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Collaborative Consumption: Haben Sie mal ne Bohrmaschine?

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Steffen Voß

„Nur 12–15 Minu­ten läuft eine durch­schnitt­li­che Bohr­ma­schine wäh­rend ihrer gesam­ten Lebens­dauer“, erklärt Rachel Bots­man beim TEDx­Syd­ney und stellt die berech­tigte Fra­gen, warum man eine eigene Bohr­ma­schine braucht, wenn man eigent­lich nur Löcher will. Ihre Lösung nennt sie „Col­la­bo­ra­tive Con­sump­tion“ — Zu Deutsch in etwa „gemein­schaft­li­che Nut­zung“. Mit die­sem Thema hatte sich auch Chris­tof Ort­mann beim Web­Mon­tag im Juni aus­ein­an­der gesetzt und das Thema zur Dis­kus­sion gestellt.

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Im Prin­zip gehen die Fans von Col­la­bo­ra­tive Con­sump­tion davon aus, dass dank des Inter­nets, nicht mehr jeder alles selbst besit­zen muss. Es reicht, wenn jeder sein Hab und Gut per Inter­net zur Ver­fü­gung stellt. Auf einer Platt­form kann man einer Bohr­ma­schine in der Umge­bung suchen, die Über­gabe pla­nen und mich ver­si­chern, dass alle Teil­neh­mer der Trans­ak­tion ordent­lich mit den Gegen­stän­den umge­hen. Als Eigen­tü­mer der Bohr­ma­schine kann ich dann, die Bewer­tun­gen des Aus­lei­hen­den sehen und ent­schei­den, ob ich die Maschine ver­leihe. Wer von ande­ren Teil­neh­mer für unzu­ver­läs­sig gehal­ten wird, fällt aus dem Sys­tem und wer neu ist, bekommt viel­leicht nicht direkt mei­nen Fer­rari geliehen.

Kom­plett neu ist das natür­lich nicht — das haben wir auch wäh­rend der Dis­kus­sion festgestellt:

Im Prin­zip ist eine arbeits­tei­lige Welt Col­la­bo­ra­tive Con­sump­tion: Ein aus­ge­las­te­ter Zulie­fe­rer ist in vie­ler­lei Hin­sicht güns­ti­ger als der eigene, nicht aus­ge­las­tete Maschi­nen­park. Neu ist eigent­lich nur, dass man die­ses Prin­zip jetzt auch auf den Bereich des Pri­va­ten (über die nor­male Nach­bar­schafts­hilfe hin­aus) aus­wei­ten kann.

Die Frage ist aller­dings, ob man sich da wirk­lich drauf ein­las­sen will. Natür­lich ner­ven die gan­zen Sachen, die man gerade nicht braucht. Und die Bohr­ma­schine nimmt Platz weg und ver­schwen­det Res­sour­cen, weil man sie so sel­ten benutzt und dann fast unge­nutzt und den­noch kaputt ent­sorgt. Will man aber aber für einen akut benö­tig­ten Gegen­stand recher­chie­ren, wo man ihn lei­hen kann, ein Tref­fen aus­ma­chen, den Gegen­stand abho­len, und ihn dann irgend­wann zu einer ver­ab­re­de­ten Zeit wie­der abge­ben. Und wenn er kaputt geht, strei­tet man sich drum, wer Schuld ist — Das alles für einen Gegen­stand, für den ich ein­mal im Leben 50,- EUR bezahle und dann immer habe?

Ich glaube, dass das Peer-to-Peer Prin­zip alte, ohne­hin erfolg­rei­che Sys­teme ver­bes­sert. Flinc ist eine bes­sere Mit­fahr­zen­trale als frü­here. Ebay ist bes­ser als der Klein­an­zei­gen­teil in der Zei­tung. Und viel­leicht kön­nen Plat­for­men wie tamyca durch gere­gelte Abläufe und gemein­same Ver­si­che­rung ver­ein­fa­chen, Autos pri­vat zu ver­lei­hen. Das Gleich gilt für Woh­nun­gen, die kurz­zeit­ver­mie­tet werden.

Skep­tisch bin ich aber, ob sich das Lei­hen in der Breite durch­setzt. Die von Rachel Bots­man erwähn­ten Bücher, CDs und Filme wer­den ver­mut­lich ohne­hin größ­ten­teils digi­tale über das Inter­net genutzt und benö­ti­gen kei­nen Raum mehr. Was für mich vom Kon­zept „Col­la­bo­ra­tive Con­sump­tion“ zur Zeit übrig bleibt, ist die immer gute Idee, dass man mehr gemein­sam machen sollte und die Frage, ob ich wirk­lich alles selbst besit­zen muss.

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Kommentare

  1. Dirks:

    ich bin da etwas skep­tisch. Eigen­tum und bloße Nut­zungs­mög­lich­keit sind unter­schied­li­che Dinge und des­halb ist es mE auch nur sehr theo­re­tisch mög­lich, das eine durch das andere zu ersetzen.

