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Lesetipp

Deutsch­land Drit­ter Klasse

 
Julia Friedrichs - Deutschland Dritter Klasse

Montag, 25. Mai 2009

Nach „Ges­tat­ten: Elite“ geht es in Julia Friedrichs zweitem Buch um das andere Ende der Gesellschaft: Um die Abge­hängten, die Aus­gestoße­nen, die Ver­lierer. Eine Bilanz nach drei Jahren Hartz IV.

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Als Peter Hartz damals seine Pläné für den Umbau des Sozial­sys­tems an den dama­li­gen Kan­zler Schröder übergab, beze­ich­nete er den Tag, als schö­nen Tag für alle Arbeit­slosen. Zu dieser Zeit entschlossen sich auch Julia Friedrichs und ihre Mitau­toren Eva Müller und Boris Baumholt, hin­ter die Zahlen zu schauen. Sie woll­ten die Betrof­fe­nen besuchen, mit ihnen sprechen und sehen, was sie bewegt. Her­aus­gekom­men ist dabei eine pack­ende Reportage, die das abstrakte Bild von „den Arbeit­slosen“ auflöst und wahre Schick­sale erah­nen lässt.

Da sind die Schüler der Frö­belschule in Wat­ten­scheid. Die Schule wurde bekannt als die „Hartz IV Schule“, weil der Rek­tor beschloss, seine Schüler auf ihre Zukunft vorzu­bere­iten. In dem Fall der Förder­schüler bedeutete das: „Wie komm ich mit Hartz IV klar?“ und „Wie bekomm ich mein arbeit­sloses Leben sin­nvoll rum?“.

Die Schüler, die auf eine Förder­schule wie die Frö­belschule kom­men, erfahren zum Teil ab der ersten Klasse, dass sie nie „etwas“ sein wer­den. Sie wer­den nie einen Job haben, sich nie hochar­beiten und nie ein Haus oder ein Auto haben.

Leicht lässt es sich über „die Arbeit­slosen“ reden, wenn sie kein Gesicht und keine Geschichte haben. Wenn man nur das schmud­delige Pärchen auf dem Apricot-​Sofa in der RTL-“Doku-​Soap“ sieht. Dort dür­fen sie die Assi-​Familie miemen, den die biedere Haus­frau oder die all­wis­sende Erzieherin den Marsch bläst.

In „Deutsch­land Drit­ter Klasse“ bekom­men sie eine Geschichte. Eine Geschichte von Rückschlä­gen und von Chan­cen­losigkeit. Die Autor überlassen aber die meis­ten Schlüsse dem Leser und bei dem entsteht der Ein­druck, dass hier etwas gehörig schief läuft. Und das was das schiefläuft hat wenig zu tun mit Hartz IV Regel­sätzen, mit 50 Euro mehr oder weniger. Es geht darum, dass hun­dert­tausende Deutsche am Rande der Gesellschaft leben. Sie haben keine Möglichkeit einer respek­tierten Tätigkeit nachzuge­hen. Dabei ist dieses Schick­sal sicher härter als jeder 40 Stunden-​Job.

Julia Friedrichs und ihre Mitau­toren besuchen über Jahre immer wieder ver­schiedene Fam­i­lien in Ost und West, eine Geschichte von Auf­stieg kön­nen sie nicht erzählen. Ein einziger Erfolg geht direkt auf ihre Reportage zurück – eine der Frö­belschü­lerin­nen bekommt nach einem Fernse­hbericht ein Ange­bot für eine Aus­bil­dung. Alle anderen, um die es in dem Buch geht, sind am Ende schlim­mer dran als zu Anfang.

Auch wenn die drei Autoren ihre Arbeit schon vor einige Jahren began­nen, kommt das „Deutsch­land Drit­ter Klasse“ zur rechten Zeit, wenn es im Zuge der Wirtschaft­skrise jetzt darum geht, den Gesellschaftsver­trag neu zu verhandeln.

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Kommentare



  • HartzVI

     
    gravatar
    unionsbuerger

    26. Mai 2009

    Wir haben nur noch eine Möglichkeit, den Rest unseres Sozial­sys­tems zu ret­ten: für die Linke wählen.

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