kaffeeringe.de - Internet und Kreativität

startseite | bilder | abonnieren

Holzschnitt von Piratin Mary Read, wikicommons

UrheberrechtDas ungelöste Problem

Montag, 25. Januar 2010

Die Musikin­dus­trie hat ger­ade mal wieder die Diskus­sion um die „Kul­tur­fla­trate“ befeuert, indem sie “10 The­sen gegen eine Kul­tur­fla­trate“ veröf­fentlichte. Die Kul­tur­fla­trate sei eine „Kapit­u­la­tion der Poli­tik vor der Kom­plex­ität des Urhe­ber­rechts in der dig­i­talen Welt“. Tat­säch­lich trifft das ins Schwarze: Urhe­ber­rechts in der dig­i­talen Welt ist wesentlich kom­plexer als in der physis­chen Welt — dieses Prob­lem löst aber auch das Posi­tion­spa­pier nicht. 

ornament

Ich hatte eine gute Idee. Die Idee gehört mir und darf von nie­mand anderem benutzt werden.“ 

Auch wenn diese Denkweise nur allzu men­schlich ist — sie war nicht der Grund für die Ein­führung des ersten Copy­rights im Eng­land des frühen 18. Jahrhun­dert. Viel mehr ging es darum, dass es sich angemessen lohnen sollte, Bücher zu schreiben. Einem Autor wurde dann für eine bes­timmte Zeit das alleinige Recht zum Kopieren gewährt: 

for the encour­age­ment of learned men to com­pose and write use­ful books“ — Statute of Anne

Das Copy­right war damit ein Kom­pro­miss, der für zwei Dinge sor­gen sollte: 

  1. Es sollte genü­gend gelehrte Men­schen geben, die es sich leis­ten kön­nen Bücher zu schreiben. Leis­ten kön­nen sie sich das, wenn sie an ihren Werken ver­di­enen. Ver­di­enen kön­nen sie am besten, wenn sie ein Monopol haben.
  2. Das Wis­sen, das in den Bücher steht, sollte möglichst vie­len Men­schen zur Ver­fü­gung ste­hen. Das geht am Besten, wenn die Bücher möglichst bil­lig sind. Möglichst bil­lig sind Bücher, wenn sie jeder kopieren darf.

Also beka­men die Autoren für 14 Jahre ein Monopol — danach wur­den die Bücher geme­in­frei und durften von jedem kopiert wer­den, denn ins­ge­samt prof­i­tiert die Gesellschaft davon, wenn sich Wis­sen schnell ver­bre­itet. Deswe­gen dür­fen zum Beispiel Schule und Uni­ver­sitäten für Lehrzwecke so viel kopieren, wie sie müssen.

Von dieser Denkweise hat sich das aktuelle Recht ziem­lich entkop­pelt: 70, 80, 90 Jahre und über den Tod der Kreativen hin­aus sind die Werke geschützt und ste­hen der Gesellschaft nicht zur freien Weit­er­en­twick­lung zur Ver­fü­gung. Zum großen Teil wer­den die Rechte nicht ein­mal wahrgenom­men: Bücher wer­den nicht mehr gedruckt, CDs nicht mehr gepresst. Und obwohl es keine legale Möglichkeit des Erwerbs gibt, dür­fen solche Werke nicht frei kopiert werden. 

Stand­ing on the Shoul­ders of Giants

Dazu kommt, dass der Begriff des „geisti­gen Eigen­tums“ und der damit immer wieder zitierten „Enteig­nung“ den Blick darauf versperrt, wofür der Schutz eigentlich dienen sollte. Wer geistiges Eigen­tum teilt hat hin­ter kein bißchen weniger als vorher. Im Gegen­teil: Es müsste eigentlich im Inter­esse jedes Kün­stlers sein, wenn seine Ideen möglichst weite Ver­bre­itung finden. Immer­hin ist nie­mand ein Orig­i­nal­ge­nie und bezieht immer Inspi­ra­tion aus den Ideen Anderer. Der möglichst bre­ite Zugang zu den Ideen der Anderen fördert also auch den Fortschritt.

