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Mobilität: Unsere abgefahrene Zukunft

Google Auto
Google Auto | Foto: Bestimmte Rechte vorbehalten von ScottSchrantz
Steffen Voß

Vor 10 Jahren hatte sich Kiel gemein­sam mit Ham­burg um die Olymp­is­chen Spiele bewor­ben. Spätestens seit damals geis­tert die Idee einer Stadtre­gion­al­bahn durch die Stadt. Als eine der let­zten Städte hatte Kiel erst 1985 die let­zte Straßen­bahn­strecke eingestellt. Hier und da finden sich immer noch Schienen im Stadt­ge­biet. Doch ist die Eisen­bahn — eine Tech­nolo­gie aus dem 19. Jahrhun­dert — für den öffentlichen Per­so­nen­nahverkehr (ÖPNV) eigentlich wirk­lich noch auf der Höhe der Zeit?

Ich habe mir zur Zeit ein Auto aus­geliehen: Einen 1991er Audi 80. Dem habe ich erst ein­mal eine Hal­terung für mein Smart­phone spendiert — für Musik und Nav­i­ga­tion. Dank der Nav­i­ga­tion von Google finde ich über­all ziem­lich unkom­pliziert hin. Das Navi leitet mich bei Stau sogar unaufge­fordert auf schnellere Neben­strecken um. Wenn mir allerd­ings eine Com­put­er­stimme sagt, wie ich mich einord­nen und wo ich abbiegen soll, wenn vor und hin­ter mir andere Autos bes­tim­men, wie schnell ich fahren kann und die Automatik auch noch das Schal­ten übern­immt, habe ich genü­gend Zeit, darüber nachzu­denken, warum ich über­haupt noch irgend­was machen muss. Wenn das Tele­fon so genau weiß, wo ich lang soll und die Her­aus­forderung nur noch darin besteht, den richti­gen Abstand zum Vor­der­mann zu hal­ten, kann das das Tele­fon doch auch gle­ich selbst machen.

Bei Google hat sich das wohl auch jemand gedacht, als der US–Konz­ern im Jahr 2010 sein Pro­jekt für fahrerlose Autos vorstellte. Nein, eigentlich ging es Google wohl um die Fehler, die Men­schen beim Fahren begehen:

Accord­ing to the World Health Orga­ni­za­tion, more than 1.2 mil­lion lives are lost every year in road traf­fic acci­dents. We believe our tech­nol­ogy has the poten­tial to cut that num­ber, per­haps by as much as half.”

Mit­tler­weile ist man bei Google weit gekom­men: Nevada und Kali­fornien wollen fahrerlose Autos auf den Straßen erlauben. Die Test­fahrzeuge sind inzwis­chen hun­dert­tausende Kilo­me­ter ohne Unfall gefahren.

Car-Sharing und mod­ernes Mitfahren

In der Zwis­chen­zeit übt die Gesellschaft neue Möglichkeiten, Ressourcen gemein­sam zu nutzen: Unter dem Stich­wort “Col­lab­o­ra­tive Con­sump­tion” wird der alte Genossen­schafts­gedanke neu belebt und mit den Möglichkeiten des Inter­nets erweit­ert. Tamyca heißt zum Beispiel ein Ser­vice, bei dem Autobe­sitzer ihren Wagen pri­vat ver­mi­eten kön­nen. Dort kön­nen Suchende leicht ein Fahrzeug in der Umge­bung finden und es nach einem stan­dar­d­isierten Ver­fahren mieten. Dabei ist das Auto speziell ver­sichert. Beide Seiten müssen sich um wenig selbst küm­mern. flinc hat sich vorgenom­men, die Mit­fahrzen­trale zu rev­o­lu­tion­ieren: Ein eigenes Nav­i­ga­tion­ssys­tem bietet dem Fahrer eines Autos Mit­fahrer an. Nimmt der Fahrer eine Fahrt an, wird seine Route so geän­dert, dass er den Mit­fahrer abholt und an seinem Ziel absetzt. Flinc rech­net dazu noch den Preis für die Mit­fahrt aus. Am Münch­ner Flughafen testet die Firma FLS eine Kombitaxi-Lösung, die die Routen von Taxis so kom­biniert, dass möglichst viele Fahrgäste möglichst effizient an ihr Ziel kommen.

Denkt man das zusam­men mit dem Konzept von fahrerlosen Autos, kommt man auf ganz andere Möglichkeiten der Fort­be­we­gung: ÖPNV müsste sich nicht mehr ent­lang fes­ter Strecken bewe­gen. Die Fahrzeuge müssten nicht mehr an fes­ten Hal­testellen hal­ten. Eine flotte automa­tis­cher Fahrzeuge mit ver­schiedenem Fas­sungsver­mö­gen und Trans­port­möglichkeiten kön­nte autonom durch die Stadt navigieren. Die Fahrgäste müssten nur in ihrem Smart­phone ein­stellen, von wo nach wo sie fahren wollen und ob sie Gepäck haben. Dann bekä­men sie sekun­den­ge­nau angezeigt, wann das näch­ste Fahrzeug sie mit­nehmen könnte.

