startseite | archiv | bilder | bookmarks | short urls | rss reader |

Zeitung, Foto: chemartin | photocase.com

Google Living StoriesWarum machen die Zeitungen das nicht selbst?

Mittwoch, 09. Dezember 2009

Google erfin­det im Moment alles mög­li­che neu. Jetzt ist die Zei­tung dran und ich frage mich, warum die Zei­tun­gen das nicht vor­her schon selbst gemacht haben. Google Living Sto­ries zeigt im Über­blick die fort­ge­führte Bericht­er­stat­tung zu bestimm­ten The­men. Hier einige Ideen dazu.

Als es das Inter­net noch nicht gab, hat es Sinn erge­ben, dass Regio­nal­zei­tun­gen Agen­tur­mel­dun­gen zu bestimm­ten The­men über­nom­men haben. Sie konn­ten sich nicht über­all eigene Kor­re­spon­den­ten leis­ten und woll­ten trotz­dem ihre Leser über die Vor­gänge außer­halb des Ver­brei­tungs­ge­bie­tes infor­mie­ren. Warum sollte ich heute DPA–Nach­rich­ten in der Regio­nal­zei­tung lesen, wenn ich die auch direkt bei der DPA lesen könnte. Regio­nal­zei­tun­gen soll­ten sich im Netz diese Mel­dun­gen schen­ken und dar­auf keine Ener­gie verschwenden.

Regio­nal­zei­tun­gen leben davon, dass sie über jedes Tref­fen von jedem Ver­ein berich­ten, damit die Leute, die sich in der Zei­tung sehen wol­len, ihre Zei­tung abon­nie­ren. Mit Jour­na­lis­mus hat das wenig zu tun. Und über den Wett­be­werb im Kanin­chen­züch­ten, kön­nen die Kanin­chen­züch­ter auf ihrer eige­nen Web­site viel bes­ser und aus­führ­li­cher berich­ten. Solange noch nicht alle so im Netz sind, ist das noch ein Ter­rain der Tages­zei­tung, aber es wird weni­ger relevant.

Kern­ge­schäft

Wenn man die große, weite Welt der Agen­tur­mel­dun­gen abzieht und das Klein­klein des Lokal­ko­lo­rits, bleibt der Kern der Regio­nal­zei­tung übrig: Lokal­po­li­tik. Hier benö­tigt man Erfah­rung, Kennt­nis der Akteure und tat­säch­lich auch echte jour­na­lis­ti­sche Qua­li­tä­ten, wenn man die kom­ple­xen Zusam­men­hänge auf­drös­eln und hin­ter­fra­gen will. Hier sind die sonst gerne belä­chel­ten Regio­nal­zei­tun­gen auch tat­säch­lich die „vierte Macht“.

Warum hän­gen die Regio­nal­zei­tun­gen im Inter­net noch immer an ihrem Artikel-​Paradigma, das doch nur dem Medium Zei­tung geschul­det war: Es gibt einen bestimm­ten Platz zu ver­ge­ben und einen Redak­ti­ons­schluss: Alles was zu lang ist, oder bis Redak­ti­ons­schluss nicht pas­siert ist, wird nicht berücksichtigt.

Soft­ware

Das Inter­net hat kei­nen Redak­ti­ons­schluss — das bedeu­tet nicht nur, dass man Arti­kel ver­öf­fent­li­chen kann, wenn sie fer­tig sind statt zu einem bestimm­ten Ter­min. Das bedeu­tet auch, dass man Arti­kel fort­füh­ren kann.

Regio­nal­zei­tun­gen im Inter­net soll­ten es leicht machen, Geschich­ten zu ver­fol­gen: „Was ist eigent­lich aus dem Plan der Stadt gewor­den ein bestimm­tes Haus abzu­rei­ßen?“ Living Sto­ries bie­tet das jetzt an: Ich kann mir Arti­kel zum Thema „Erd­er­wär­mung“ auf einer Zeit­leiste anschauen. Und sehen, was China gemacht hat und was Obama dazu sagt und so weiter.

