zwi­schen Mobil­funk­kon­zer­nen und Kun­den gibt: Die Kun­den has­sen die Kon­zerne. Alle ver­mit­teln das Gefühl, dass man bei ihnen zwi­schen Pest und Cho­lera wäh­len muss.

An die­sem Punkt habe ich es nicht mehr aus­ge­hal­ten und ich habe den Raum ver­las­sen, um erst­mal nen Kaf­fee zu trinken.

Und das G1?

Ich finde es schade, dass auch Android und das G1 selbst gelit­ten haben: Android ist eine frei ver­füg­bare Platt­form für Mobil­te­le­fone. Punkt. Sicher hat Google die Ent­wick­lung bezahlt und des­we­gen finde ich es auch okay, wenn die auf den ers­ten Tele­fo­nen natür­lich ihre Service-​Angebote integrieren.

Aber noch bevor das G1 über­haupt prä­sen­tiert war, haben fin­dige Ent­wick­ler das Sys­tem auf ande­ren Han­dys zum Lau­fen gebracht – da wird sich also eini­ges tun. Und das Bei­spiel Chrome zeigt: Google bringt einen Brow­ser unter freier Lizenz her­aus und bie­tet ihn mit den eige­nen Ser­vices vor­kon­fi­gu­riert her­aus und kaum 2 Wochen spä­ter erscheint eine geforkte Ver­sion ohne die Ser­vices für all die Leute, die andere Ange­bote nut­zen wol­len. Das wird auch mit Android pas­sie­ren. Ob sich aber einer der Anwe­sen­den vom Bar­Camp noch für Android begeis­tern wird, wage ich zu bezweifeln.

Kommentare

  • gravatar
    Franz Patzig

    24. Nov 2008

    Ich musste die Ses­sion auch frü­her ver­las­sen, aller­dings weil ich zum Bahn­hof musste. Das sich das ganze aller­dings zu dem stei­gern würde, was du hier beschreist, war abzusehen.

    Für mich fing es damit an, dass der Mar­ke­ting­mit­ar­bei­ter, der das Tele­fon vor­führte, Begriffe wie „Instant Mes­sa­ges“ als „Instant Mes­sa­ging“ bezeich­nete. Beim ers­ten mal dachte ich noch, ich hätte mich ver­hört, aber das wurde dann mehr­mals wie­der­holt. Das war noch bei ande­ren Begrif­fen so, es fällt mir aller­dings nicht mehr ein, was das war.

    Dadurch das der Touch-​Screeen nicht rich­tig funk­tio­nierte und immer wie­der ver­sucht wurde, das dann ohne Hin­weis auf den berühm­ten Vor­führef­fekt zu über­tün­chen, wurde so ein laten­tes Miß­trauen auf­ge­baut.

    Das Run­druck­sen bei Nach­fra­gen zu genauen Zah­len (die natür­lich Geschäfts­ge­heim­nisse sein dür­fen) hat es nicht bes­ser gemacht.

    Baut sich so etwas erst ein­mal auf, ist es nicht so ein­fach die Ses­sion wie­der zu dre­hen, beson­ders wenn im Publi­kum infor­mierte und kri­ti­sche Men­schen sit­zen, denen man nicht alles erzäh­len kann.

    Auch mein Sohn (13 Jahre alt) merkte, dass hier etwas nicht stimmte.

    An die­sem Punkt musste ich lei­der los, denn auch ich hätte Fra­gen gehabt. Ich hab das aber per Twit­ter wei­ter ver­folgt und mein Ein­druck war es, dass die­je­ni­gen, die das G1 dann in der Hand hat­ten, es sofort haben wollen.

    ornament
  • Instant Messaging

    Gast

    04. Dez 2008

    Den Begriff „Instant Mes­sa­ging“ gitb’s doch. Was ist daran auszusetzen?
    Hier woll­ten wohl einige ihren Unmut los­wer­den. Da hät­ten die bei­den refe­ren­ten füher rea­gie­ren müs­sen um das nicht eska­lie­ren zulassen.

    ornament
  • OpenMoko und Co.

    wurstwolf

    04. Dez 2008

    Was mir an Android am bes­ten gefällt, ist die Hoff­nung, dass man auf den damit aus­ge­lie­fer­ten Han­dys auch andere Distributionen/​Oberflächen instal­lie­ren kann.

    Das wäre mal ein ech­ter Meilenstein.

    ornament
  • So schlimm?

    gravatar
    Thilo P.

    06. Dez 2008

    Hat­test Du jetzt ech­tes Mit­leid? Ich meine am Ende sinds natür­lich immer die Men­schen am Ende der Kette — auch auf den Kie­ler Web­mon­ta­gen kann man ja mal zer­legt wer­den, wenn was nicht ganz koscher ist. Ich finde das eigent­lich immer ganz erfri­schend. Viele sind eben auch müde ewnig nur Wer­bung zu schlu­cken. Die Jungs wer­den bestimmt auch gut bezahlt ihren Kopf da hin­zu­hal­ten. Mich stimmt das ganze ja vor­sich­tig opti­mis­tisch. Mehr kri­ti­sche Ver­brau­cher und wir erle­ben einen ech­ten Wan­del. Man muss da nicht zu per­sön­lich wer­den, aber darf ruhig Klar­text reden.

    ornament

Einen Kommentar hinzufügen





Trackback

Trackback URL für diesen Artikel

  • Twitter / Facebook
  • Twitter
  • Facebook
  • RSS
  • RSS

 

Werbefreies Blog

Steffen Voß | Steinstraße 5 | 24118 Kiel
Tel.: +49 431 88 88 683
E-Mail: kontakt@kaffeeringe.de
Skype: steffenvoss
Jabber: kaffeeringe@jabber.ccc.de
ICQ: 447639251