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Jürgen W / photocase.com

NetzneutralitätUmstrittene Pläne von Google und Verizon

Mittwoch, 11. August 2010

Der Internet-​Gigant Google und der ame­ri­ka­ni­sche Internet-​Zugangs-​Anbieter Ver­i­zon stel­len in einem gemein­sa­men Posi­ti­ons­pa­pier ihre Vor­stel­lun­gen von einem Inter­net der Zukunft dar. Als Kern der Vision sehen Kri­ti­ker: Einige sind glei­cher als andere.

Bevor man sich über die Pläne von Google und Ver­i­zon her­macht, sollte man sich daran erin­nern, dass die bei­den Fir­men zunächst über die USA spre­chen. Das Inter­net ist zwar glo­bal — die Infra­struk­tur steht aber trotz­dem an kon­kre­ten Orten und die Infra­struk­tur ist die Grund­lage für den Datenaustausch.

Google und Ver­i­zon reden also zunächst ein­mal über die Infra­struk­tur in den USA. Und dort stellt sich die Situa­tion so dar: Obwohl die USA sich als High-​Techland #1 sehen, ist der nor­male Inter­net­zu­gang im glo­ba­len Ver­gleich nur durch­schnitt­lich schnell und durch­schnitt­lich güns­tig — und nur ein durch­schnitt­li­cher Anteil der Bevöl­ke­rung hat über­haupt einen sol­chen Breit­band­zu­gang. Von den Spit­zen­po­si­tio­nen sind die USA weit weg. Deutsch­land übri­gens auch. (siehe: Inte­res­ting: chart of broad­band speed, pene­tra­tion, and price)

Es gibt also für die Nation eini­ges auf­zu­ho­len - und so stellt der neue Plan auch heraus:

Ame­rica must con­ti­nue to encou­rage both invest­ment and inno­va­tion to sup­port the under­ly­ing broad­band infra­struc­ture; it is impe­ra­tive for our glo­bal com­pe­ti­tiv­en­ess.“ — A joint policy pro­po­sal for an open Inter­net

Google und Ver­i­zon wol­len des­we­gen vor­der­grün­dig an der Netz­neu­tra­li­tät fest­hal­ten, die das Inter­net zu dem gemacht hat, was es heute ist: Eine Basis­tech­no­lo­gie auf der jeder Service-​Anbieter gleich­be­rech­tigt in den Wett­be­werb ein­tre­ten kann: Die Bytes von Google wer­den genauso schnell trans­por­tiert wie die von kaf​fee​ringe​.de:

Users should choose what con­tent, app­li­ca­ti­ons, or devices they use, since open­ness has been cen­tral to the explo­sive inno­va­tion that has made the Inter­net a trans­for­ma­tive medium.“ — A joint policy pro­po­sal for an open Inter­net

Die bei­den Fir­men unter­mau­ern diese Idee mit der For­de­rung nach Stra­fen für Ver­stöße gegen die Netz­neu­tra­li­tät und Trans­pa­renz über der­ar­tige tech­ni­sche Rege­lun­gen.

Zugangs­sper­ren, Black­lists, Whi­te­lists?

Doch schon die For­mu­lie­rung „con­su­mers have access to all legal con­tent on the Inter­net“ wirft Fra­gen auf: Natür­lich kann es kei­nen garan­tier­ten, neu­tra­len Zugang für ille­gale Inhalte geben. Wenn sich eine Gesell­schaft dar­auf geei­nigt hat, dass bestimmte Dinge ver­bo­ten sind, kön­nen sie kei­nen Schutz im Inter­net erfah­ren. In der Pra­xis stellt sich dann aber das Pro­blem, wie zwi­schen dem Trans­port von lega­len und von ille­ga­len Daten unter­schie­den wer­den soll. Wenn man Recht von Unrecht per Soft­ware ent­schei­den könnte, bräuch­ten wir keine Gerichte mehr. Hier taucht also die Dis­kus­sion um Zugangs­sper­ren auf, die ich jetzt aber auch nur anrei­ßen möchte.

Mobi­les Inter­net ist Anders

Pro­ble­ma­tisch ist auch, dass sich Google und Ver­i­zon zunächst nur auf kabel­ge­bun­de­nes Inter­net bezie­hen: Im mobi­len Bereich soll die Netz­neu­tra­li­tät auf­ge­ho­ben wer­den und durch Netz­trans­pa­renz ersetzt wer­den. Die Betrei­ber kön­nen also im ste­tig wach­sen­den mobi­len Inter­net machen was sie wol­len — sie müs­sen nur ver­öf­fent­li­chen, was sie machen.

