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Empörung über Amazon: Der Wert einer inkonsequenten Haltung

Dollars
Dollars | Foto: Bestimmte Rechte vorbehalten von 401(K) 2013
Steffen Voß

Die Wel­len schla­gen hoch bei Ama­zon. Nach einer Repor­tage der ARD über die Arbeits­be­din­gun­gen bei dem Ver­sand­ser­vice, beschwe­ren sich Kun­den vor allem über die Facebook-Seite von Ama­zon. Es gibt aber auch Stim­men, die das alles für schein­hei­lig hal­ten. Die Ver­hält­nisse bei Ama­zon seien nur Ergeb­nis der unkri­ti­schen Kon­sum­hal­tung der Kund­schaft und im Übri­gen sei es in China viel schlim­mer. Das ist natür­lich Quatsch.

Die gän­gige Argu­men­ta­ti­ons­li­nie der Kri­ti­ker lässt sich in etwa mit dem Tweet von Wolf­gang Unglaub zusammenfassen:

„Nied­lich: Leute, die in Zalando-Schuhen und KiK-Jogginghose auf der IKEA-Couch mit dem iPhone kri­ti­sche Berichte über Ama­zon schreiben…“

Natür­lich haben Kon­su­men­ten eine Ver­ant­wor­tung. Denn es gibt drei Fak­to­ren, die ethi­sches Ver­hal­ten in der Wirt­schaft sicher stel­len sollen:

  1. Gesetze
  2. Kri­ti­sche Kon­su­men­tin­nen und Konsumenten
  3. Unter­neh­men als Cor­po­rate Cititzen

Das ist ein Sys­tem, das immer Lücken hat: Unter­neh­men haben oft zumin­dest kurz­fris­tig Vor­teile von unethi­schem Ver­hal­ten. Kun­den wis­sen nicht immer alles und sie haben ihre eige­nen Vor­teile von unethi­schem Ver­hal­ten und die Gesetze lau­fen Pro­ble­men immer hin­ter­her — ich habe das ein­mal in dem dem Arti­kel „Das mora­li­sche Drei­eck“ beschrie­ben. Dort zitiere ich den Wirt­schafts­ethi­ker Peter Ulrich zum Thema „Wirtschaftsbürger“:

„Der Kern des repub­likanis­chen Wirtschaft­sethos besteht in der prinzip­iellen Bere­itschaft des Bürg­ers, seine pri­vaten Inter­essen nicht voraus­set­zungs– und rück­sicht­s­los zu ver­fol­gen, son­dern den pri­vaten Erfolg oder Vor­teil nur unter der Bedin­gung sei­ner Legit­im­ität im Lichte der Prinzip­ien einer wohlge­ord­neten Gesell­schaft freier und gle­icher Bür­ger erre­ichen zu wollen.“

Grund­lage dafür ist aber die Infor­ma­tion über die Pro­dukte. Ich muss wis­sen, wie ein Pro­dukt her­ge­stellt und aus­ge­lie­fert wurde, um meine Ent­schei­dun­gen tref­fen zu kön­nen. Bei Ama­zon waren bis­her vor allem bekannt, was das Unter­neh­men auf ihren Pro­dukt­sei­ten zur Ver­fü­gung stellt: Die Wer­bein­for­ma­tio­nen zu den Pro­duk­ten, der Preis und Kun­den­be­wer­tun­gen, die sich aber  auch direkt auf die Pro­dukte bezo­gen. Auf Basis die­ser Infor­ma­tio­nen war es oft sinn­voll, bei Ama­zon zu kau­fen. Wenn Ama­zon dar­auf hin­ge­wie­sen hätte, dass es dafür Men­schen im Aus­land shang­hait, in Bara­cken sperrt, in Busse pfercht und von Nazis bewa­chen lässt, wären auch schon vor­her Kun­den zu ande­ren Ent­schei­dun­gen gekommen.

Es ist nicht so, als hätte auch nur ein ein­zi­ger Kunde von Ama­zon ver­langt, scheiße zu sei­nen Mit­ar­bei­tern zu sein. Das war die freie Ent­schei­dung des Unter­neh­mens. Ama­zon hat sich dafür ent­schie­den, die Mit­ar­bei­ter über Leih­ar­beits­fir­men zu enga­gie­ren und sich sonst nicht wei­ter zu küm­mern. Wenn man Ama­zon damit durch­kom­men lässt, ist das struk­tu­rierte Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit. Schuld wäre dann nur die klei­nen Fische: Der Frei­zeit­park, der die Nazi-Aufseher enga­giert hat. Und daran ver­die­nen nur die gro­ßen: Amazon.

Nun konnte man auch vor­her wis­sen, wes Geis­tes Kind die­ser Kon­zern ist. Open-Source-Guru Richard Stall­man sam­melt schon län­ger Gründe, nicht bei Ama­zon zu kau­fen. Aber erst die ARD Repor­tage hat einen Teil die­ser Argu­mente für viele Men­schen bekannt gemacht. Men­schen sind kom­plexe Geschöpfe und Ver­nunft spielt in unse­ren Hand­lun­gen eine viel gerin­gere Rolle, als wir oft mei­nen. Dazu kommt, das wir in einer kom­ple­xen Welt leben und viele Kon­sum­entschei­dun­gen nicht ein­fach sind, wenn wir die ver­schie­de­nen ethi­schen Aspekte abwä­gen müs­sen. Wir ver­drän­gen diese Aspekte gele­gent­lich und wir igno­rie­ren sie manch­mal. Meis­tens aber ken­nen wir viele Fak­ten gar nicht. Und oft spielt das Geld einen limi­tie­ren­den Fak­tor. Wenn man uns aber fragt, hät­ten wir gerne, dass nie­mand für unsere Pro­dukte lei­den muss und dass auch die Natur geschont wird. Eine inkon­se­quente Hal­tung ist bes­ser als gar keine Hal­tung. Das ist der Auf­trag für die Unternehmen.

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