Man kann Arti­kel anders als nur in der Rei­he­folge ihres Erschei­nens dar­stel­len. Soft­ware macht es mög­lich — anders als Papier — Infor­ma­tio­nen belie­big anzu­ord­nen. Infor­ma­tio­nen sind nur dann wert­voll, wenn man die rich­ti­gen, zur rich­ti­gen Zeit hat. „Zur rich­ti­gen Zeit“ kann bedeu­ten „mög­lichst schnell“, es kann aber auch wert­voll sein, sie spä­ter zu fin­den, wenn man sie tat­säch­lich benö­tigt.

Hintergrund-​Informationen

Dar­über hin­aus ver­fügt die Redak­tion einer Regio­nal­zei­tung über einen gro­ßen Wis­sens­schatz an Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen. „Wel­cher Stadt­rat ist schon bekannt dafür Häu­ser abzu­rei­ßen?“ Die Zei­tun­gen soll­ten Daten­ban­ken mit die­sen Infos auf­bauen und aus den Arti­keln ver­lin­ken. Wenn der Name von Stadt­rä­tin Schmidt auf­taucht, ver­linkt das auf eine Seite mit Daten zum Lebens­lauf und zu ande­ren Geschich­ten, in denen sie vorkommt.

Geschäftsmodell

Auf die­sem Gebiet sind die Regio­nal­zei­tun­gen meis­tens alleine und es gibt nie­man­den, der all diese Infos bie­ten kann. Ich könnte mir vor­stel­len, dass man mit den nor­ma­len, so wie heute ver­öf­fent­lich­ten Arti­keln, ein kos­ten­lo­ses Grund­an­ge­bot hat — um ver­link­bar zu sein und gefun­den zu werden.

Geld kos­tet dann quasi der Zugriff auf die Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen, die Ver­lin­kun­gen und die Auf­be­rei­tung in ver­schie­de­nen For­men, wie zum Bei­spiel der Zeit­leiste. Das könnte man als Abo für bestimmte The­men­be­rei­che oder als Flat­rate für alle The­men anbieten.

Update [15. Dezem­ber 2009]

Google’s Chef­öko­nom Hal Varian sieht das laut FAZ-​Interview offen­bar ähnlich:

Frü­her hatte eine Zei­tung in ihrer Region eine Mono­pol­stel­lung. Heute kon­kur­rie­ren aber viele Medien mit­ein­an­der. Wenn dass der Arti­kel im Wall Street Jour­nal über den Iran dem Arti­kel in der New York Times oder der Washing­ton Post sehr ähnlich ist, sinkt der Preis für die Nach­richt wegen des Wett­be­werbs auf seine Grenzkosten […]“

und wei­ter:

Die Kos­ten für die Pro­duk­tion die­ser Standard-​Nachrichten müs­sen gesenkt wer­den […] Die Dif­fe­ren­zie­rung vom Wett­be­wer­ber muss dann in der Inter­pre­ta­tion und Ana­lyse der Nach­rich­ten erfolgen“

Links

Foto: che­mar­tin | pho​to​case​.com

Kommentare

  • gravatar
    Sebastian

    09. Dez 2009

    Weil die Ver­le­ger, ins­be­son­dere in D, daran gewohnt sind das Kraut­com­pu­ting funk­tio­niert (nach­ah­men statt aus­den­ken). Lei­der hat google die Tech­no­lo­gie­spi­rale so schnell wei­ter­ge­dreht das man gar ned mehr so schnell nach­bauen kann wie was out­da­ted ist.
    Da hilft eigent­lich nur Inves­tie­ren und Vor­den­ken, Visio­nen haben und diese auch umset­zen. Nur dies alles hat die deut­sche Ver­le­ger­land­schaft lei­der kom­plett gar nicht.

    ornament
  • gravatar
    Alexander Ruoff

    22. Dez 2009

    Ich glaube kaum das Web­sei­ten der diver­sen Ver­eine wirk­lich für die regio­nale Bericht­er­stat­tung aus­rei­chen, denn wer hat Lust und Zeit im Inter­net sich auf Blogs und Web­sei­ten der Ver­eine über das lokale und regio­nale Gesche­hen zu informieren.

    Auch in Zukunft gibt es eine Berech­ti­gung und Not­wen­dig­keit für lokale und regio­nale Bericht­er­stat­tung. Der Vor­teil eines sol­chen Medi­ums ist doch, dass die gan­zen Infor­ma­tio­nen durch einen Kanal ver­brei­tet wer­den.