Das mobile Inter­net war immer schon gehemmt und ein­ge­sperrt von den Handy-​Herstellern: Sie woll­ten zusam­men mit den Mobil­funk­an­bie­tern schon immer die Anwen­der durch die eige­nen Bezahl­por­tale manö­vrie­ren. Berüch­tigt sind die „gebran­de­ten“ Tele­fone, die alle unge­fähr 5 Tas­ten haben, die den Tele­fon­ei­gen­tü­mer direkt auf die Klingelton-​Homepage des Anbie­ters bringt.

Sicher ist die Funk­über­tra­gung für das Inter­net zur Zeit noch ein Pro­blem für Mobil­funk­an­bie­ter. Und die bis­he­ri­gen Lösun­gen, mit denen zum Bei­spiel Gra­fi­ken von einem zwi­schen­ge­schal­te­ten Proxy-​Server ver­klei­nert wer­den, dür­fen höchs­tens Zwi­schen­lö­sun­gen sein. Das Ziel muss ein voll­wer­ti­ger mobi­ler Inter­net­zu­gang sein, der wie­derum die Basis für einen fai­ren Wett­be­werb sein kann. Das for­mu­liert auch Google so:

Sixth, we both reco­gnize that wire­less broad­band is dif­fe­rent from the tra­di­tio­nal wire­line world, in part because the mobile mar­ket­place is more com­pe­ti­tive and chan­ging rapidly. In reco­gni­tion of the still-​nascent nature of the wire­less broad­band mar­ket­place, under this pro­po­sal we would not now apply most of the wire­line prin­ci­ples to wire­less, except for the trans­pa­rency requi­re­ment. In addi­tion, the Govern­ment Accoun­ta­bi­lity Office would be requi­red to report to Con­gress annu­ally on deve­lop­ments in the wire­less broad­band mar­ket­place, and whe­ther or not cur­rent poli­cies are working to pro­tect con­su­mers.“ — A joint policy pro­po­sal for an open Inter­net

Inter­net und Inter­net 2.0

Viel kon­tro­ver­ser sind die Vor­schläge neben dem netz­neu­tra­len Inter­net zusätz­li­che, nicht neu­tral behan­delte Dienste zu erlau­ben — genannt wird hier bei­spiel­haft Ver­i­zons IPTV-​Angebot (Fern­se­hen über das Inter­net). Hier­mit öffnet man die Büchse der Pan­dora, denn es würde von den Inter­net­an­bie­tern abhän­gen, was den Kun­den prio­ri­siert über­tra­gen wird und was nicht. Ange­bote von direk­ten Kon­kur­ren­ten kön­nen benach­tei­ligt wer­den, wenn sich die Inter­net­zu­gangs­an­bei­ter auch als Inhalte– oder Diens­te­an­bie­ter betätigen.

Ein biss­chen neu­tral — geht das?

Das wäre auf jeden Fall das Ende des Inter­nets, wie wir es heute ken­nen: Mit dem Inter­net­zu­gang wür­den wir uns auch gleich auf bestimmte Dienste fest­le­gen. Wenn ich bei Ver­i­zon mei­nen Zugang miete und die Googles Youtube-​Videos in ihr Prämium-​Angebot auf­neh­men, muss ich in Kauf neh­men, dass andere Video­por­tale nicht so gut funk­tio­nie­ren. Und also Video­por­tal­be­trei­ber muss ich damit leben, dass mich die poten­ti­el­len Zuschauer igno­rie­ren, weil Youtube schnel­ler funk­tio­niert. Das zemen­tiert natür­lich vor allem die Posi­tion der eta­blier­ten Firma.

Diese Pläne für den Umbau des Inter­nets ste­hen auch im Lichte der jüngs­ten Äuße­run­gen von Google CEO Schmidt. Der sieht eine tech­no­lo­gi­sche Revo­lu­tion bevor­ste­hen, für die die Men­schen noch gar nicht bereit seien. Die Pläne von Google also schei­nen groß zu sein

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Foto: Jür­gen W /​pho​to​case​.com

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