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Buch­tippEmer­genz digi­ta­ler Öffentlichkeiten

 
Stefan Münker: Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Die Sozialen Medien im Web 2.0

Montag, 07. Dezember 2009

Aus­ge­wo­gene, intel­li­gente Essays zum Inter­net sind sel­ten: Zumeist fei­ern sie ent­we­der die unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten unkri­tisch ab oder sie zie­hen das Kon­zept an sich in Zwei­fel. So fühlte sich zuletzt gerade FAZ–Her­aus­ge­ber Frank Schirr­ma­cher über­for­dert. Ste­fan Mün­ker fällt weder in das eine, noch in das andere Extrem. In „Emer­genz digi­ta­ler Öffent­lich­kei­ten. Die Sozia­len Medien im Web 2.0″ stellt er die Dis­kus­sion vom Kopf auf die Füße und stellt fest: „Andere Öffent­lich­kei­ten als digi­tale wird es […] auf abseh­bare Zeit nicht mehr geben.“ — Also soll­ten wir ler­nen, damit zu leben.

Ste­fan Mün­ker ist Medi­en­wis­sen­schaft­ler und in der Zen­tral­re­dak­tion Kul­tur und Wis­sen­schaft des ZDF tätig. Schon in frü­he­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen hat sich Mün­ker wis­sen­schaft­lich mit dem Inter­net aus­ein­an­der­ge­setzt. In „Emer­genz digi­ta­ler Öffent­lich­kei­ten. Die Sozia­len Medien im Web 2.0″ aktua­li­siert er sei­nen Stand­punkt in Refle­xion des Schlag­wor­tes „Web 2.0″.

Tech­ni­sche Basis und mediale Nut­zung

Ein wich­ti­ger Punkt in der Argu­men­ta­tion Mün­kers ist die Unter­schei­dung zwi­schen der tech­ni­schen Basis und der Nutzung:

Tech­ni­sche Ent­wick­lung eröff­nen Mög­lich­keits­räume, deren expe­ri­men­telle Erkun­dung Medien gene­riert.“ (Seite 59)

Mit der Erfin­dung des Tele­fons war es mög­lich Töne über lange Dis­tan­zen zu trans­por­tie­ren. Doch was man über­trug war nicht von Anfang an klar. Mün­ker berich­tet, dass in der Früh­zeit auch Kon­zerte per Tele­fon über­tra­gen wur­den. Seine heute spe­zi­fi­sche Nut­zungs­weise hat sich erst im Laufe der Zeit her­aus­ge­stellt und ver­än­dert sich immer noch. Im Prin­zip waren die­ser Arguem­ta­ti­ons­li­nie fol­gend, die ers­ten Akkus­tik­kopp­ler und Modem der Ver­such die Über­tra­gung von Tönen zur Über­tra­gung von digi­ta­len Daten umzunutzen.

Kau­sa­li­stä­ten

Mein Lieb­lings­satz aus dem Buch ist:

Das Apriori der medien als tran­szen­den­ta­ler Bedin­gun­gen der Mög­lich­kei­ten, wel­che sie erst eröff­nen, ist auch die Grund­lage des medi­en­tech­ni­schen Deter­mi­nis­mus — der das Apriori dann jedoch in unfrei­wil­li­ger, vul­gär­mar­xis­ti­scher Nai­vi­tät als ein Kau­sal­ver­hält­nis miß­deu­tet und die not­wen­dige Bedin­gung deu­tet.“ (Seite 57)

Es ist nicht nur mein Lieb­lings­satz, weil er so wun­der­bar intel­lek­tua­lis­tisch for­mu­liert ist, son­dern auch des­we­gen, weil so viel Wah­res darin steckt: Das Inter­net bewirkt nicht den gesell­schaft­li­chen, den wirt­schaft­li­chen oder poli­ti­schen Wan­del — Das Inter­net wird zur Wand­lung von Gesell­schaft, Wirt­schaft und Poli­tik genutzt. Natür­lich bie­tet das Inter­net über­haupt erst das tech­ni­sche Poten­tial für par­ti­zi­pa­tive Medi­en­nut­zung — Die Nut­zung die­ses Poten­ti­als ist aber nicht zwingend.

Medi­en­phi­lo­so­phie

Beson­dere Kraft ent­fal­tet das Essay, wenn es die Phä­no­mene des Web 2.0 in den phi­lo­so­phi­schen Zusam­men­hang zwi­schen Kant, Hegel, oder Haber­mas stellt. Dann bekommt die Dis­kus­sion eine Tiefe, die sie sonst eher sel­ten hat.

Emer­genz digi­ta­ler Öffent­lich­kei­ten. Die Sozia­len Medien im Web 2.0″ ist der wich­tigste Bei­trag zur Debatte über das Inter­net als Öffent­lich­keit mit poli­ti­scher und gesell­schaft­li­cher Wir­kung, der mir in letz­ter Zeit über den Weg gelau­fen ist. Das 130 Sei­ten lange Bänd­chen wen­det sich aber nicht nur an „Digi­tal Natives“ — Man muss nicht über einen Account bei Twit­ter, Face­book und Wave ver­fü­gen, um ihn zu ver­ste­hen. Für Digi­tal Nati­ves könnte es des­we­gen unter Umstän­den zwi­schen­zeit­lich lang­at­mig erscheinen.

Emer­genz digi­ta­ler Öffent­lich­kei­ten. Die Sozia­len Medien im Web 2.0″ von Ste­fan Mün­ker ist im Suhrkamp-​Verlag erschie­nen und kos­tet 10,- Euro.

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