    Ich meine — Warum bauen Men­schen eigent­lich Häu­ser, obwohl es in der Regel weder not­wen­dig noch sinn­voll ist und man auch mie­ten kann? (..sicher idR nicht als sinn­volle Geld­an­lage, das wol­len Euch nur die Gehirn­wasch­an­la­gen bei der Bank erzählen).

    Warum kau­fen sich Men­schen teure Neu­wa­gen, die die Hälfte ihres Wer­tes schon auf dem Weg zur Zulas­sungs­stelle einbüßen?

    Wieso bloß schaf­fen sich immer mehr Leute über­teur­tes Technik-Spielzeug von Apple oder mei­net­we­gen Hutschenreuther-Porzellan an, obwohl das wirt­schaft­lich nicht den gerings­ten Sinn macht?

    Weil es etwas „ande­res“ ist, eine Sache benut­zen zu dür­fen als sie zu besit­zen. Dabei ist die jeder­zei­tige Ver­füg­bar­keit noch zu ver­nach­läs­si­gen. Es spie­len bei so gut wie allen Gegen­stän­den — und zwar auch bei: Bor­ma­schi­nen, Kaf­fe­au­to­ma­ten, Rasen­mä­hern und Span­nungs­prü­fungs­ge­rä­ten usw. — affek­tive Gesichts­punkte, Sta­tus, Samm­ler­trieb und ande­res eine wich­tige Rolle.

    Homer behält Neds gelie­he­nes Zeug ja auch nicht des­halb, weil er stän­dig den Rasen mähen oder Löcher boh­ren muss.

  2. Steffen Voß:

    Ich glaube, die Leute, die ihr Sein über Haus, Auto, Por­zel­lan defi­nie­ren, sind nicht die Leute, die von Col­la­bo­ra­tive Con­sump­tion ange­spro­chen wer­den — das Thema zieht ja durch­aus Men­schen an. Und wie gesagt: Es gibt ja auch Leute, die sich seit jeher für genos­sen­schaft­li­che Lösun­gen einsetzen.

  3. Chris:

    „Warum kau­fen sich Men­schen teure Neu­wa­gen, die die Hälfte ihres Wer­tes schon auf dem Weg zur Zulas­sungs­stelle einbüßen?“

    Die Frage geht genau in die rich­tige Rich­tung. Unser Ver­hal­ten ist nicht immer beson­ders ratio­nal gesteu­ert. Und sofern es nur um die Frage geht, was ich mit dem Geld anstelle, dass in mei­ner Woh­nung ver­staubt, hilft Col­la­bo­ra­tive Con­sump­tion sicher nicht wei­ter. Klar ist es immer ein­fa­cher und v.a. beque­mer Dinge zu besit­zen und unein­ge­schränkt zur Ver­fü­gung zu haben, als sie zu tei­len und gemein­sam zu nutzen.

    Das Thema Col­la­bo­ra­tive Con­sump­tion hin­ter­fragt unser beste­hen­des (Über-)Konsumverhalten. Durch die gemein­same Nut­zung von Din­gen lässt sich nicht nur Geld spa­ren — es wer­den z.B. auch Res­sour­cen ein­ge­spart und damit die Umwelt geschont. Viel­leicht ent­steht dadurch mehr sozia­les Mit­ein­an­der. Schön dar­ge­stellt wird die Idee auf die­ser Gra­fik:
    http://www.collaborativeconsumption.com/spreadables_downloads/CC_Spreadables_Charts/CC_Chart_The_Complete_Picture.gif

    In wel­chen Berei­chen sich das durch­setzt wird sich zei­gen. Ich fahre auch keine 10km Fahr­rad um mir eine CD aus­zu­lei­hen.…
    Aber ich finde es eine gute Anre­gung seine Bequem­lich­keit in der ein oder ande­ren Hin­sicht zu über­den­ken. Und dank der Ver­knüp­fung mit der digi­ta­len Welt ist das in vie­len Berei­chen ziem­lich ein­fach möglich.

  4. Nachhaltigkeit: Jedes Jahr ein neues iPhone:

    […] hat und mit dem ein­ge­bau­ten 56K Modem will heute nie­mand mehr sur­fen. Da hilft auch kein Col­la­bo­ra­tive Con­sump­tion. Dar­aus haben die Her­stel­ler gelernt. Heute stel­len sie Geräte her, die gar nicht mehr so […]

  5. Mina:

    Der Grund­ge­danke ist gut und wird auch schon in vie­len Berei­chen umge­setzt. Car­sha­ring, Bikesha­ring, Gar­dens­ha­ring – alles Begriffe, die in letz­ter Zeit immer mehr an Bedeu­tung gewin­nen. Es liegt im Trend, zu tei­len oder zu mie­ten, was man sonst selbst kau­fen müsste. Grund­sätz­lich finde ich das auch rich­tig und es ist auch sicher­lich ein guter Weg, das Ganze online auf­zu­zie­hen. Den­noch glaube ich, dass es für den ganz gro­ßen Erfolg die­ses Modells noch ein biss­chen zu früh ist. In eini­gen Jah­ren kann das schon wie­der ganz anders aussehen.

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