Die pri­vate Kopiermaschine 

Und noch etwas hat sich sei­ther verän­dert: Vor der Dig­i­tal­isierung war es nötig Ideen in Arte­fakte zu fassen, um sie verteilen zu kön­nen. Die Idee, zum Beispiel ein Roman, wurde in Bücher gedruckt. Diese Bücher waren die einzige Möglichkeit, einen Roman über das ganze Land zu verteilen und diese Bücher waren der einzige Zugang zu dem Roman — der Idee. Allein dieses Sys­tem pro­duzierte Kosten: Papier, Tinte, Druck­maschi­nen, Drucker, Trans­port, Verkauf kosteten Geld, das wiederum aus sicht der Her­steller auf den Preis der Bücher aufgeschla­gen wurde. Aus Sicht der Käufer wurde auf den Preis der Bücher ein Anteil für den Autor aufgeschlagen. 

Für Musik und Texte zum Beispiel fällt das Prob­lem der Dis­tri­b­u­tion heute kom­plett weg: Das Werk wird ins Inter­net gestellt und jeder erstellt sich seine eigene Kopie in dem Moment des Abrufes. Das eröffnet unbekan­nten Autoren ein glob­ales Dis­tri­b­u­tion­snet­zw­erk für lau.Und ist es nicht großar­tig, dass man zum Beispiel bei Google Books in Zukunft inner­halb von Sekun­den alle Bücher, die je gedruckt wur­den, durch­suchen kann? (Da stellt sich eher die Frage, ob Google der einzige Anbi­eter dafür sein sollte.)

Der Geist der Queen Anne 

Vieles, was zur Zeit disku­tiert wird, pen­delt vor allem zwis­chen dem Selb­ster­hal­tungstrieb der einst großen Dis­trib­u­toren (Labels, Ver­lage) und dem Vor­wurf des­sel­ben. Die einen wollen ihren Job behal­ten und die anderen wer­fen jedem vor, der nicht für die absolute Frei­heit im Netz plädiert, Hand­langer der Indus­trie oder gestrig zu sein. 

Annes Antwort war damals ein kurzzeit­iges Monopol auf die Verteilung. Das kann es, muss es aber nicht im 21. Jahrhun­dert sein. Eine Kul­tur­flate ist ver­mut­lich tat­säch­lich nicht prak­tik­a­bel. Und die meis­ten anderen Ideen sind oft nur für bes­timmte Kun­st­for­men passend. Ja, Musiker kön­nen Konz­erte geben. Autoren kön­nen aber gar nicht so viele Lesun­gen ver­anstal­ten, wie sie müssten, um die Ein­nah­men aus dem Buchverkauf zu kom­pen­sieren. Und die Frage ist, ob es überhaupt einen genü­gend großen Markt für Konz­erte gibt. Wie viele Konz­erte kann man sich pro Woche anschauen? Wieviele leis­ten? Gibt es genü­gend Auftrittsmöglichkeiten? 

Es muss aber ein neues Gle­ichgewicht zwis­chen freier Verteilung und dem Einkom­men der Kreativen geben. Es ist keine angemessene Antwort zu sagen: Weil man es leicht kopieren kann, müssen sich die Kün­stler eben neue Geschäftsmod­elle überlegen. Das ist eine gesellschaftliche Frage und keine mark­twirtschaftliche. Kün­stler tun etwas, von dem wir gerne wollen, dass sie es weiter tun. Und unsere Gesellschaft muss es schaf­fen einer genü­gend großen Menge den Rücken finanziell so frei zu hal­ten, dass sie weiter kreativ sein kön­nen. 

Immer wieder gibt es Beispiele für span­nende Ideen, mit denen einzelne Kün­stler oder Bands tat­säch­lich Geld auf neuen Wegen ver­di­enen. Was wir aber brauchen, ist ein „Sys­tem“, das für eine genü­gend große Gruppe Kün­stler funk­tion­iert und rel­a­tiv unkom­pliziert ist. 

Links

Bild: Holzschnitt von Piratin Mary Read, wiki­com­mons

Weitere Artikel

» Zurück zur Übersicht


Kommentare



Einen Kommentar hinzufügen





 

Werbefreies Blog

Steffen Voß | Steinstraße 5 | 24118 Kiel
Tel.: +49 431 88 88 683
E-Mail: kontakt@kaffeeringe.de
Skype: steffenvoss
Jabber: kaffeeringe@jabber.ccc.de
ICQ: 447639251