Zukun­ftsmusik?

Selb­st­fahrende Autos klin­gen nach Sci­ence Fic­tion? Soll­ten wir nicht eigentlich schon im Jahr 2000 mit fliegen­den Autos durch die Gegend brausen? Ich glaube, dass selb­st­fahrende Autos schneller kom­men, als wir uns das vorstellen können:

  1. Die Tech­nik funk­tion­iert schon heute ziem­lich gut. Nicht nur Google ist soweit, auch BMW, Mer­cedes, Volvo und GM sind soweit. Sogar ein Volk­swa­gen fährt schon länger im Braun­schweiger Stadtverkehr. Die Tech­nik muss jetzt nur noch hüb­scher ver­packt werden.
  2. Die Tech­nik funk­tion­iert auch gemein­sam mit vorhan­dener Tech­nik: Das Konzept geht nicht davon aus, dass alle Autos mit gle­icher Tech­nolo­gie aus­ges­tat­tet sein müssen. Die Autos müssen nicht miteinan­der kom­mu­nizieren, um einan­der aus dem Weg zu gehen. Sie kön­nten es aber. Und dann wäre die Tech­nik noch sicherer. Selb­st­fahrende Autos kön­nen gemein­sam mit nor­malen Autos die gle­ichen Straßen benutzen. Sie benöti­gen keine geson­derte Infra­struk­tur — ein Fak­tor, der zum Beispiel bei den Antrieben von Gas, Wasser­stoff bis Elek­triz­ität ein großer Hemm­schuh ist und dafür sorgt, dass sich diese Tech­nolo­gien wegen man­gel­nder Tankmöglichkeiten nur langsam durch­setzt. Selb­st­fahrende Autos benöti­gen keinen Net­zef­fekt. Andere Fahrzeugtech­nolo­gien, die eben­falls keinen Net­zw­erk­ef­fekt benöti­gen, wie zum Beispiel der Katalysator haben sich auch viel schneller durchgesetzt.
  3. Einen weit­eren Fak­tor beschreibt Neil McGuigan in seinem Blog-Artikel: Der Preis einer Autover­sicherung hängt davon ab, wie hoch die Kosten in der Sta­tis­tik für die Ver­sicherun­gen sind. Ein Auto­typ, der prak­tisch keine Unfälle hat, wird unglaublich bil­lig sein. Ger­ade für den kom­merziellen Ein­satz ist das ein wichtiger Faktor.
  4. Der kom­merzielle Bere­ich wird auch davon prof­i­tieren, dass keine Fahrer mehr benötigt wer­den und diesen Vorteil nutzen wollen.
  5. Es ist poli­tisch gewollt, dass wir keine älteren Autos fahren. Seit der Umwelt­prämie gel­ten Autos mit 9 Jahren als alt. In ca. 10 Jahren wer­den also prak­tisch alle Autos ein­mal ausgetauscht.
  6. Für Elek­troau­tos ist es per­fekt, wenn sie vol­lau­toma­tisch fahren: Sie kön­nen Strecken selb­st­ständig so pla­nen, dass sie regelmäßig geladen wer­den und dann so energies­parend wie möglich fahren. Auch Elek­troau­tos sind poli­tisch gewollt.

Ich fänd das sehr begrüßenswert. Neil McGuigan rech­net vor: Zur Zeit ste­hen Autos 90% ihrer Zeit in der Gegend herum. 50% der Stadt­flächen sind zur Zeit für den Verkehr reserviert. Ein Großteil davon für den “ruhen­den Verkehr”. Wür­den die automa­tis­chen Autos gemein­schaftlich zumin­d­est zu 60% aus­genutzt, kön­nte man 84% der Autos eins­paren. Ide­al­er­weise müssten Autos nur noch in Randzeiten zum Beispiel nachts ste­hen. Sonst kön­nten sie ständig Men­schen und Güter trans­portieren. Das muss übri­gens nicht bedeuten, dass alle Men­schen in den gle­ichen, gle­ich­för­mi­gen Dosen durch die Stadt rollen. Für die einen ist es sicher gün­stiger in automa­tis­chen Bussen zu fahren und andere kön­nen sich in chi­cen Fahrzeu­gen, einzeln chauffieren lassen. Und sicher kann man auch noch sein eigenes Fahrzeug haben. Aber es wird sich immer weniger lohnen. Bei aller Liebe für Straßen­bah­nen: Ich halte das auf jeden Fall für die real­is­tis­chere Vision als ein öffentlich finanziertes Großpro­jekt, das ver­sucht Schienen quer durch die belebtesten Teile einer Stadt zu legen.

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Kommentare

  1. Karsten Wenzlaff:

    Hallo Stef­fen,

    sehr schöner Blog­post. Wir machen auf der Social Media Week ein Panel zum Thema Crowd­sourc­ing und Mobil­ity. Eigentlich wäre es toll, dich da auch auf dem Panel zu haben — kön­ntest Du Dir nicht vorstellen, nach Berlin zu kom­men? Fahrtkosten und so kön­nen wir lei­der nicht bezahlen…

    Lg

    Karsten

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