    Sicher hast Du Recht, dass das Inter­net einer inno­va­ti­ven und moder­nen jour­na­lis­ti­sche Arbeit sehr viele Optio­nen bie­tet, die lei­der (oder Gott sei Dank) noch nicht genutzt wer­den aber auch das Medium Papier ist mei­ner Mei­nung noch lange nicht „tot“, denn viele, gerade ältere Men­schen, haben kei­nen Inter­net­zu­gang oder kön­nen damit wenig anfan­gen.

    Es ist eher die Frage in wie fern sich bei­des am effek­tivs­ten kom­bi­nie­ren lässt um mög­lichst viele Leser zu errei­chen (z.B. tages­ak­tu­elle Mel­dun­gen frisch & kos­ten­los im Inter­net, Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen, Repor­ta­gen, Berichte (& Archiv) als Prin­t­aus­gabe bzw. per kos­ten­pflich­ti­gen Abo). Hier liegt mei­ner Mei­nung nach auch das Pro­blem vie­ler gro­ßer Tages­zei­tun­gen, die sich ent­we­der mit ihrem (kos­ten­lo­sen) Inter­net­an­ge­bot sel­ber Kon­kur­renz machen oder aber das Inter­net­an­ge­bot stief­müt­ter­lich und mit schwin­den­der jour­na­lis­ti­scher Qua­li­tät ver­wel­ken las­sen.

    Lei­der hilft es wenig wenn „man“ nur über die bekann­ten Män­gel der regio­na­len Tages­zei­tun­gen dis­ku­tiert, denn ändern wird dies in den betref­fen­den Redak­tio­nen nichts. Wahr­schein­lich wird es nur Bewe­gung geben, wenn ein sol­ches Pro­jekt erfolg­reich umge­setzt und im Revier der „eta­blier­ten“ Lokal­me­dien gewil­dert wird.

    ornament
  • Gast

    04. Jan 2010

    Hmm. Die wich­tigste Frage in Ver­bin­dung mit Medien ist für mich ja immer: „Who´s tal­king?“. Denn ich habe nun mal keine Lust jedem zuzu­hö­ren, son­dern nur dem­je­ni­gen, der mein Ver­trauen genießt — alles andere ist Zeit­ver­schwen­dung. Diese Frage zu veri­fi­zie­ren gestal­tet sich aller­dings im Inter­net oft nicht gerade ein­fach, bei Tages­zei­tun­gen ist der Absen­der hin­ge­gen auf Anhieb deut­lich sicht­bar. Und ehr­lich gesagt möchte ich auch gar nicht in aller Aus­führ­lich­keit die PR-​Artikel irgend­wel­cher Ver­eine oder Firme lesen. Die jour­na­lis­tisch gut auf­be­rei­tete, kurze und vor allem auch les­bare Zusam­men­fas­sung ist mir da viel lie­ber. Genauso ver­hält es sich mit den Agen­tur­nach­rich­ten. Natür­lich kann ich die unge­fil­tert und direkt lesen. Aber dann habe ich den gan­zen Tag auch nichts ande­res mehr zu tun (und am Ende des Tages immer noch nur einen Bruch­teil des Ange­bots gesich­tet). Von daher sehe ich durch­aus einen Bedarf für Tages­zei­tun­gen. Die meis­ten Tages­zei­tun­gen schei­nen es zwar lei­der momen­tan gera­dezu dar­auf ange­legt zu haben, ihren Ver­trau­ens­bo­nus zu ver­spie­len indem sie mehr auf Schnel­lig­keit (und Unter­hal­tungs­wert) denn auf Qua­li­tät ach­ten, aber das wird sich m.E. frü­her oder spä­ter rächen. Denn Ver­trauen ist das höchste Gut, was sie (noch) haben. Einige wenige zumindest.

    ornament

Einen Kommentar hinzufügen





Trackback

Trackback URL für diesen Artikel

  • Twitter / Facebook
  • Twitter
  • Facebook
  • RSS
  • RSS

 

Werbefreies Blog

Steffen Voß | Steinstraße 5 | 24118 Kiel
Tel.: +49 431 88 88 683
E-Mail: kontakt@kaffeeringe.de
Skype: steffenvoss
Jabber: kaffeeringe@jabber.ccc.de
ICQ: 447639251